Governance, Medien

Nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung lebt in LÀndern mit guter Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen veröffentlicht Rangliste der Pressefreiheit 2026

30.04.2026 - 06:30:00 | presseportal.de

Berlin - FĂŒnf Kernpunkte der Rangliste der Pressefreiheit 2026:

Nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung lebt in LÀndern mit guter Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen veröffentlicht Rangliste der Pressefreiheit 2026 - Foto: presseportal.de
Nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung lebt in LÀndern mit guter Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen veröffentlicht Rangliste der Pressefreiheit 2026 - Foto: presseportal.de

Weltweit hat sich die Situation fĂŒr Journalist*innen erneut verschlechtert: Zum ersten Mal in der 25-jĂ€hrigen Geschichte der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) fĂ€llt mehr als die HĂ€lfte aller LĂ€nder in die beiden schlechtesten Kategorien "schwierig" und "sehr ernst". Besonders die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich fĂŒr Medienschaffende verschlechtert, Journalismus wird weltweit immer hĂ€ufiger kriminalisiert. Auch in demokratischen LĂ€ndern wird das Recht der BĂŒrger*innen auf Information zunehmend beschnitten.

Deutschland belegt auf der Rangliste der Pressefreiheit 2026 Platz 14, ein RĂŒckgang um drei PlĂ€tze. Grund dafĂŒr ist vor allem, dass Journalist*innen auf der Straße und im Netz wachsenden Bedrohungslagen ausgesetzt sind. Auch aus Redaktionen wurde RSF immer wieder geschildert, dass polarisierte Themen wie die Nahostberichterstattung zu erschwerten Arbeitsbedingungen fĂŒhrten.

"Nur noch einer von 100 Menschen weltweit kann sich durch eine vielfĂ€ltige, gesunde Medienlandschaft informieren. Auch wenn wir den Niedergang der Pressefreiheit seit einem Vierteljahrhundert dokumentieren, bleibt dieser Befund dramatisch", sagt Christian Mihr, GeschĂ€ftsfĂŒhrer fĂŒr Politik und Strategie bei Reporter ohne Grenzen. "Dass Deutschland erneut PlĂ€tze verliert, ist auch Ausdruck eines aufgeheizten Klimas. Gerade bei der Berichterstattung ĂŒber rechtsextreme Milieus oder den Krieg in Gaza berichten viele Journalist*innen von starkem Druck, hitzigen Debatten und der Sorge, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden."

Weltweit werden Reporter*innen weiterhin wegen ihrer Arbeit getötet und inhaftiert. Fast 500 Medienschaffende sind derzeit in Haft. Doch Druck und EinschrĂ€nkungen wirken zunehmend auch durch Gesetze, die gezielt gegen die Presse eingesetzt werden, durch eine geschwĂ€chte Medienwirtschaft und einen feindseligen politischen Diskurs gegenĂŒber dem Journalismus.

Die Situation der Pressefreiheit in Deutschland

Deutschland war bereits im Jahr 2025 wieder aus der Liste der besten Zehn gerutscht. Auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit hat das Land erneut PlĂ€tze verloren und steht nun auf Rang 14. Journalist*innen sind auch hierzulande von steigender Polarisierung, Hass und Diffamierung - gerade im Internet - betroffen und kĂ€mpfen mit einem Verlust an GlaubwĂŒrdigkeit und Vertrauen. Die Anfang Februar veröffentlichte Nahaufnahme 2026: RSF-Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland hat bereits gezeigt, dass die Delegitimierung ihrer Arbeit von vielen Reporter*innen als große Bedrohung fĂŒr den Journalismus in Deutschland wahrgenommen wird.

Kriege, bewaffnete Auseinandersetzungen - und Trump

In mehreren LĂ€ndern sind Kriege und bewaffnete Konflikte maßgeblich fĂŒr den Niedergang der Pressefreiheit verantwortlich. Israel (116) fĂ€llt vor allem wegen des unerbittlich gefĂŒhrten Gaza-Krieges um vier PlĂ€tze. Seit Oktober 2023 wurden in Gaza mehr als 220 Journalist*innen durch Angriffe der israelischen Armee getötet, darunter mindestens 70 bei der AusĂŒbung ihrer Arbeit. Die PalĂ€stinensischen Gebiete stehen auf Rang 156. Die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf die Sicherheit von Journalist*innen sind auch in LĂ€ndern wie dem Sudan (161), im Irak (162) und im Jemen (164) spĂŒrbar.

Neben dem Nahen Osten ist Osteuropa fĂŒr Medienschaffende eine der gefĂ€hrlichsten Regionen der Welt geworden. Putins Russland (172) setzt seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fort und tötet dabei immer wieder gezielt Journalist*innen. Derzeit sitzen 48 Medienschaffende in russischen GefĂ€ngnissen, davon 26 aus der Ukraine.

In den USA unter PrĂ€sident Donald Trump haben die Angriffe auf Medien und Journalist*innen mittlerweile System. Das Land fĂ€llt um sieben PlĂ€tze auf Rang 64. EinsatzkrĂ€fte der Polizei und der Einwanderungsbehörde ICE gehen gewaltsam gegen Medienschaffende vor. Die Inhaftierung und spĂ€tere Abschiebung des salvadorianischen Journalisten Mario Guevara hat diese ohnehin angespannte Sicherheitslage noch verschĂ€rft. Die drastischen KĂŒrzungen bei der US Agency for Global Media (USAGM) hatten weltweite Auswirkungen: Sie fĂŒhrten zur Schließung, Einstellung oder Verkleinerung internationaler Sender wie Voice of America (VOA), Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) und Radio Free Asia (RFA) in LĂ€ndern, in denen diese Medien zu den letzten verlĂ€sslichen Informationsquellen zĂ€hlten. Zusammen mit den Mitarbeitenden von VOA kĂ€mpft RSF vor Gericht dafĂŒr, dass sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können.

In Argentinien (98) und El Salvador (143) sind mit Javier Milei und Nayib Bukele zwei PrĂ€sidenten an der Macht, die zu den lautstĂ€rksten UnterstĂŒtzern von Donald Trump in Lateinamerika zĂ€hlen und ihre Pressefeindlichkeit offen zur Schau stellen. In beiden LĂ€ndern haben sich vor allem die politischen und soziokulturellen Rahmenbedingungen weiter verschlechtert.

Den stĂ€rksten RĂŒckgang (-37) auf der Rangliste der Pressefreiheit 2026 verzeichnet Niger (120). Dieser Absturz steht sinnbildlich fĂŒr die sich verschlechternde Situation fĂŒr Journalist*innen in der gesamten Sahel-Region. Angriffe bewaffneter Gruppen und MilitĂ€rjuntas schrĂ€nken die freie Berichterstattung und das Recht der Menschen auf Informationen drastisch ein.

Am stĂ€rksten aufgestiegen ist Syrien: Der Sturz der Assad-Diktatur im Dezember 2024 und der darauf folgende politische Wandel haben das Land vom 177. auf den 141. Platz aufrĂŒcken lassen. Syrien hatte jahrelang zu den zehn am schlechtesten bewerteten LĂ€ndern gehört.

Kriminalisierung des Journalismus auf einem Höchststand

Die rechtlichen Rahmenbedingungen fĂŒr den Journalismus haben sich in 60 Prozent der beobachteten LĂ€nder und Territorien - 110 von 180 - im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Das trifft auf so verschiedene Staaten wie Indien (157) und Ägypten (169) zu. Aber auch in demokratischen LĂ€ndern wie Israel (116), den Philippinen (114) und Japan (62) werden zunehmend Gesetze unter dem Vorwand der TerrorismusbekĂ€mpfung oder des Schutzes der nationalen Sicherheit gegen Journalist*innen strategisch eingesetzt.

In der TĂŒrkei (163) werden neben Anti-Terror-Gesetzen Anklagen wegen "Desinformation", "Beleidigung des PrĂ€sidenten" und "Verunglimpfung staatlicher Institutionen" regelmĂ€ĂŸig dazu genutzt, Journalist*innen zu unterdrĂŒcken. Der Deutsche Welle-Korrespondent Alican Uludag etwa ist seit Februar 2026 wegen angeblicher PrĂ€sidentenbeleidigung in Haft.

Georgien (135), in diesem Jahr um 21 PlĂ€tze gefallen, steht beispielhaft fĂŒr die Umformulierung und strategische Anwendung von Gesetzen gegen Journalist*innen: Im FrĂŒhjahr 2026 wurde das bereits umstrittene Gesetz zur auslĂ€ndischen Einflussnahme stark verschĂ€rft, sodass jegliche UnterstĂŒtzung aus dem Ausland - sowohl finanzielle als auch ideelle Formen - de facto kriminalisiert wurde. Diese historische Repressionswelle spiegelt sich nicht nur in Gesetzestexten wider, sondern auch auf den Straßen, wo Reporter*innen regelmĂ€ĂŸig angegriffen werden.

In Russland (172) haben die Behörden die ohnehin bereits massiv repressive Gesetzgebung gegen Medienschaffende im vergangenen Jahr weiter verschÀrft. Insbesondere Gesetze zur BekÀmpfung von "Terrorismus" und "Extremismus" wurden ausgeweitet und gezielt gegen Medienschaffende eingesetzt, sodass Journalist*innen hÀufig durch mehrere TatbestÀnde gleichzeitig angeklagt werden und sich die Haftstrafen dadurch erheblich erhöhen - teilweise um bis zu sieben Jahre. Im vergangenen Jahr ist die Zahl entsprechender Strafverfahren deutlich gestiegen. Darunter sind auch zahlreiche Verurteilungen in Abwesenheit der Angeklagten im Exil, die mit langjÀhrigen Haftstrafen verbunden sind.

China (178) bleibt mit rund 120 inhaftierten Medienschaffenden eines der repressivsten LĂ€nder fĂŒr Journalist*innen. Medienschaffende werden systematisch wegen vager StraftatbestĂ€nde inhaftiert, oft nach Berichten ĂŒber Korruption oder politisch sensible Themen. Parallel dokumentiert der Propaganda-Monitor von RSF, dass das Land seine staatlich gesteuerte Einflussnahme auch global weiter ausbaut. In Hongkong (140) hat das drakonische "Sicherheitsgesetz" den Behörden ermöglicht, den unabhĂ€ngigen Verleger Jimmy Lai zu 20 Jahren Haft zu verurteilen, was de facto einem Todesurteil fĂŒr den 78-JĂ€hrigen gleichkommt.

Spitzenreiter und Schlusslichter

Wie in den vergangenen Jahren landen die nordeuropĂ€ischen LĂ€nder auf den vorderen PlĂ€tzen der Rangliste der Pressefreiheit. Zum zehnten Mal in Folge steht Norwegen auf Platz 1, die Niederlande schieben sich an Estland (3) vorbei auf Platz 2 und sind damit das bestplatzierte EU-Land. DĂ€nemark rĂŒckt um zwei PlĂ€tze auf Rang 4 vor. Nur die ersten sieben LĂ€nder, so wenige wie im vergangenen Jahr, landen auf der Rangliste in der besten Kategorie "gut". Die ersten 19 PlĂ€tze werden ausschließlich durch europĂ€ische LĂ€nder belegt.

Wenig Bewegung gab es am Ende der Skala: Eritrea (180), Nordkorea (179) und China (178) behalten ihre PlĂ€tze. Neu unter den letzten Zehn ist Saudi-Arabien: Das Land fiel um 14 PlĂ€tze auf Rang 176. Im vergangenen Jahr wurde dort der Journalist Turki al-Dschasser hingerichtet. Dass Medienschaffende exekutiert werden, ist weltweit selten: Zuletzt war im Dezember 2020 ein BĂŒrgerjournalist in Iran (177) hingerichtet worden.

So analysiert RSF den Zustand der Pressefreiheit

Die Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen vergleicht die Situation fĂŒr Journalist*innen und Medien in 180 LĂ€ndern und Territorien. Sie stĂŒtzt sich auf die Indikatoren Sicherheit, politischer Kontext, rechtlicher Rahmen sowie wirtschaftliches und soziokulturelles Umfeld. Die aktuelle, seit 2022 gĂŒltige Methodik hat RSF mit Expert*innen aus Medien und Forschung erarbeitet.

Pressekontakt:

Reporter ohne Grenzen
Tel.: +49 151 72480936
presse@reporter-ohne-grenzen.de

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