August Hanning festgenommen: Ex-BND-Präsident unter Spionageverdacht
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 17:19 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer frühere BND-Präsident August Hanning ist am Dienstagmorgen im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen unter anderem wegen des Verdachts des versuchten Landesverrats und geheimdienstlicher Agententätigkeit festgenommen worden.
Auch früherer Büroleiter festgenommen
Zeitgleich nahmen Ermittler Hannings ehemaligen Büroleiter Manfred D. im bayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen fest. Ihm wird Beihilfe vorgeworfen. Ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs erließ gegen D. Haftbefehl; er sitzt in Untersuchungshaft.
Durchsuchungen gab es neben Nordrhein-Westfalen und Bayern auch in Berlin. In Berlin-Mitte trugen Polizeibeamte leere Umzugskartons aus einem Gebäude, an dessen Adresse eine Vermögensverwaltungsgesellschaft eingetragen ist, bei der Hanning als persönlich haftender Gesellschafter geführt wird.
Annähernd 2.000 Dokumente
Nach dem Stand der Ermittlungen soll D. Hanning bis Juni 2022 annähernd 2.000 Dokumente zur Verfügung gestellt haben. Darunter seien häufig als Verschlusssache eingestufte Informationen gewesen, die ausschließlich für interne BND-Aufgaben bestimmt waren. Die Unterlagen dienten der Vorbereitung der Nachrichtendienstlichen Lagebesprechung im Kanzleramt.
Hanning soll mit D. vermutlich bereits im Frühjahr 2010 vereinbart haben, dass dieser gegen Bezahlung fortlaufend Erkenntnisse des BND beschaffe. Hanning soll die Informationen anschließend gewinnbringend in seiner Beratertätigkeit verwendet haben.
Mutmaßliche Kontakte zu ausländischem Dienst
In einem Fall soll Hanning auf Grundlage der Informationen eine Analyse für Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes erstellt haben. Ob diese Analyse ihre Adressaten erreicht habe, sei bislang nicht festzustellen gewesen. Außerdem soll Hanning über Jahre engen Austausch mit einem Angehörigen eines anderen Nachrichtendienstes gepflegt und ihn mit politischen Informationen versorgt haben. Um welches Land es geht, ist nicht bekannt; nach dpa-Informationen steht Russland nicht im Mittelpunkt der Vorwürfe.
Verbindung zum Fall Block
Die Ermittlungen gehen auf Funde aus einer Durchsuchung bei Hanning im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Christina Block zurück. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte im Herbst 2025 wegen eines früheren mutmaßlichen Entführungsversuchs gegen Hanning und einen pensionierten Beamten des Landeskriminalamts ermittelt. Hanning hatte die Vorwürfe über seinen Anwalt bestritten.
Hanning leitete den BND von Dezember 1998 bis Ende November 2005. Danach war er Staatssekretär im Bundesinnenministerium und wechselte später in die Privatwirtschaft. D. arbeitete von März 2012 bis März 2026 erneut als Büroleiter für mehrere BND-Präsidenten und ist inzwischen pensioniert.
Bewährungsprobe für BND-Präsident Jäger
Für den seit September 2025 amtierenden BND-Präsidenten Martin Jäger ist der Fall eine erste große Bewährungsprobe. Jäger erklärte, im Dienst seien frühzeitig interne Ermittlungen eingeleitet worden, die den Verdacht erhärtet hätten. Bei der internen Sicherheit gebe es für ihn keine Kompromisse.
Im Bundestag löste der Vorgang parteiübergreifend Besorgnis aus. Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Henrichmann, sprach von einem brisanten Vorgang. Aus dem Parlament wurden eine vollständige Aufklärung und strengere Regeln für frühere Geheimnisträger gefordert.
Frühere Affären
Der BND war bereits mehrfach von Spionageaffären betroffen. 2022 soll ein Mitarbeiter gemeinsam mit einem Komplizen interne Dokumente an den russischen Geheimdienst FSB weitergegeben haben; der Prozess wegen besonders schweren Landesverrats dauert an. 2014 wurde zudem ein BND-Mitarbeiter als CIA-Quelle enttarnt und 2016 zu acht Jahren Haft verurteilt.
Belastung für die Sicherheitsarchitektur
Der Fall betrifft nicht nur zwei Beschuldigte, sondern den Umgang mit besonders schützenswerten Informationen im Umfeld des deutschen Auslandsnachrichtendienstes. Nach den Ermittlungen sollen annähernd 2.000 Dokumente aus internen Lagebesprechungen über Jahre weitergegeben worden sein. Die Dimension ergibt sich damit aus der Dauer, der Menge und der möglichen Sensibilität des Materials.
Für den BND steht neben dem Strafverfahren die Frage im Mittelpunkt, wie ein solcher Zugriff möglich war und warum die Weitergabe nicht früher auffiel. Besonders relevant ist, dass der frühere Büroleiter bis März 2026 für mehrere BND-Präsidenten gearbeitet haben soll. Damit reicht der mutmaßliche Zeitraum weit über Hannings Amtszeit als Behördenchef hinaus und berührt auch nachfolgende Leitungen.
Folgen für Vertrauen und Kontrolle
Ein möglicher Abfluss von Informationen könnte die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnerdiensten belasten, falls darin Erkenntnisse dieser Dienste enthalten gewesen sein sollten. Für Leser ist der Vorgang deshalb auch jenseits des Einzelfalls bedeutsam: Nachrichtendienste sind auf Vertraulichkeit angewiesen, zugleich müssen ihre internen Kontrollen und die parlamentarische Aufsicht funktionieren.
Die Ermittlungen stehen zudem im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Christina Block, durch dessen Durchsuchungen die Hinweise auf Hanning und seinen früheren Büroleiter gefunden worden sein sollen. Nun müssen Gerichte klären, welche Handlungen den Beschuldigten konkret nachgewiesen werden können. Bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung gilt die Unschuldsvermutung.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Ermittler nehmen Ex-BND-Chef Hanning fest“ (06.10.2026)
Der Bericht bestätige die Festnahmen und hebe hervor, dass Hanning über einen früheren Mitarbeiter an rund 2.000 interne Dokumente gelangt sein soll. Anders als die dpa-Meldung lege er zusätzliche Schwerpunkte auf mögliche Inhalte der Unterlagen, die Frage eines ausländischen Empfängers und die Bedeutung des Vorgangs für das Vertrauen von Partnerdiensten. Offen bleibe, wie das Material aus dem BND gelangt sein solle.
BR24: „Verdacht auf Spionage: Ex-BND-Präsident Hanning festgenommen“ (06.10.2026)
Der Artikel bestätige ebenfalls die Festnahme Hannings und die Untersuchungshaft seines früheren Büroleiters. Er setze einen zusätzlichen Schwerpunkt auf die institutionellen Folgen und berichte, der mögliche Abfluss sensibler Informationen könne das Vertrauen befreundeter Nachrichtendienste beeinträchtigen; zugleich greife er die Verbindung zum Fall Block und die angekündigte Aufklärung durch BND-Präsident Martin Jäger auf.
Beide Berichte stimmten im Kern mit der dpa-Meldung überein. Unterschiede lägen vor allem in der Darstellung möglicher Dokumenteninhalte und der Folgen für die internationale Zusammenarbeit; offen seien weiterhin der mutmaßliche ausländische Adressat und die strafrechtliche Bewertung der einzelnen Handlungen.
