Thyssenkrupp Aktie: tk accelis bis Ende August ins Register
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 20:20 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wer im vergangenen Jahr in Thyssenkrupp investiert hat, kann sich freuen: Seit Jahresanfang steht ein Plus von 35,86 Prozent zu Buche, die Aktie notiert bei 12,60 Euro und damit nur noch gut fĂĽnf Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 13,34 Euro. FĂĽr mich ist das keine Kursrally von der Seitenlinie, sondern das direkte Echo auf einen Konzernumbau, der sich vom AnkĂĽndigungsstadium ins Vollzugsstadium bewegt. Genau das macht die aktuelle Nachrichtenlage so interessant.
Der Zerlegungsprozess wird konkret
Am Montag bestätigte Thyssenkrupp, dass die Eintragung der tk-accelis-Ausgliederung ins Handelsregister unmittelbar nach der Zustimmung der Hauptversammlung beantragt werden soll – und zwar noch bis Ende August. Das ist mehr als eine formale Randnotiz. Die frühere Materials-Services-Sparte firmiert seit dem 10. Juni offiziell als "tk accelis" und hat sich Ende Juli auf einem eigenen Capital Markets Day als globaler Lieferkettendienstleister präsentiert. Wer den Konzern bislang als schwer zu durchschauenden Mischkonzern abgetan hat, muss diese Blaupause zur Kenntnis nehmen: Nach dem Börsengang von Thyssenkrupp Marine Systems am 20. Oktober, der die U-Boot- und Marineschiffssparte in den MDAX katapultierte, ist tk accelis der zweite große Baustein einer Strategie, die auf fokussierte, eigenständig bewertbare Einheiten setzt. Ich halte das für konsequent – ein Konzern, der Stahl, Marinetechnik und globalen Werkstoffhandel unter einem Dach zusammenhält, wird an der Börse selten fair bewertet. Die Zerlegung in bewertbare Teile ist der logische Ausweg.
Auch die Randmeldung, dass Salzgitter Anfang Juli die verbleibenden Anteile an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann von Thyssenkrupp Steel und Vallourec übernommen hat, passt in dieses Bild. Der Konzern trennt sich sukzessive von Randbeteiligungen, die nicht zum Kern gehören. Das ist unspektakulär, aber es zeigt Disziplin im operativen Aufräumen.
Zwei Gesichter in den Zahlen
Ganz ungetrübt ist das Bild allerdings nicht. Die im Mai veröffentlichten Halbjahreszahlen 2025/26 zeigen einen Auftragseingang, der im zweiten Quartal um 32 Prozent auf 10,64 Milliarden Euro sprang, während sich das bereinigte EBIT von 19 Millionen auf 198 Millionen Euro verbesserte. Das ist ein handfester operativer Fortschritt. Gleichzeitig musste der Vorstand die Umsatzprognose für das Gesamtjahr von zuvor minus zwei bis plus einem Prozent auf minus drei bis null Prozent absenken. Die EBIT-Guidance von 500 bis 900 Millionen Euro blieb zwar bestehen, doch die Umsatzkorrektur zeigt, dass der operative Kern – vor allem die Stahlsparte – nach wie vor unter schwacher Nachfrage leidet. Für mich ist das die eigentliche Bewährungsprobe: Die Strukturstory kann noch so überzeugend sein, wenn das operative Geschäft nicht mitzieht, bleibt der Aufschwung fragil.
Die Deutsche Bank bestätigte am 22. Juli im Vorfeld der Abspaltung ihre Kaufempfehlung für die Aktie mit einem Kursziel von 16,00 Euro. Das würde, gemessen am aktuellen Kurs, noch erhebliches Potenzial implizieren – allerdings unter der Annahme, dass die Sum-of-the-Parts-Logik tatsächlich vom Markt honoriert wird und die Stahlsparte nicht zum Klotz am Bein wird.
Warum ich vorsichtig optimistisch bleibe
Unterm Strich sehe ich bei Thyssenkrupp derzeit mehr Argumente für als gegen die eingeschlagene Richtung. Die Portfoliobereinigung ist real, nicht nur angekündigt: TKMS ist bereits börsennotiert, tk accelis soll noch im August ins Handelsregister. Der Auftragseingang zieht deutlich an, auch wenn die Umsatzguidance eingetrübt bleibt. Die für den 13. August terminierten Neunmonatszahlen dürften zeigen, ob sich der positive Trend beim Auftragseingang in echtes Wachstum übersetzt oder ob die gesenkte Umsatzprognose der Vorbote weiterer Enttäuschungen ist.
Die hohe Volatilität der Aktie – aktuell annualisiert bei knapp 44 Prozent – erinnert daran, dass dieser Umbau kein Selbstläufer ist. Wer die Story mag, sollte die kommenden Wochen als Testphase begreifen: Gelingt der geräuschlose Vollzug der Ausgliederung und liefert der Stahlbereich zumindest stabile Zahlen, spricht vieles dafür, dass der Konzernumbau den fairen Wert der Einzelteile endlich sichtbar macht. Enttäuscht das operative Geschäft erneut, dürfte die Rally schnell an Substanz verlieren.
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