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Wird Kanada eine Art EU-Mitglied? Heute ist Carney am Zug

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 07:04 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Wird Kanada das "erste assoziierte Mitglied" der EU? Ein Vorstoß von EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hat am Mittwoch fĂŒr viel Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt - und etliche Fragen aufgeworfen.

Antworten könnte nun die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney liefern, der heute Vormittag vor dem EuropĂ€ischen Parlament in Straßburg spricht. Darum geht es:

Was hat Ursula von der Leyen vorgeschlagen?

Die EU-KommissionsprĂ€sidentin will Kanada zum ersten "assoziierten Mitglied" der EuropĂ€ischen Union machen und die Beziehungen damit auf "das höchstmögliche Niveau" bringen. Als konkrete Bereiche fĂŒr eine mögliche engere Zusammenarbeit nannte sie Technologiefragen, die RĂŒstungsgĂŒterproduktion sowie die KĂŒnstliche Intelligenz und die Arktispolitik.

Woher kommt die Idee einer "assoziierten Mitgliedschaft"?

In der aktuellen europĂ€ischen Debatte wurde der Begriff zuletzt vor allem durch Bundeskanzler Friedrich Merz prominent. Der CDU-Politiker hatte im Juni fĂŒr die Ukraine eine "assoziierte Mitgliedschaft" als Zwischenschritt auf dem Weg zum regulĂ€ren EU-Beitritt vorgeschlagen. Nach seinen Vorstellungen könnte die Ukraine schon vor dem Beitritt regelmĂ€ĂŸig an Treffen des EuropĂ€ischen Rates und der Fachminister teilnehmen. Denkbar seien außerdem ein ukrainischer Kommissar ohne GeschĂ€ftsbereich und Stimmrecht sowie ukrainische Abgeordnete, die ohne Stimmrecht an den Beratungen des EuropĂ€ischen Parlaments teilnehmen. Merz betonte zugleich, dass dieser Status kein Ersatz fĂŒr die Vollmitgliedschaft sein solle, sondern eine Vorstufe dazu.

Was will von der Leyen?

Bislang: nichts klar Definiertes. Einen offiziellen Status als "assoziiertes Mitglied" kennt das EU-Vertragswerk nicht. Es gibt Vollmitglieder, Beitrittskandidaten und zahlreiche Formen enger Partnerschaft mit Drittstaaten - aber keine Mitgliedschaft zweiter Klasse mit diesem Namen. Die EU-VertrÀge erlauben allerdings sogenannte Assoziierungsabkommen mit Drittstaaten, die gegenseitige Rechte und Pflichten sowie gemeinsame Verfahren festlegen können.

Wie weit von der Leyen darĂŒber hinausgehen will, muss sie noch erlĂ€utern. Denkbar wĂ€re eine Konstruktion, bei der Kanada bei bestimmten Themen systematisch konsultiert wird oder an ausgewĂ€hlten EU-Programmen und -Formaten teilnimmt. Solche Beteiligungen von Drittstaaten gibt es allerdings schon heute. Eine regulĂ€re Mitgliedschaft ist nach den geltenden VertrĂ€gen nicht möglich, weil sie laut Artikel 49 des EU-Vertrags europĂ€ischen Staaten vorbehalten ist.

WĂŒrde Kanada ĂŒberhaupt in die EU wollen?

Carney sagte zuletzt am Sonntag, Kanada strebe nicht danach, Mitglied der EuropĂ€ischen Union zu werden. Er spricht ausdrĂŒcklich von grĂ¶ĂŸerer "strategischer Autonomie" und davon, ein dichtes Netz verlĂ€sslicher Partnerschaften aufzubauen. Ziel ist nach seinen Worten eine "einzigartige Sicherheits- und Wirtschaftsallianz" mit der EU. Das geschieht auch vor dem Hintergrund der starken Spannungen mit den USA unter PrĂ€sident Donald Trump.

Ist das Vorhaben gegen die USA gerichtet?

Von der Leyen sagte, die angestrebte Partnerschaft richte sich nicht gegen andere, sondern solle die gemeinsame StÀrke Europas und Kanadas erhöhen. Auch Carney stellt seine Politik als Diversifizierung dar und nicht als Abkehr von den USA. Die schwierigen Beziehungen zu Washington erklÀren allerdings mit, warum Ottawa seine Verbindungen nach Europa derzeit besonders schnell vertieft.

Wie reagiert US-PrÀsident Trump?

Auf von der Leyens Vorschlag einer "assoziierten Mitgliedschaft" fĂŒr Kanada angesprochen, sagte Trump am Mittwochabend (Ortszeit): "Ich halte das fĂŒr lĂ€cherlich." Falls er das Vorgehen als "feindseligen Akt" empfinden sollte, wĂŒrde er "sehr hohe Zölle" verhĂ€ngen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen, warnte Trump vor Reportern. Der PrĂ€sident sagte allerdings auch, dass das Vorgehen in Ordnung sei, falls die Absicht dahinter gut sei - ohne genauer zu erlĂ€utern, woran er das festmachen wĂŒrde.

Wie eng sind Kanada und die EU schon heute verbunden?

Erheblich enger als der neue Begriff zunĂ€chst vermuten lĂ€sst. Seit 2017 wird das Freihandelsabkommen Ceta vorlĂ€ufig angewendet. Kanada ist zudem seit 2024 an einem wichtigen Teil des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe beteiligt. 2025 schlossen beide Seiten eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Seit Juni dieses Jahres ist Kanada außerdem das erste nichteuropĂ€ische Land, das am EU-Verteidigungsinstrument Safe beteiligt ist. Kanadische Unternehmen und Produkte können damit unter erleichterten Bedingungen bei gemeinsamen Beschaffungen berĂŒcksichtigt werden.

Um Ceta gab es jahrelang in der EU Streit. Könnte sich das bei der assoziierten Mitgliedschaft wiederholen?

Das ist zumindest nicht ausgeschlossen. 17 der 27 EU-Staaten haben Ceta vollstĂ€ndig ratifiziert; in zehn LĂ€ndern - darunter Belgien, Frankreich, Irland, Italien und Polen - ist das nationale Zustimmungsverfahren allerdings bislang nicht abgeschlossen. Das verhindert den Großteil des Handelsabkommens nicht, zeigt aber, wie schwierig die politische Zustimmung zu weitreichenden VertrĂ€gen mit Drittstaaten sein kann.

Wie geht es nun weiter?

ZunĂ€chst mĂŒssen EU-Kommission und Kanada klĂ€ren, wie aus dem politischen Vorschlag ein konkretes Modell werden kann. Welche Bereiche sollen dazugehören? Welche Mitspracherechte bekommt Kanada? Welche Verpflichtungen ĂŒbernimmt es? Und welche Rechtsgrundlage wird genutzt? Eine erste wichtige Wegmarke dĂŒrfte der nĂ€chste EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober sein. Schon vor von der Leyens Rede hatte die Kommission diesen Termin als nĂ€chsten wichtigen Schritt in den Beziehungen hervorgehoben.

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