ROUNDUPStudie, Jugendliche

Jugendliche erleben Social Media als Achterbahnfahrt

Veröffentlicht am: 15.07.2026 um 12:36 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Ungewollte Nacktbilder, Mobbing und drastische Gewaltdarstellungen empfinden Jugendliche beim Scrollen durch Social Media als besonders belastend.

Der Kontakt mit problematischen Inhalten ist fĂŒr viele lĂ€ngst Teil ihrer Lebenswelt. Das geht aus der in Mainz vorgestellten reprĂ€sentativen JIM-Plus-Studie des MedienpĂ€dagogischen Forschungsverbands SĂŒdwest hervor.

Die Studie hat das digitale Wohlbefinden 14- bis 17-JĂ€hriger in Deutschland untersucht und bezeichnet ihren Umgang mit Social Media als einen "Drahtseilakt zwischen Inspiration und Belastung". Das Auf und Ab von positiven und belastenden Erfahrungen gleiche fĂŒr viele einer Achterbahnfahrt.

Wie wichtig sind digitale Medien fĂŒr das Wohlbefinden?

Soziale Beziehungen mit Freunden, im Sport und in der Familie spielen fĂŒr das persönliche Wohlbefinden der Befragten eine zentrale Rolle. Auf Social Media unterwegs sein, nennt nicht einmal jeder FĂŒnfte als eine von drei Top-WohlfĂŒhlaktionen.

Bei Sorgen und Belastungen greifen Jugendliche vor allem zu Musik und suchen GesprĂ€che mit vertrauten Personen. Nur zwölf Prozent nutzen den Austausch mit KI-Chatbots. Social Media als Ablenkung ist vor allem fĂŒr MĂ€dchen und ĂŒber 16-JĂ€hrige eine Strategie - jeweils fĂŒr mehr als die HĂ€lfte.

Was macht das Scrollen mit jungen Menschen?

72 Prozent geben an, dass Social Media sie von Dingen ablenkt, die sie eigentlich tun sollten. 55 Prozent berichten, ihnen fehle dadurch Zeit fĂŒr Erholung und FreizeitaktivitĂ€ten; genauso viele haben das GefĂŒhl, ihre Zeit auf Social Media zu verschwenden. 61 Prozent sind wegen der KI-Inhalte verunsichert, was real ist und was nicht. Und 40 Prozent haben das GefĂŒhl, dass ihre Konzentration nachlĂ€sst.

Fast zwei Drittel der Nutzenden vergleichen sich "automatisch" mit anderen. Gut die HĂ€lfte hat dabei den Eindruck, "dass andere ein besseres Leben fĂŒhren als ich".

MĂ€dchen nutzen soziale Netzwerke hĂ€ufiger als Jungen, berichten zugleich aber auch hĂ€ufiger von Vergleichsdruck und geben deutlich öfter an, sich im eigenen Körper unwohl zu fĂŒhlen

Was erleben sie als positiv?

Social Media und dabei vor allem YouTube, Instagram, TikTok und Snapchat spielen fĂŒr das digitale Wohlbefinden junger Menschen die zentrale Rolle. Die Nutzung der Plattformen ist derzeit die verbreitetste Online-AktivitĂ€t unter Jugendlichen, wie die Studie feststellt.

Die Plattformen bieten 82 Prozent einen wichtigen Zugang zu Wissen. Und etwa die HĂ€lfte berichtet, sich dort verstanden zu fĂŒhlen.

Wie gehen sie mit problematischen Inhalten um?

Am hÀufigsten begegnen Jugendliche im Internet der Studie zufolge Fake News (71 Prozent), extremen politischen oder religiösen Inhalten (43 Prozent) sowie Hate Speech (40 Prozent). Inhalte, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen, belasten sie neben Nacktbildern, Mobbing und Gewaltdarstellungen am stÀrksten.

Die meisten Jugendlichen reagieren auf problematische Inhalte mit Weiterscrollen. Etwa jeder Dritte gibt an, sich an solche Inhalte auf Social Media gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet den Plattformen problematische BeitrÀge.

Am hĂ€ufigsten werden problematische Inhalte mit TikTok in Verbindung gebracht. "Obwohl die Plattform im Vergleich zu anderen Diensten am kritischsten bewertet wird, ist sie auf Platz zwei der Dienste, die die Jugendlichen am meisten vermissen wĂŒrden", stellt die Studie fest. Bei MĂ€dchen sogar auf Platz eins. TikTok hat mit 13 Prozent auch den höchsten Anteil an sehr intensiven Nutzender (mehr als drei Stunden pro Tag).

Welches Mindestalter wird diskutiert?

In Deutschland werden immer wieder Social-Media-BeschrĂ€nkungen gefordert. Nach Vorstellung von Experten der EU-Kommission sollten Kinder unter 13 Jahren einen beschrĂ€nkten Zugang zu sozialen Medien haben. Ab 13 Jahren sollten sie dann zunehmend selbststĂ€ndig Zugang zu altersentsprechenden Social-Media-Angeboten bekommen. Solche ZugĂ€nge sollten aber standardmĂ€ĂŸige Sicherheitsvorkehrungen haben.

EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hat sich fĂŒr schrittweisen Zugang fĂŒr verschiedene Altersgruppen ausgesprochen. Es herrsche bereits Einigkeit darĂŒber, dass es ein Mindestalter geben mĂŒsse, ab dem Kinder soziale Medien nutzen dĂŒrften, hatte sie Anfang der Woche in BrĂŒssel bei der Vorstellung der Experten-Empfehlungen gesagt. Sie kĂŒndigte einen Vorschlag der BrĂŒsseler Behörde nach dem Sommer an.

Wie sehen die Jugendlichen AltersbeschrÀnkungen?

Mehr als die HĂ€lfte der Befragten steht einem Verbot skeptisch gegenĂŒber, "weil es sehr einfach ist, dieses zu umgehen". Zugleich sind 43 Prozent der Meinung, dass Social Media fĂŒr alle unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte.

Die Mehrheit der Plattformnutzenden empfiehlt rĂŒckblickend zumindest ein höheres Einstiegsalter, als sie es selbst bei der ersten Nutzung hatten. 47 Prozent der Befragten beneiden gar die Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind - vor allem MĂ€dchen (52 zu 42 Prozent).

In der aktuellen Verbotsdebatte sieht nicht einmal jeder Zehnte die Perspektive von Jugendlichen als ausreichend berĂŒcksichtigt.

Was ist das eigentlich fĂŒr eine Studie?

Die Studie ist eine ErgĂ€nzung der seit 1998 jĂ€hrlich veröffentlichten JIM-Studien zum Medienverhalten Jugendlicher in Deutschland. JIM steht fĂŒr Jugend, Information und Medien. Zum MedienpĂ€dagogischer Forschungsverbund SĂŒdwest gehören die Landesanstalt fĂŒr Kommunikation Baden-WĂŒrttemberg (LFK) und die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, in Zusammenarbeit mit dem SWR.

Disclaimer...
de | boerse | 69772803 |