Welle der SolidaritĂ€t fĂŒr 'Zeit' wĂ€hrend Woche der Pressefreiheit
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 17:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWSUnisono wird ein Angriff auf die Pressefreiheit beklagt, Hamburgs Mediensenator Carsten Brosda (SPD) fordert eine rechtliche KlÀrung.
"Die Pressefreiheit ist in unserer Verfassung ein hohes Gut. Dazu gehören auch das Redaktionsgeheimnis und der Quellenschutz", sagte Brosda der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb seien dem Staat strenge rechtliche Grenzen gesetzt. Insofern werfe das Vorgehen gegenĂŒber der "Zeit" und deren Mitarbeitern Fragen auf, die dringend rechtlich geprĂŒft werden sollten.
"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo widerspricht Landgericht
Einen Tag nach der Aktion der Ermittlungsbehörden in Hamburg und Berlin widersprach "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo der Darstellung des Hamburger Landgerichts, wonach eine Journalistin seines Hauses freiwillig das Material im Zusammenhang mit dem Block-Prozess ausgehĂ€ndigt habe. Dass die Herausgabe der Aufnahmen freiwillig geschehen sei - wie das Landgericht in einer ErklĂ€rung behaupte - sei grotesk, sagte di Lorenzo in einem schriftlich gefĂŒhrten Interview der Deutschen Presse-Agentur.
"Wir sind stark unter Druck gesetzt worden: Mit der Ăbergabe konnten wir eine Durchsuchung abwenden und immerhin vermeiden, dass noch viel mehr Unterlagen und Material beschlagnahmt werden." Er könne sich in seiner seit 2004 andauernden Amtszeit als Chefredakteur an keinen vergleichbaren Ăbergriff erinnern, sagte di Lorenzo.
In einer Mitteilung des Landgerichts hatte es am Montag geheiĂen, dass die betroffene "Zeit"-Journalistin "die geforderten GegenstĂ€nde freiwillig herausgegeben" habe. Di Lorenzo sprach von insgesamt 80 Stunden GesprĂ€chsaufnahmen, die nun öffentlich werden könnten.
Verlag: Unterlagen nur versiegelt ĂŒbergeben
Laut "Zeit" hatten am Montagmorgen Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt die GeschĂ€ftsrĂ€ume des Verlagshauses in der Hamburger Innenstadt aufgesucht und mit einer Durchsuchung der RedaktionsrĂ€ume gedroht. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin erklĂ€rte ein Mitarbeiter des Verlags, dass die Redakteurin die Tonaufnahme habe und bereit sei, diese auf richterliche Anordnung herauszugeben. Daraufhin erlieĂ das Gericht einen entsprechenden Beschluss fĂŒr die Berliner Wohnung der Journalistin.
Der Zeitverlag hat nach eigenen Angaben der Beschlagnahmung widersprochen und die Unterlagen nur versiegelt ĂŒbergeben, "um einer Verwertung vor Abschluss der rechtlichen PrĂŒfung vorzubeugen".
"Werden uns deshalb mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen"
Die Verlagsgruppe kĂŒndigte rechtliche Schritte an. "Zur Pressefreiheit gehört insbesondere der Quellenschutz, der fĂŒr unabhĂ€ngig berichtende Medien entscheidend ist. Wir werden uns deshalb mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen", erklĂ€rten die Chefredakteure di Lorenzo und Jochen Wegner.
Laut Gericht steht die Sicherstellung des Materials im Zusammenhang mit dem Podcast "Zeit Verbrechen: House of Block". Darin seien Aufzeichnungen von GesprĂ€chen zu hören, die die Journalistin zwei Wochen nach der EntfĂŒhrung der beiden Kinder von Christina Block aus DĂ€nemark in der Silvesternacht 2023/24 mit der Familie des Vaters, darunter zwei Töchter, fĂŒhrte.
Sicherstellung der Aufnahmen Thema im Block-Prozess
Die Sicherstellung der Aufnahmen wurde am 82. Verhandlungstag im Hamburger Prozess um die EntfĂŒhrung der Block-Kinder thematisiert. Der Anwalt von Christina Blocks Ex-Mann Stephan Hensel sprach von einem unverhĂ€ltnismĂ€Ăigen Eingriff in die Pressefreiheit.
Die Hamburger Unternehmerin Christina Block (53) ist angeklagt, nach einem Sorgerechtsstreit eine israelische Sicherheitsfirma damit beauftragt zu haben, ihre beiden jĂŒngsten Kinder vom Wohnort des Vaters in SĂŒddĂ€nemark nach Deutschland zu entfĂŒhren. Sie bestreitet das. Es gibt sechs weitere Angeklagte.
Block-Tochter "sehr erschĂŒttert"
Neben Blocks Ex-Mann Hensel sind auch die jĂŒngere Tochter und der damals ebenfalls entfĂŒhrte zehnjĂ€hrige Sohn NebenklĂ€ger. Die Vertreterin der Kinder, Tanja Jeney, teilte dem Gericht mit, "dass meine Mandantin sehr erschĂŒttert ist". Sie habe der Journalistin die Dinge im Vertrauen erzĂ€hlt. Jetzt fĂŒhle sich ihre Mandantin schlecht, sagte die AnwĂ€ltin.
"Das VertrauensverhĂ€ltnis war in diesem Fall besonders wichtig, weil es um Aussagen geht, die eine MinderjĂ€hrige gemacht hat", sagte di Lorenzo. "In diesem Fall ist die groteske UnverhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit auch noch dadurch gegeben, dass es sich ja nicht um die Aussagen einer TatverdĂ€chtigen handelt, sondern um die eines EntfĂŒhrungsopfers, das bereits umfangreich bei der Polizei ausgesagt hatte."
Gericht sieht potenzielle Beweisbedeutung im Block-Prozess
Gegen die Sicherstellung habe ein Rechtsanwalt per Mail Beschwerde eingelegt, sagte die Vorsitzende Richterin. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin sind Beschwerden sowohl von einem Anwalt der "Zeit" als auch von einem Vertreter der Journalistin eingegangen.
Die Tonaufzeichnungen hÀtten nach EinschÀtzung des Gerichts potenzielle Beweisbedeutung. Es könnte in den aufgezeichneten GesprÀchen um UmstÀnde gehen, die noch nicht in der Hauptverhandlung thematisiert wurden.
Journalisten-VerbÀnde kritisieren VorgÀnge
UnterstĂŒtzung erhielt die "Zeit" von VerbĂ€nden und anderen Medien. So sprangen etwa "Der Spiegel", die "SĂŒddeutsche Zeitung" und die "Bild"-Zeitung den Kolleginnen und Kollegen an der Elbe bei. "Volle SolidaritĂ€t mit der "Zeit"", ĂŒbertitelte "Spiegel"-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit einen Kommentar.
"Wenn Menschen nicht mehr darauf vertrauen können, dass ihre Aussagen und Dokumente bei uns sicher sind, verlieren sie ihr Vertrauen. Und wir die Grundlage unserer Arbeit", sagte der Vorsitzende des Netzwerks Recherche, Daniel Drepper. Der Co-Vorsitzende der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), Lars Hansen, sagte: "Das Material muss ungeöffnet zurĂŒckgegeben werden und darf in keinem Verfahren verwertet werden."
Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden hatten der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und Reporter ohne Grenzen die VorgÀnge scharf kritisiert. Zumal die Aktion in die Hamburger Woche der Pressefreiheit fÀllt, die noch bis Samstag an der Elbe mit zahlreichen Veranstaltungen begangen wird.
