Amazon Aktie: 15,18-Prozent-Sprung auf 235,65 Euro
Veröffentlicht am: 01.08.2026 um 11:55 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Jahrelang stand Amazon für die letzte Meile: blaue Lieferwagen, riesige Lagerhallen, Pakete am selben Tag. Nach dem jüngsten Quartalsbericht zählt plötzlich eine andere Meile – die erste, die Infrastruktur für künstliche Intelligenz. Der Markt hat sein Bild vom Konzern über Nacht neu sortiert.
Am Freitag schoss die Aktie um 15,18 Prozent auf 235,65 Euro nach oben. Damit fehlen nur noch 1,01 Prozent bis zum 52-Wochen-Hoch. Eine derartige Bewegung an einem einzigen Handelstag ist selbst für Amazon außergewöhnlich.
Die Cloud zieht wieder an
Auslöser der Rally war das Cloud-Geschäft AWS. Die Sparte steigerte ihren Umsatz um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar – das schnellste Wachstum seit 18 Quartalen.
Noch aussagekräftiger für die langfristige Bewertung ist der Auftragsbestand. Die sogenannten Remaining Performance Obligations von AWS wuchsen auf 496 Milliarden Dollar. Allein im letzten Quartal kamen 132 Milliarden Dollar hinzu.
Das ist mehr als ein saisonaler Ausschlag. CEO Andy Jassy sagte, die Nachfrage übersteige derzeit die verfügbaren Kapazitäten. Lieferengpässe bei Cloud-Infrastruktur dürften bis 2027 anhalten – aus einem Belastungsfaktor ist damit ein Wettbewerbsvorteil geworden.
Der Preis der Chip-Krone
Um diese Nachfrage zu bedienen, hebt Amazon die Investitionsprognose für 2026 auf 220 Milliarden Dollar an. Eine gewaltige Summe, die bereits jetzt die Liquidität belastet.
Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate ist auf minus 7,6 Milliarden Dollar gerutscht. Im Vorjahreszeitraum standen noch plus 18,2 Milliarden Dollar zu Buche. In einem normalen Marktumfeld würde ein solcher Kapitalverbrauch Anleger eher verschrecken.
Reicht ein einziges Rekordquartal aus, um einen derart massiven Cash-Abfluss zu rechtfertigen? Investoren blicken offenbar weniger auf die Höhe der Ausgaben als auf deren Qualität. Amazons eigene Chip-Linien Trainium und Graviton erreichen inzwischen einen annualisierten Umsatz von über 25 Milliarden Dollar. Mit eigener Halbleiter-Entwicklung will der Konzern die Kosten für Training und Inferenz von KI-Modellen senken – und die operative AWS-Marge von 39,4 Prozent vor den überteuerten Preisen externer Speicher- und Chiplieferanten schützen.
Werbung, Roboter und die zweite Säule
Während die Cloud die Schlagzeilen bestimmte, lieferte das klassische Geschäft aus Handel und Werbung das Fundament für den Kursgewinn von 19,64 Prozent seit Jahresbeginn. Die Werbeerlöse kletterten um 26 Prozent auf 19,8 Milliarden Dollar. Getrieben wurde das Wachstum durch Anzeigen bei Prime Video sowie Live-Übertragungen von NBA und NASCAR.
Parallel dazu wird die Logistik zunehmend autonom. Amazon betreibt inzwischen über eine Million Roboter im eigenen Netzwerk und will die Zahl fortschrittlicher Greifarme wie Cardinal und Sparrow im Jahr 2026 verdoppeln. In der ersten Jahreshälfte kam bereits mehr als 40 Prozent der bestellten Artikel am selben Tag oder über Nacht beim Kunden an.
Ausblick
Amazon zählt damit wieder zur Spitzengruppe der "Magnificent Seven" – während Konkurrent Apple in dieser Woche mit Lieferengpässen zu kämpfen hatte. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 272,83 Euro und impliziert vom aktuellen Kurs aus noch gut 15,8 Prozent Aufwärtspotenzial.
Im August dürfte sich der Blick der Anleger verschieben: weg von der schieren Größe der Investitionssumme, hin zur Frage, wie effizient Amazon dieses Kapital in margenstarke KI-Dienste verwandelt.
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