Italien muss 'Sea-Watch' entschÀdigen - Rom schimpft auf Justiz
19.02.2026 - 13:28:45 | dpa.de(neu: Details.)
ROM (dpa-AFX) - In Italien verschĂ€rft sich vor der Volksabstimmung ĂŒber eine Justizreform der Streit zwischen der Rechts-Regierung von MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni und der Justiz. Auslöser ist ein Gerichtsurteil, wonach der italienische Staat der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch als Strafe fĂŒr das Festsetzen eines Rettungsschiffes 76.000 Euro EntschĂ€digung zahlen muss. Meloni sprach von einer "weiteren Entscheidung, die mich buchstĂ€blich sprachlos macht".
Die Regierung aus drei rechten und konservativen Parteien wirft Richtern und StaatsanwÀlten immer wieder vor, parteipolitisch zu entscheiden. Sie will das Justizsystem grundlegend reformieren. Dazu findet im nÀchsten Monat eine Volksabstimmung statt.
Hintergrund des jĂŒngsten Urteils ist ein Streitfall aus dem Juni 2019. Damals kommandierte die deutsche KapitĂ€nin Carola Rackete das Schiff "Sea-Watch 3", das BootsflĂŒchtlingen aus Afrika half, die auf dem Mittelmeer auf dem Weg nach Europa in Seenot geraten waren. Das Schiff fuhr trotz eines Verbots der damaligen Regierung in Rom, die eine harte Einwanderungspolitik verfolgte, in den Hafen der kleinen Insel Lampedusa sĂŒdlich von Sizilien ein.
Gericht stellte Verfahren gegen Rackete ein
Die etwa 40 Migranten an Bord hatten zuvor in Erwartung eines sicheren Ankunftsorts auf See ausgeharrt. Bei der Einfahrt in den Hafen kam es zu einer Kollision der "Sea-Watch 3" mit einem Boot der italienischen Finanzpolizei. Das Schiff wurde monatelang beschlagnahmt, Rackete unter Hausarrest gestellt und wegen Beihilfe zu illegaler Einwanderung angeklagt.
Auf Anordnung eines Gerichts wurde das Verfahren gegen die spĂ€tere Linke-Europaabgeordnete schlieĂlich jedoch eingestellt. FĂŒr die damalige Regierung war dies ein Affront - genau wie jetzt das neue Urteil. Es besagt, dass der italienische Staat der Hilfsorganisation die Kosten fĂŒr HafengebĂŒhren, Schiffsdiesel und Anwaltskosten erstatten muss. Kurz darauf wurde ein weiteres Urteil bekannt, wonach die Festsetzung eines anderen Schiffes, mit dem Sea-Watch jetzt im Mittelmeer unterwegs ist, aufgehoben wurde.
Meloni schimpft auf Justiz
Meloni ĂŒberzog die Richter mit Kritik. Sie warf ihnen vor, die "BekĂ€mpfung illegaler Massenmigration" zu sabotieren und den Rechtsstaat zu untergraben. "Ist es die Aufgabe der Richter, das Gesetz durchzusetzen oder diejenigen zu belohnen, die sich damit brĂŒsten, das Gesetz nicht zu respektieren?", fragte Meloni in einer Videobotschaft. Das Urteil reihe sich ein in eine lange Liste "objektiv betrachtet absurder Entscheidungen" gegen den Willen des Volkes.
Es ist nicht das erste Mal, dass Meloni und ihre Regierung in Rom Richtern und Staatsanwaltschaften vorwirft, eine vermeintlich linke Agenda zu verfolgen. Angesichts des Referendums am 22./23. MĂ€rz ist die Stimmung jedoch besonders aufgeheizt. Der PrĂ€sident des Gerichts in Palermo, Piergiorgio Morosini, wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck: "Richter wegen einer Entscheidung zu verunglimpfen, die man nicht teilt, hat nichts mit legitimer Kritik zu tun."
Politik bekÀme Einfluss auf Personalentscheidungen
Im Kern geht es bei der Reform darum, die Laufbahnen von Richtern und StaatsanwĂ€lten zu trennen. KĂŒnftig soll es im Staatsapparat nur noch Juristen geben, die entweder Recht sprechen oder Anklage erheben können. Bislang ist ein Wechsel möglich. Es soll zudem neue Selbstverwaltungsorgane fĂŒr Richter und StaatsanwĂ€lte geben. An deren Besetzung soll das Parlament beteiligt werden, womit die Politik indirekt Einfluss auf Personalentscheidungen bekĂ€me.
Die Koalition argumentiert, dass das MachtgefĂŒge zwischen Politik und Justiz neu justiert werden mĂŒsse. Kritiker der Justizreform hingegen sehen die UnabhĂ€ngigkeit von Richtern und StaatsanwĂ€lten in unmittelbarer Gefahr. In den Streit schaltete sich inzwischen sogar StaatsprĂ€sident Sergio Mattarella ein. Bei einem ĂŒberraschenden Auftritt vor dem obersten Justizrat mahnte er die Institutionen zu "gegenseitigem Respekt".
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