Amazon Aktie: AWS wächst 37 Prozent, schnellste Rate seit 18 Quartalen
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 17:16 Uhr | Redaktion boerse-global.de
242,10 Euro. Ein Plus von 22,47 Prozent binnen einer Woche. Das ist keine gewöhnliche Kursbewegung — das ist eine gewaltsame Neubewertung, ausgelöst von Quartalszahlen, die selbst optimistische Analysten überrascht haben. Die Frage lautet jetzt: Rechtfertigen die Fundamentaldaten, dieser Rally noch hinterherzulaufen?
AWS beschleunigt so stark wie seit Jahren nicht mehr
Der Auslöser ist eindeutig. Amazons Cloud-Sparte AWS wuchs im vergangenen Quartal um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist die schnellste Wachstumsrate seit 18 Quartalen. Analysten hatten im Schnitt nur 31 Prozent erwartet.
Der Konzernumsatz knackte im selben Quartal erstmals die Marke von 200 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis stieg um 43 Prozent auf 27,5 Milliarden Dollar, angetrieben von einer AWS-Marge von 39,4 Prozent. Besonders bemerkenswert: AWS steuerte nur 21,1 Prozent zum Konzernumsatz bei, lieferte aber 60,5 Prozent des operativen Gewinns — vor einem Jahr waren es noch 53 Prozent. Der margenstärkste Teil des Geschäfts wächst jetzt auch am schnellsten. Das ist eine Kombination, die eine höhere Bewertung verdient.
CEO Andy Jassy legt nach. Die Investitionsausgaben sollen dieses Jahr auf 220 Milliarden Dollar steigen, deutlich mehr als ursprünglich geplant. Der Auftragsbestand bei AWS, also vertraglich fixierte Arbeit, die noch nicht abgerechnet ist, erreichte 496 Milliarden Dollar. Das ist ein Wert, der auf Nachfrage weit über den aktuellen KI-Hype hinaus hindeutet.
Der Gewinn ist besser, als er aussieht — und schlechter zugleich
So stark die Story klingt: Wer jetzt bei 242 Euro einsteigt, sollte genau hinschauen, woher der Rekordgewinn eigentlich kommt. Ein erheblicher Teil davon ist gar nicht operativ. 53,4 Milliarden Dollar an nicht-operativen Erträgen stammen vor allem aus einer Höherbewertung von Amazons Beteiligung am KI-Unternehmen Anthropic. Das ist ein Buchgewinn aus einer Neubewertung, kein Cashflow aus verkauften Paketen oder vermieteten Servern. Bei der Bewertung des Konzerns sollte man das nicht mit operativer Stärke verwechseln.
Der KI-Ausbau kostet auch echtes Geld. Die Investitionen in Sachanlagen erreichten auf Zwölf-Monats-Basis 169 Milliarden Dollar, ein Plus von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der freie Cashflow drehte auf Zwölf-Monats-Sicht ins Negative. Ein Unternehmen, das nahe seinen Rekordständen notiert und gleichzeitig freien Cashflow verbrennt, wettet darauf, dass die heutigen Investitionen morgen zu Gewinnen werden. Diese Wette ist bislang aufgegangen — aber sie erhöht den Einsatz für jede künftige AWS-Enttäuschung.
Auch der Ausblick kühlt sich nach dem Rekordquartal spürbar ab. Amazon rechnet für das laufende Quartal mit einem Umsatz zwischen 197 und 202 Milliarden Dollar. Der von LSEG befragte Analystenkonsens hatte 204,1 Milliarden Dollar erwartet. Das Management führt einen Teil davon auf Kalendereffekte rund um den Prime Day zurück, nicht auf nachlassende Nachfrage. Trotzdem: Ein gesenkter Ausblick nach einem Ausnahmequartal ist genau das Detail, das eine Aktie stolpern lassen kann, die bereits eine fehlerfreie Ausführung einpreist.
Charttechnik: überkauft, aber nicht erschöpft
Der RSI(14) liegt bei 66,9 — überkauft, aber noch ohne klares Umkehrsignal. Die Aktie notiert 19,03 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 203,40 Euro. Eine Lücke, die historisch zumindest eine Verschnaufpause nahelegt, selbst in einem intakten Aufwärtstrend.
Für die Bullen spricht: Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 279,31 Euro und impliziert noch rund 15,4 Prozent Luft nach oben. Die Wall Street hat ihren Optimismus also selbst nach diesem Sprint nicht gedeckelt.
Mein Fazit
Amazons fundamentale Story ist gerade deutlich stärker geworden. Eine Reakzeleration von AWS auf 37 Prozent Wachstum ist die Art Zahl, die Bären-Thesen über Nacht widerlegt, und der Auftragsbestand spricht gegen einen Einmaleffekt. Allerdings ist die Aktie bereits weit und schnell gelaufen, ein erheblicher Teil des ausgewiesenen Gewinnsprungs stammt aus einer Beteiligungsbewertung statt aus dem operativen Geschäft, und der freie Cashflow steht durch den Investitionsschub echt unter Druck. Für mich spricht das Setup dafür, kurzfristige Rücksetzer als gesünder zu behandeln als die aktuelle steile Kursbewegung — und nicht darauf zu setzen, dass sich das Wochenplus von 22 Prozent wiederholt. Momentum und Fundamentaldaten passen im Moment zusammen. Aber auf diesem Niveau verlangt der Markt, dass jedes künftige Quartal dieses hier mindestens erreicht.
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