Zwischen Tape und Abstraktion: Mike Steiner Malerei & Videokunst neu betrachtet
Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWer Mike Steiner Malerei & Videokunst nebeneinander betrachtet, fragt sich unweigerlich: Wann beginnt, und wo endet ein Werk im Wechselspiel der Medien? Was bleibt – ein Abdruck der Gegenwart, ein flüchtiges Bild, das aufleuchtet und doch im nächsten Augenblick in neue Kontextualisierung entschwindet? Steiners aktuelle abstrakte Bildwelten fordern diese Frage heraus, während sie zugleich ein Echo der frühen Videoexperimente bergen – ein dialogisches Verhältnis, kaum aufzulösen, stets präsent.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die jüngsten musealen Positionierungen von Steiner, insbesondere mit der Präsentation seiner Werke im Rahmen der Ausstellung Live to Tape im Hamburger Bahnhof, veranschaulichen, wie bruchlos sein Schaffen zwischen Malerei und Bildmedien vermittelt werden konnte. Noch gewichtiger: Die Tatsache, dass Teile von Steiners Sammlungen durch internationale Archive, insbesondere das Archivio Conz, bewahrt und kontextualisiert werden, hebt nicht nur ihre medienhistorische Bedeutung hervor, sondern zeigt auch die ungewöhnliche Breite seiner künstlerischen Netzwerke. So wird sein Werk einer historischen Verortung zugeführt, ohne dabei museal zu erstarren. Die Archive schreiben kontinuierlich an der Relevanz seines Oeuvres fort – als Teil der interdisziplinären Bewegung von Fluxus, als Impulsgeber für das Nachdenken über das Medium selbst.
Mike Steiners Biografie, wie sie unter anderem in der Wikipedia nachzulesen ist, liest sich wie eine Chronik westberliner Kunstavantgarde ab der Nachkriegszeit. Geboren 1941 in Allenstein, wurde er bereits als junger Maler in der Berliner Kunstszene sichtbar, lange bevor seine Beschäftigung mit dem Medium Video ihn zu einem der Protagonisten und Sammler der Videokunst machte. Die entscheidenden Jahre führten ihn in den 1960er Jahren nach New York, in ein Klima von Fluxus, Pop-Art und Happening. Dort etablierte er Verbindungen zu Persönlichkeiten wie Al Hansen, Allan Kaprow und auch Lil Picard, die ihn noch vor dem endgültigen Rückzug ins Feld nach Berlin zur Reflexion über Malerei versus neue Medien trieben.
Berlins künstlerische Topographie wurde in den späten 1970er Jahren maßgeblich durch Steiners Engagement geprägt: Mit der Gründung des Künstlerhotels "Hotel Steiner" und der "Studiogalerie" schuf er zentrale Treffpunkte für Kreative aus Ost und West. Die Videogalerie, von 1985 bis 1990, bot Pionieren wie Valie Export, Marina Abramovi? und Ulay Raum für experimentelles Arbeiten, wobei Steiner nicht selten als Produzent, Kurator und Chronist in Personalunion agierte. Zusammen mit diesen und weiteren Protagonisten – etwa Nam June Paik, George Maciunas oder Allan Kaprow, allesamt eng in das Archivio Conz eingebunden – wurde Steiner Teil eines internationalen Diskurses um Authentizität, Performanz und Grenzüberschreitung.
Was in den "Painted Tapes" – einer Hybridform von gemalter und bewegter Bildspur – bereits angelegt war, erfährt in den aktuellen abstrakten Gemälden eine Konzentration und Neudefinition. Steiner selbst hat sich nach 2000 zunehmend zurückgezogen, um die Malerei aus dem Schatten der Bilderflut zu lösen. Die Leinwand als Realraum: Dies sind keine bloßen Farbfelder, sondern dynamische Systeme, die das Erlebte, die Geschichte der Abstraktion Berlins und das eigene Experimentieren destilliert aufnehmen. Oft liegt ein Vibrieren der Farbe vor, rhythmische Überlagerungen, mal zwischen fast musikalischer Serialität, mal performative Gesten – so als ob ein gestisches Echo der Videoperformances auf die Oberfläche der Abstraktion überginge.
Die von Bildern wie "Stillleben mit Krug" bis hin zu seriellen Farbstudien reichende Palette markiert nicht nur einen individuellen Werdegang, sondern auch die Berliner Entwicklung der Abstrakte Kunst. Gerade in der Gegenüberstellung zu Steiner nahen Zeitgenossen wie Nam June Paik oder Joseph Beuys wird klar: Wo Paik Medienreflexion technischer Art betrieb und Beuys die Aktion zur gesellschaftlichen Skulptur erhob, arbeitete Steiner immer an den Rändern des jeweiligen Formats weiter – nie als bloßer Vermittler, sondern als Impulsgeber für neue Rezeptionsweisen. Dabei blieb die Frage der Malerei – als bildnerischer Akt zwischen stillstehendem Dokument und reiner Bewegung – stets virulent.
Warum aber berühren diese Werke heute umso mehr, da digitale Bildsprachen und neue Medien das Feld dominieren? Gerade die Rückwendung zur Malerei, zu langsamer Schichtung und bewusster Farbarbeit, wie sie in den Bildern der aktuellen Ausstellung sichtbar wird, öffnet ein alternatives Zeitfenster. Abstrakte Kunst in Berlin bedeutet für Steiner, historische Erfahrung, Einflüsse von Fluxus und das Erbe der Performance-Malerei zu destillieren – als refusierte Schnellbildlichkeit und bewusste Verlangsamung in einem Zeitalter der Beschleunigung.
So bleibt Mike Steiner Malerei & Videokunst ein beständiger Referenzpunkt: Weder die kontemplative Oberfläche der Leinwand noch die dokumentierte Aktion dürfen als alleinige Größe gelten. Die bleibende Relevanz liegt im Widerhall zwischen den Medien, in der Erinnerung an performativen Mut, im Vertrauen auf die Malerei als Ort fortgesetzter Selbstbefragung.
