Gerresheimer, Bilanzskandal

Gerresheimer: Bilanzskandal vertreibt Pharmazulieferer aus dem SDAX

12.04.2026 - 00:39:11 | boerse-global.de

Der Pharmazulieferer Gerresheimer verschiebt seinen Jahresabschluss aufgrund systematischer Bilanzfehler, wurde aus dem SDAX ausgeschlossen und ringt mit Gläubigern um seine Finanzierung.

Gerresheimer: Bilanzskandal vertreibt Pharmazulieferer aus dem SDAX - Foto: über boerse-global.de

Der Düsseldorfer Pharmazulieferer Gerresheimer steckt in einer tiefen Vertrauenskrise. Wegen systematischer Bilanzfehler und einer laufenden BaFin-Untersuchung verschiebt der MDax-Konzern die Veröffentlichung seines Jahresabschlusses – und flog bereits aus dem SDAX. Jetzt ringt das Unternehmen mit Gläubigern um seine finanzielle Stabilität.

Die Krise eskalierte Anfang März, als der Vorstand einräumen musste, den geprüften Jahresabschluss für 2025 nicht fristgerecht zum 31. März vorlegen zu können. Die Folgen sind gravierend: Die Hauptversammlung im Juni muss verschoben werden, und der Quartalsbericht für das erste Vierteljahr 2026 liegt auf Eis. Das drängendste Problem sind jedoch Verhandlungen mit Banken, um einen technischen Kreditverstoß abzuwenden.

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Systematische Bilanzfehler und BaFin-Ermittlungen

Die Wurzeln des Skandals reichen bis September 2025 zurück. Damals leitete die BaFin erste Prüfungen ein. Der Verdacht: Gerresheimer könnte Umsätze zu früh verbucht haben, etwa durch sogenannte „Bill-and-Hold“-Vereinbarungen, bei denen Waren zwar fakturiert, aber noch nicht ausgeliefert wurden.

Die Ermittlungen weiteten sich aus. Seit März prüft die Aufsicht auch die Zwischenabschlüsse. Interne Untersuchungen legen nahe, dass Mitarbeiter interne Richtlinien und IFRS-Vorschriften umgangen haben. Die finanziellen Auswirkungen sind massiv: Für 2024 erwartet das Unternehmen eine Umsatzkorrektur von rund 35 Millionen Euro. Der bereinigte EBITDA wird voraussichtlich um 24 Millionen Euro niedriger ausfallen. Für 2025 drohen außerdem Wertminderungen in Höhe von 220 bis 240 Millionen Euro, vor allem in der Sparte für Medizintechnik.

Rauswurf aus dem Index und Kampf um Kreditlinien

Die verspätete Bilanz hat direkte Konsequenzen an der Börse. Da Gerresheimer seine geprüften Zahlen nicht innerhalb von vier Monaten nach Geschäftsjahresende vorlegte, wurde der Konzern am 10. April aus dem SDAX ausgeschlossen. Ein herber Imageverlust für den DAX-Veteranen.

Noch brisanter ist die Lage bei den Finanzierungsvereinbarungen. Das Management führt intensive Gespräche mit Gläubigern, um Fristverlängerungen für Berichtspflichten zu erreichen. Gelingt das nicht, droht eine Vertragsverletzung, die Kreditkündigungen ermöglichen würde. Die Aktie verlor seit den ersten Enthüllungen im Februar über 30 Prozent an einem Tag und notiert auf dem niedrigsten Stand seit 2009.

Neustart mit neuem Management und Verkäufen

Unter dem Druck reagierte der Aufsichtsrat mit einem kompletten Führungswechsel. Der frühere CEO Dietmar Siemssen und CFO Bernd Metzner verließen das Unternehmen. Das neue Team um Interim-Chef Uwe Röhrhoff verspricht einen Rückkehr zu „Qualität, Compliance und Transparenz“.

Zur Stabilisierung der Bilanz setzt Gerresheimer auf Verkäufe. Die US-Tochter Centor Inc., spezialisiert auf Verpackungen für verschreibungspflichtige Medikamente, soll an den Investor Morgan Stanley gehen. Ein Verkauf des gesamten Hohlglasgeschäfts steht in diesem Jahr dagegen nicht an. Geplant ist jedoch die Schließung des Werks in Chicago Heights bis Ende 2026.

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Prüfer unter Beschuss: KPMG in der Kritik

Der Fall Gerresheimer wirft auch Fragen zur Arbeit der Wirtschaftsprüfer auf. Die Abschlussprüferaufsicht APAS hat ein Berufsaufsichtsverfahren gegen KPMG eingeleitet. Im Fokus steht die Frage, warum der Jahresabschluss 2024 zunächst ohne Einschränkung testiert wurde – obwohl es systematische Fehler bei der Umsatzrealisierung gab. KPMG hatte die Prüfung von Deloitte erst 2024 übernommen.

Experten sehen in der strengeren BaFin nach dem Wirecard-Skandal einen Grund für die Eskalation. Die Beauftragung eines zweiten Prüfers, Grant Thornton, gilt als notwendiger, aber teurer Schritt, um das Vertrauen von Aufsehern und Märkten zurückzugewinnen.

Ausblick: Schwaches erstes Halbjahr erwartet

Trotz der undurchsichtigen Bilanzlage wagt Gerresheimer eine grobe Prognose für 2026. Der Umsatz soll demnach zwischen 2,3 und 2,4 Milliarden Euro liegen, die bereinigte EBITDA-Marge bei 18 bis 19 Prozent. Das erste Halbjahr werde jedoch schwach bleiben, warnt der Konzern – bedingt durch Restrukturierungskosten und die laufenden forensischen Untersuchungen.

Der Schlüssel für eine Erholung ist die Veröffentlichung des geprüften Abschlusses 2025, der nun für Juni angekündigt ist. Nur mit diesem Meilenstein könnte eine Rückkehr in die Börsenindizes und eine Erholung der Aktie gelingen. Aktionärsvertreter wie die DSW prüfen derweil bereits Schadensersatzklagen gegen ehemalige Vorstandsmitglieder und den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats.

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