Marvell Technology Aktie: Google-Milliarden kommen erst 2029
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 00:45 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Es gibt Momente, in denen Kennzahlen und Kursreaktion so weit auseinanderklaffen, dass man kurz an der eigenen Wahrnehmung zweifelt. Marvell Technology hat im zweiten Geschäftsquartal einen Umsatz von 2,74 Milliarden Dollar gemeldet, ein Plus von rund 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gewinn je Aktie lag mit 0,94 Dollar sogar über dem Konsens.
Und trotzdem brach die Aktie am Freitag um rund zehn Prozent ein. Heute geht es weiter bergab: Der aktuelle Kurs liegt bei 182,00 Euro, ein Minus von 2,9 Prozent im Tagesverlauf. Wer nur auf die Ergebnistabelle schaut, versteht diese Reaktion nicht. Wer auf die Erwartungshaltung schaut, die sich rund um Marvell aufgebaut hat, schon eher.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter dieser Aktie: Sie ist zum Stellvertreter für die Frage geworden, wie lange der KI-Infrastruktur-Boom noch mit derselben Wucht weiterlaufen kann. Und diese Frage lässt sich nicht mit einem Quartalsbericht beantworten, egal wie gut er ausfällt.
Wenn Wachstum nicht mehr genügt
Das Datacenter-Segment, mittlerweile mit 79 Prozent der Erlöse das Rückgrat von Marvell, wuchs um 46 Prozent auf 2,17 Milliarden Dollar. Für die kommenden Quartale hat das Unternehmen eine Prognose von rund zwölf Milliarden Dollar für das laufende Geschäftsjahr in Aussicht gestellt, für das Folgejahr sogar 18 Milliarden. Das sind Zahlen, die noch vor wenigen Jahren als Fantasie gegolten hätten. Heute reichen sie nicht, um die Aktie zu stützen.
Der Grund liegt in einem Deal, der die Marvell-Story seit Monaten prägt: die Partnerschaft mit Google für kundenspezifische Chips, die kumuliert bis zum Geschäftsjahr 2033 ein Umsatzvolumen von bis zu 120 Milliarden Dollar bringen soll. Genau hier liegt der wunde Punkt.
Größere Beiträge aus diesem Deal werden erst ab dem Geschäftsjahr 2029 erwartet – für Anleger, die an schnelle KI-Monetarisierung gewöhnt sind, fühlt sich das wie eine Verzögerung an, selbst wenn es strategisch Sinn ergibt. Hinzu kommen Sorgen um Tarifrisiken, die den Chipsektor insgesamt belasten.
Ein Sektor unter Strom, eine Aktie unter Druck
Der Kursverlauf der vergangenen Wochen zeigt, wie nervös der Markt geworden ist. Auf Sicht von sieben Tagen steht ein Minus von 7,5 Prozent zu Buche, während die Aktie über die vergangenen zwölf Monate um 233 Prozent zugelegt hat. Diese Diskrepanz ist kein Widerspruch, sondern die logische Konsequenz einer Bewertung, die weit vorausgelaufen ist.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 290,35 Euro, erreicht erst kürzlich, trennen die Aktie inzwischen 37 Prozent. Wer in den vergangenen Monaten eingestiegen ist, sitzt möglicherweise auf spürbaren Buchverlusten – wer seit dem Vorjahrestief bei 52,41 Euro dabei ist, blickt auf ein Vielfaches seines Einsatzes.
Analysten bleiben trotz der Kursschwäche mehrheitlich zuversichtlich. Craig-Hallum nennt ein Kursziel von 300 Dollar, während Morgan Stanley mit 246 Dollar deutlich zurückhaltender bleibt und die Aktie neutral einstuft.
Diese Spannbreite spiegelt genau die Unsicherheit wider, die den gesamten Sektor umtreibt: Wolfe Research bezeichnete den Google-Deal noch im August als „potenziell transformativ“, doch zwischen einer transformativen Chance und ihrer kurzfristigen Kursrelevanz liegt offenbar ein weiter Weg.
Diese Episode passt in ein größeres Bild. Fed-Chef Kevin Warsh warnte bei seiner Rede in Jackson Hole am Wochenende, dass mehr als die Hälfte des gesamten Investitionswachstums in der US-Wirtschaft mittlerweile auf künstliche Intelligenz zurückgehe – auf Rechenzentren und Chips.
Ein erheblicher Teil dieser Investitionen, schätzt Goldman Sachs, ist fremdfinanziert. Wenn ein derart konzentriertes Wachstum ins Stocken gerät oder sich nur verzögert, wie es bei Marvells Google-Erlösen der Fall ist, spürt der gesamte Sektor die Nervosität sofort.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Marvell gute Zahlen liefern kann – das hat das Unternehmen gerade bewiesen. Sie lautet, ob der Markt bereit ist, für ein Versprechen zu zahlen, dessen große Auszahlung erst in einigen Jahren fällig wird. Solange diese Frage offen bleibt, dürfte die Aktie volatil bleiben, ganz gleich, wie beeindruckend die nächste Quartalsmeldung ausfällt.
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