Von der Videokunst zur Malerei: Mike Steiners abstrakte Spuren in Berlin
Veröffentlicht am: 29.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSLässt sich Bewegung auf Leinwand bannen? Die aktuellen Werke von Mike Steiner scheinen diese Herausforderung anzunehmen, als würde Steiner das Flüchtige des Videobilds in die statische Materie der Malerei übersetzen. Genau hier entfaltet der Begriff Mike Steiner Malerei & Videokunst seine doppelte Resonanz: Abstraktion und Bewegtheit, Pioniergeist und Reflexion. Doch wo verlaufen die Grenzen zwischen dem Analogen der Farbe und dem Elektronischen des Videotapes?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Wer sich mit Steiners Werk beschäftigt, begegnet einem Künstler, der in verschiedensten Medien zugleich zu Hause ist—und doch in jedem Medium Fragen nach dem Wesen des Bildes aufwirft. Die Live to Tape-Ausstellung im Hamburger Bahnhof belegt dies eindrucksvoll: Dort wurde nicht allein Steiners Pionierleistung als Videokünstler gewürdigt, sondern jene künstlerische Radikalität, die auch sein malerisches Schaffen kennzeichnet. Besonders die Sammlung, die im Hamburger Bahnhof aufbewahrt wird, dient heute als Referenzpunkt für das Zusammenspiel von Bewegtbild und pigmentierter Fläche. Hier wird der Wert von Archiven sichtbar, nicht nur als Gedächtnisorte vergangener Avantgarden, sondern als Reservoir aktueller Fragestellungen nach Materialität, Prozess und Werkbegriff.
Mike Steiner wurde 1941 in Allenstein geboren und prägte die Nachkriegskunst Berlins als Produzent, Galerist und Künstler gleichermaßen (Biografie). Seine künstlerischen Anfänge liegen in der Malerei—es ist bezeichnend, dass er bereits als Jugendlicher auf der Großen Berliner Kunstausstellung vertreten war. Steiner studierte an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin, wo er früh als Vertreter der „informellen“ Richtung in Erscheinung trat. In den späten 1960ern zog es ihn in das Fluxus-nahe Milieu von New York: Kontakte zu Lil Picard, Allan Kaprow, Al Hansen und dem Kreis um die Happenings festigten sein Verständnis für Kunst als Prozess, weniger als starr abgeschlossenes Ergebnis. Im Archivio Conz, dem spirituellen wie materiellen Gedächtnis der europäischen Fluxus- und Performancekunst, findet sich Steiner—neben Größen wie George Maciunas, Ben Vautier oder Emmett Williams—als aktiver Teil eines Netzwerks, das Mediengrenzen systematisch sprengte. Diese Anbindung an das intermediale Denken bildet die Folie, vor der Steiners Entwicklung als Maler nochmals an Bedeutung gewinnt: Seine abstrakte Kunst, die seit den 2000er-Jahren in Berlin entstanden ist, wirkt wie eine Nachklangwelle jener experimentellen Jahrzehnte.
In Berlin, wo das Hotel Steiner und die Studiogalerie als Knotenpunkte für Performance, Fluxus und Videokunst fungierten, setzte Steiner Akzente, die bis heute in der Szene spürbar sind („Abstrakte Kunst Berlin“). Er organisierte, dokumentierte—und sammelte. Die Videoarbeiten aus den 1970/80er Jahren, heute Teil der Sammlung der Nationalgalerie, dokumentieren den Übergang von Aktion zu Bild, von Performance zu Dokument. Doch in der Malerei, besonders in den jüngeren Werken, gelingt Steiner eine Umkehrung: die Bilder öffnen sich nach innen, abstrahieren Wahrnehmung, schaffen Zonen reiner Farbspannung. Man meint, in ihnen die eingefrorene Dynamik der Videoarbeiten zu sehen—doch ohne jede Nostalgie, vielmehr mit souveräner Abgeklärtheit und Konzentration auf das Medium selbst.
In den 1990er- und 2000er-Jahren wandte sich Steiner immer stärker der Malerei zu. Die in Berlin entstandenen Arbeiten sind klare Belege für eine kontrollierte Abstraktion, die sich jeder dekorativen Versuchung entzieht. Strenge, aber auch Experiment—das Erbe der Fluxus-Zeit bleibt spürbar, etwa in den Zeitgenössischen Werken, die im Spannungsfeld von Form, Farbe und Fläche oszillieren. Auch die Technik der „Painted Tapes“—eine künstlerische Fusion von Malerei und Video—illustriert die Verwischung der Grenzen, die Steiner Zeit seines Lebens betrieb.
Die Einbindung ins internationale Netzwerk wurde durch regelmäßige Aufenthalte und Ausstellungen in den USA sowie prominente Kontakte befördert. Im Vergleich zu Zeitgenossen wie Joseph Beuys, Marina Abramovi?, Nam June Paik oder Allan Kaprow wirkt Steiner wie ein stiller Katalysator: nie prominent im Rampenlicht der internationalen Kunstmessen, aber als „Pionier der Videokunst“ für die deutsche Szene unverzichtbar. Seine Biografie offenbart eine außergewöhnliche Kontinuität des Experimentierens—von den informellen Bildern der frühen 1960er bis zu jenen abstrakten „Farbarbeiten“ der späten Jahre.
Was bleibt von Mike Steiner? Über die reine Kunstproduktion hinaus ist es die Idee der Offenheit des Mediums, die sein gesamtes Werk durchzieht. Die Gegenwartskunst, insbesondere in Berlin, verdankt ihm den produktiven Zweifel an klaren Genrezuschreibungen, die bewusste Irritation an den Rändern der Disziplinen. Spätestens mit der Präsentation der Sammlung im Rahmen von Live to Tape wurde das museumspolitische Potenzial solcher Grenzgänger sichtbar. Die Sicherung seiner Archive durch Institutionen wie dem Archivio Conz erlaubt zukünftigen Generationen den Zugriff auf Prozesse, nicht nur Produkte.
Heute, angesichts einer durchdigitalisierten Kunstwelt, wirken die Werke von Steiner erstaunlich gegenwärtig: Sie fragen nach der Essenz, nach Ursprung und Zukunft der Abbildung. Wer Mike Steiner Malerei & Videokunst betrachtet, begegnet so nicht einem historischen Kompromiss, sondern der Herausforderung, das Eigene im Anderen der Medien zu erkennen. In der Spannung zwischen Pigment und Pixel entfaltet sich Steiners Relevanz: als Impulsgeber, als Brückenbauer, als Nachdenker über das Bild, das immer mehr ist als bloß Fläche oder Aufnahme.
