Nvidia Aktie: 70 Prozent Wachstum ohne China
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 20:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nvidia hat mit seiner Prognose für das Geschäftsjahr 2028 offenbart, wie es künftig kalkuliert: Ganz ohne China. Für mich ist genau das der eigentliche Kommentar zur aktuellen Lage – nicht die Rekordzahlen selbst, sondern die Bereinigung, die dahintersteckt.
Finanzchefin Colette Kress hat es unmissverständlich gemacht: Der Konzern rechnet in seinem Ausblick mit keinerlei Umsatz aus Rechenzentrums-Chips in China. Die wenigen legacy-Chips, für die Nvidia im vergangenen Jahr eine Exportfreigabe erhielt, machen weniger als ein Prozent des Rechenzentrumsumsatzes aus. Politisch ist das ein Rückzug. Unternehmerisch ist es eine Befreiung.
Wachstum, das den eigenen Vorsprung überholt
Für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2027 stellt Nvidia rund 108 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, mit einer Schwankungsbreite von plus/minus zwei Prozent – deutlich über der Konsensschätzung von 104,2 Milliarden Dollar. Für das Geschäftsjahr 2028 nannte Kress ein Wachstumsziel von etwa 70 Prozent, während Analysten zuvor mit rund 44 Prozent gerechnet hatten. Das ist keine Nuance, sondern eine Verschiebung der gesamten Wachstumsachse.
Unterm Strich lässt sich das nur so lesen: Das Unternehmen selbst traut sich mehr zu, als der Markt ihm zutraute – und das, während es einen ganzen Absatzmarkt aus der Kalkulation streicht. Wer diese beiden Fakten zusammen betrachtet, muss anerkennen, dass die Nachfrage außerhalb Chinas offenbar so tief ist, dass der Wegfall kaum ins Gewicht fällt.
Die Kehrseite bleibt: Die Bruttomarge soll im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2027 auf 71 bis 72 Prozent sinken, nach 75,0 Prozent im vergangenen Quartal. Speicherkosten drücken hier zusätzlich – ein Punkt, den man im Jubel über die Wachstumszahlen nicht unterschlagen sollte. Wachstum mit sinkender Marge ist immer noch Wachstum, aber es ist nicht dasselbe wie Wachstum mit steigender Marge.
MediaTek als strategisches Signal
Parallel dazu hat Nvidia 3,5 Milliarden Dollar in Wandelanleihen von MediaTek investiert – die größte Direktinvestition des Konzerns außerhalb der USA bisher. Für mich spricht das gegen die Lesart, Nvidia ziehe sich aus Asien zurück. Es zieht sich aus einem einzelnen politisch vermuten Markt zurück, nicht aus der Region.
Die Partnerschaft bindet MediaTek an das NVLink-Fusion-Ökosystem und öffnet gemeinsame Projekte im Bereich KI-gestützter Fahrzeugplattformen. Das ist Diversifizierung der Lieferkette, keine Kapitulation.
Auch die Produktseite stützt die These vom ungebremsten Momentum: Die Vera-Rubin-Plattform läuft inzwischen in voller Produktion, mit Racks bei CoreWeave, Google Cloud, Microsoft Azure, Oracle Cloud Infrastructure und Nebius.
Der Inferenzbeschleuniger Groq 3 LPX ergänzt das Portfolio ebenfalls bereits in Serienfertigung. Jensen Huang formulierte es so: "Compute is revenue" – Rechenleistung sei nun direkt monetarisierbar, die Nachfrage beschleunige sich.
Was der Kurs davon hält
An der Börse zeigt sich die Ambivalenz der Lage. Die Aktie notiert bei 188,58 Euro und damit rund 6,9 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro.
Zugleich liegt sie 12 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 168,98 Euro – ein Bild von Stärke im mittelfristigen Trend, aber auch von Zurückhaltung nach der jüngsten Rekordmeldung. Der RSI von 52,6 signalisiert keine Überhitzung, sondern ein neutrales Marktumfeld.
Dazu passt, dass der Konzern seine Dividende von 0,25 Dollar pro Aktie im Oktober auszahlt, gedeckt durch ein im Mai beschlossenes Rückkaufprogramm von 80 Milliarden Dollar. Kapitalrückführung in dieser Größenordnung ist kein Verhalten eines Unternehmens, das an seine eigene Zukunft zweifelt.
Mein Fazit: Die spannendste Nachricht ist nicht, dass Nvidia wächst – das tut der Konzern seit Jahren. Spannend ist, dass er es schafft, während er einen kompletten geopolitischen Risikofaktor aus der eigenen Bilanzplanung streicht.
Wer das schafft, hat entweder die Nachfrage so breit diversifiziert, dass ein Markt verzichtbar wird, oder er überschätzt seine eigene Resilienz. Die Zahlen sprechen bislang für die erste Lesart. Die sinkende Marge ist der Preis, den man dafür zahlt – und den man im Blick behalten sollte, bevor man die Wachstumsstory als alternativlos abfeiert.
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