Sivers Semiconductors Aktie: Ningi-Bericht belastet
20.06.2026 - 01:01:53 | boerse-global.de
Vom Penny-Stock zum Kursvervielfacher in drei Monaten — und jetzt das. Sivers Semiconductors steht unter juristischem Beschuss, während das Auftragsbuch gleichzeitig Rekordniveau erreicht. Selten klafft der Abstand zwischen kommerzieller Dynamik und Governance-Risiko so weit auseinander.
Die Aktie notiert bei 8,69 Euro, rund 62 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Seit März hat sich der Kurs mehr als verzwanzigfacht — vom 52-Wochen-Tief bei 0,27 Euro auf das aktuelle Niveau.
Betrugsvorwürfe und juristische Prüfung
Der Auslöser der Unruhe: Der Leerverkäufer Ningi Research veröffentlichte Anfang Juni einen Bericht. Darin wirft er Sivers vor, Forschungsfördergelder als kommerzielle Umsätze verbucht zu haben. Betroffen sollen rund 31 Prozent der ausgewiesenen Erlöse für 2025 sein.
Zwei US-Anwaltskanzleien prüfen seither mögliche Verstöße gegen Wertpapiergesetze. Klagen wurden bislang nicht eingereicht. Das Management hat sich öffentlich nicht geäußert.
Erschwerend kommt hinzu: Eine Umstellung der Buchführung auf US-GAAP legte tiefere Verluste offen. Der Nettoverlust für 2025 stieg auf 222,6 Millionen Schwedische Kronen.
Hauptversammlung baut das Board komplett um
Die Jahreshauptversammlung am 15. Juni war alles andere als Routine. Kurz vor dem Treffen traten Vize-Vorsitzender Tomas Duffy sowie die Gründer Erik Fallström und Keith Halsey zurück.
Das neue Board: Bami Bastani bleibt Vorsitzender. Joakim Nideborn rückt als neuer Vize-Vorsitzender nach. Neu gewählt wurde außerdem Helena Svancar. Karin Raj und Todd Thomson wurden wiedergewählt.
Die Vergütungsstruktur wurde ebenfalls reformiert. Jedes Boardmitglied erhält eine Million Schwedische Kronen über einen Aktienplan — rund die Hälfte davon fließt in den Kauf von Sivers-Aktien, die ein Jahr lang gesperrt bleiben. Der Rest deckt die anfallenden Steuern. Der Vorsitzende bekommt 1,05 Millionen Kronen als Jahreshonorar, der Vize-Vorsitzende 600.000 Kronen, jedes weitere Mitglied 350.000 Kronen.
Nasdaq-Listing vertagt, Kapitalspielraum bleibt
Das meistbeachtete Tagesordnungspunkt wurde zurückgezogen: Ein Antrag zur Genehmigung von bis zu 53,8 Millionen neuen Aktien für ein Zweitlisting an der Nasdaq — entsprechend rund 15 Prozent Verwässerung — kam nicht zur Abstimmung. Das neue Board erhielt jedoch ein allgemeines Mandat, dieselbe Aktienzahl künftig auszugeben. Gegen Barzahlung, Sacheinlagen oder Forderungsverrechnung.
Drei geplante Mitarbeiter-Incentiveprogramme wurden ebenfalls vertagt. Das Board will sie überarbeiten und bei einer künftigen Hauptversammlung vorlegen.
Ratifiziert wurde hingegen ein im März beschlossenes Wandeldarlehen. Volumen: rund 327.000 US-Dollar, aufgeteilt in 622.719 Wandelschuldverschreibungen. Gläubiger ist Bootstrap Europe 4.0 S.à r.l. Der Zinssatz beträgt 10,85 Prozent pro Jahr, Laufzeit bis 31. Dezember 2029.
Rekordaufträge, schwache Quartalszahlen
Das kommerzielle Bild ist widersprüchlich. Das Auftragsbuch wuchs seit Jahresbeginn um 77 Prozent auf einen Rekordwert von 799 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen wertet diese Zahl als Frühindikator für künftige Umsätze.
Der tatsächliche Umsatz im ersten Quartal 2026 erzählte eine andere Geschichte: 61,9 Millionen Schwedische Kronen — ein Rückgang von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 13,8 Millionen Kronen. Als Ursachen nennt das Unternehmen den US-Regierungsstillstand im vierten Quartal 2025 und Verzögerungen bei der Genehmigung des Verteidigungsbudgets.
Die annualisierte Volatilität der Aktie liegt bei rund 236 Prozent. Das spiegelt wider, wie viel Unsicherheit in diesem Titel steckt.
Am 6. August legt Sivers den Bericht für das zweite Quartal vor. Dann wird sich zeigen, ob das Rekordauftragsbuch tatsächlich in Umsatz umgewandelt werden kann — und ob das neue Board die Glaubwürdigkeit zurückgewinnt, die die Betrugsvorwürfe erschüttert haben.
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