ROUNDUP, Tschernobyl-Anlage

Tschernobyl-Anlage fĂŒr Kernmaterial getroffen - IAEA besorgt

07.06.2026 - 16:05:04 | dpa.de

Russland hat mit einem Drohnenangriff nach ukrainischen Angaben ein GebĂ€ude des zentralen Lagers fĂŒr abgebrannte Brennelemente in der Zone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl getroffen.

Das GebĂ€ude fĂŒr die Annahme von BehĂ€ltern sei bei dem Angriff in der Nacht teilweise zerstört worden, teilte der Staatskonzern Energoatom mit. Es sei dort kein abgebrannter Kernbrennstoff gelagert worden. Die Strahlenwerte lĂ€gen innerhalb der festgelegten Grenzwerte, hieß es.

Ein Feuer habe sich auf einer FlÀche von 40 Quadratmetern ausgebreitet; es sei gelöscht worden, teilte das Unternehmen weiter mit. In dem zentralen Lager in der Sperrzone um das vor 40 Jahren havarierte AKW Tschernobyl werden abgebrannte Brennelemente aus anderen ukrainischen Kernkraftwerken langfristig gelagert.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, dass sie von ukrainischer Seite ĂŒber die "erheblichen SchĂ€den" an dem GebĂ€ude informiert worden sei. Betroffen sind demnach die Fassade, die Fenster und TĂŒren. Auch benachbarte GebĂ€ude seien durch die Druckwelle in Mitleidenschaft gezogen. Ein IAEA-Team werde die Anlage in KĂŒrze besuchen, um die Auswirkungen zu begutachten, teilte die Behörde mit.

IAEA-Chef Grossi: Vorfall Ă€ußerst besorgniserregend

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklĂ€rte bei X, der Vorfall sei Ă€ußerst besorgniserregend, da er sich in einer Liegenschaft ereignet habe, wo große Mengen an Kernmaterial gelagert seien - nur wenige Meter vom angegriffenen GebĂ€ude entfernt. Angriffe auf kerntechnische Anlagen seien völlig inakzeptabel und verstießen direkt gegen zentrale GrundsĂ€tze der nuklearen Sicherheit wĂ€hrend eines militĂ€rischen Konflikts, sagte er.

Im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, der seit mehr als vier Jahren andauert, kam es bereits mehrfach zu ZwischenfĂ€llen auch an Kernkraftwerken. Besonders betroffen von den KĂ€mpfen ist das von Russland besetzte AKW Saporischschja im SĂŒden. Russland wirft der Ukraine immer wieder vor, das Kraftwerk anzugreifen. Kiew fordert von Moskau die RĂŒckgabe dieses grĂ¶ĂŸten europĂ€ischen Kernkraftwerks.

Auch in der Tschernobyl-Sperrzone kommt es immer wieder zu Angriffen. Am 26. April 1986 war in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine ein Test im AKW Tschernobyl außer Kontrolle geraten, und es trat der grĂ¶ĂŸte anzunehmende Unfall (GAU) ein. Radioaktive Wolken breiteten sich abgeschwĂ€cht bis nach Nord- und Westeuropa aus.

PrÀsident Selenskyj wirft Moskau einen gezielten Angriff vor

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, das Lager in der Tschernobyl-Zone gezielt angegriffen zu haben. Es handle sich um einen "außerordentlich hinterhĂ€ltigen russischen Angriff", teilte er bei Telegram mit. Die zustĂ€ndigen Ministerien und Dienste informierten nun die Partner Kiews darĂŒber, teilte er bei Telegram mit.

Der Vorfall dĂŒrfte auch eine Rolle spielen bei einem neuen Ukraine-Treffen in London. In der britischen Hauptstadt kommen heute Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer mit Selenskyj zusammen.

"Russland hat absichtlich genau diese Anlage der nuklearen Infrastruktur getroffen", sagte Selenskyj. Es gebe zwar keine Überschreitung der Grenzwerte fĂŒr die Strahlung, aber "eine Überschreitung der ohnehin schon himmelhohen russischen UnverschĂ€mtheit".

Ukraine fordert mehr Druck auf Russland

Selenskyj forderte einmal die Weltgemeinschaft zum Durchgreifen gegen Russland auf. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha beklagte, dass Russland nicht das erste Mal eine nukleare Anlage einer Gefahr ausgesetzt habe. "Russlands nukleare Erpressung und GefĂ€hrdung der nuklearen Sicherheit sind systematisch, absichtlich und inakzeptabel", teilte Sybiha bei X mit. Die ganze Welt mĂŒsse dieses Vorgehen verurteilen und den Druck auf den Aggressor erhöhen, verlangte er.

Russland nahm erneut auch andere Teil der Ukraine unter Beschuss. "In dieser Nacht gab es russische Angriffe auch auf andere zivile Objekte in 13 unserer Regionen", sagte PrĂ€sident Selenskyj. Im Laufe der Woche habe Russland 88 Raketen und Marschflugkörper, ĂŒber 3.250 Kampfdrohnen und etwa 1.800 Gleitbomben gegen die Ukraine eingesetzt.

Die Behörden in der umkĂ€mpften sĂŒdukrainischen Region Saporischschja meldeten am Vormittag, dass eine russische Gleitbombe drei Menschen in einem Dorf getötet habe. Sie hatten sich an einer Bushaltestelle aufgehalten.

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