Frankreich startet radikalen Abschied von Windows und US-Software
15.04.2026 - 11:00:29 | boerse-global.deDie zentrale Digitalbehörde DINUM migriert als Vorreiter alle 250 ArbeitsplĂ€tze zu Linux. Bis Herbst mĂŒssen alle Ministerien konkrete PlĂ€ne vorlegen, um ihre AbhĂ€ngigkeit von nicht-europĂ€ischer Software zu beenden. Das ist die bislang umfassendste digitale SouverĂ€nitĂ€ts-Offensive des französischen Staates.
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Kompletter Umbau der IT-Landschaft
Die Direktive folgt einem interministeriellen Treffen am 8. April 2026. Ziel ist es, in acht kritischen Technologiebereichen unabhÀngiger zu werden. Dazu zÀhlen nicht nur Betriebssysteme, sondern auch Kollaborationstools, Antivirensoftware, Datenbanken, KI-Algorithmen und Cloud-Infrastrukturen.
Jedes Ministerium und seine nachgeordneten Behörden muss bis zum Herbst einen verbindlichen Reduktionsplan vorlegen. Die zentrale Vorgabe ist klar: Weg von proprietÀren Lösungen, hin zu souverÀnen, interoperablen und nachhaltigen Alternativen. So will sich der Staat aus der AbhÀngigkeit von Preismodellen und Regelungen externer Anbieter befreien.
âLa Suite NumĂ©riqueâ ersetzt Microsoft & Co.
Der Wechsel zu Linux ist nur ein Teil einer gröĂeren Strategie. Kern ist der Aufbau einer eigenstĂ€ndigen ProduktivitĂ€ts-Suite namens âLa Suite NumĂ©riqueâ. Sie soll die bisher von US-Firmen dominierten Anwendungen ersetzen.
Bereits Anfang 2024 ordnete die Regierung an, dass die 2,5 Millionen Staatsbediensteten bis 2027 von Microsoft Teams und Zoom auf die heimische Videokonferenz-Lösung âVisioâ umsteigen mĂŒssen. Die sichere Messenger-App âTchapâ nutzen bereits ĂŒber 600.000 Beamte. FĂŒr 80.000 Mitarbeiter der Krankenkasse wurden zudem Open-Source-Alternativen fĂŒr Messaging und Dateitransfer eingefĂŒhrt.
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Besonders sensibel ist der Bereich Datenhosting. Bis Ende 2026 sollen sensible Staats- und Gesundheitsdaten auf vertrauenswĂŒrdige, souverĂ€ne Infrastrukturen migriert werden. Diese Server, oft von Tochtergesellschaften französischer Industriekonzerne betrieben, tragen das Zertifikat der nationalen Cybersicherheitsbehörde ANSSI.
SouverÀnitÀt als strategische Notwendigkeit
FĂŒr die Regierung ist dies keine bloĂe IT-Entscheidung, sondern eine geopolitische und wirtschaftliche Strategie. âDer Staat kann es sich nicht lĂ€nger leisten, passiver Beobachter seiner eigenen technologischen AbhĂ€ngigkeit zu seinâ, betonte Haushaltsminister David Amiel. Man mĂŒsse die Kontrolle ĂŒber das digitale Schicksal zurĂŒckgewinnen.
StaatssekretĂ€rin fĂŒr KI, Anne Le HĂ©nanff, bezeichnete digitale SouverĂ€nitĂ€t als âessenzielle Voraussetzung fĂŒr moderne StaatsfĂŒhrungâ. Hintergrund sind BefĂŒrchtungen, dass externe Akteure Technologie als geopolitisches Druckmittel nutzen könnten. Open-Source-Ăkosysteme wie Linux sollen eine widerstandsfĂ€higere Verwaltung schaffen, die nicht von Handelskonflikten betroffen ist.
Die Wirtschaftlichkeit spricht ebenfalls fĂŒr den Kurs. Interne Evaluierungen, etwa der Gendarmerie, zeigen: Der Wechsel zu Linux und Open-Source-Tools kann die Gesamtkosten um bis zu 40 Prozent senken. Bei der Polizei brachte das Projekt jĂ€hrliche Einsparungen von rund zwei Millionen Euro an LizenzgebĂŒhren.
EuropÀischer Trend mit Vorbildfunktion
Frankreich ist mit dieser Offensive nicht allein. In Deutschland hat beispielsweise Schleswig-Holstein bereits fast 80 Prozent seiner 30.000 ArbeitsplÀtze auf Linux migriert und innerhalb eines Jahres etwa 15 Millionen Euro an Lizenzkosten gespart.
Die französische Strategie fĂ€llt jedoch durch ihre beispiellose Breite auf. Sie umfasst nicht nur Desktops, sondern den gesamten Technologie-Stack. Durch die Einbindung der Cybersicherheitsbehörde und der staatlichen Beschaffungsstelle soll der Ăbergang durch hohe Sicherheitsstandards und gebĂŒndelte Einkaufsmacht forciert werden.
NĂ€chste Schritte und Ausblick
Der nĂ€chste Meilenstein steht im Juni 2026 an: Dann veranstaltet die DINUM die ersten âIndustriellen Digital-Treffenâ. Ziel ist es, öffentlich-private Koalitionen zu schmieden und europĂ€ischen Anbietern eine Plattform zu bieten, ihre Produkte an die staatlichen SouverĂ€nitĂ€tsanforderungen anzupassen.
Bis alle 2,5 Millionen Beamten auf der neuen Infrastruktur arbeiten, wird es noch Jahre dauern. Doch der Startschuss bei der DINUM und die geplante Migration sensibler Gesundheitsdaten bis Jahresende zeigen: Frankreich drĂŒckt beim Thema digitale UnabhĂ€ngigkeit jetzt aufs Tempo. Der Erfolg dieser Pionier-Migration wird maĂgeblich beeinflussen, wie schnell andere EU-Staaten nachziehen.
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