Berlin-Wahl 2026, Ron Prosor

Berlin-Wahl: Israels Botschafter Prosor warnt vor Gefahr für Juden

Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 16:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Israels Botschafter Ron Prosor warnt nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin vor einer unmittelbaren Gefahr für jüdisches Leben. Die Berliner Landespartei weist den Vorwurf zurück und wirbt zugleich um SPD und Grüne für eine Regierungsbildung.

  • Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag klar gewonnen (Archivbild)  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag klar gewonnen (Archivbild) - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
  • Der israelische Botschafter kommentiert den Wahlsieg der Linken ohne diplomatische Zurückhaltung. (Archivfoto) - Bild: Carsten Koall/dpa
    Der israelische Botschafter kommentiert den Wahlsieg der Linken ohne diplomatische Zurückhaltung. (Archivfoto) - Bild: Carsten Koall/dpa
  • Kerstin Wolter ist eine von zwei Vorsitzenden der Berliner Linken (Archivbild)  - Bild: Jens Kalaene/dpa
    Kerstin Wolter ist eine von zwei Vorsitzenden der Berliner Linken (Archivbild) - Bild: Jens Kalaene/dpa
Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag klar gewonnen (Archivbild)  - Bild: Sebastian Gollnow/dpa Der israelische Botschafter kommentiert den Wahlsieg der Linken ohne diplomatische Zurückhaltung. (Archivfoto) - Bild: Carsten Koall/dpa Kerstin Wolter ist eine von zwei Vorsitzenden der Berliner Linken (Archivbild)  - Bild: Jens Kalaene/dpa

Israels Botschafter Ron Prosor sieht nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin eine «unmittelbare Existenzgefahr» für die jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt.

Botschafter erhebt schwere Vorwürfe

Das starke Abschneiden der Linken müsse jeden beunruhigen, dem das Fortbestehen jüdischen Lebens in Berlin am Herzen liege, sagte Prosor der Deutschen Presse-Agentur. Der Antisemitismus, der sich in der Partei Bahn gebrochen habe, bekomme mit ihrem Aufstieg zur stärksten Kraft eine neue politische Dimension.

Prosor sprach von einem tief verwurzelten und weitreichenden Antisemitismusproblem. Er forderte die Linke auf, einen Plan vorzulegen, wie sie Israel- und Judenhass in den eigenen Reihen stoppen und bekämpfen wolle.

Linke weist Vorwürfe zurück

Die Berliner Landesvorsitzende Kerstin Wolter wies die Vorhaltungen zurück. Das Existenzrecht Israels und der Schutz jüdischen Lebens seien klare Beschlusslage der Linken, sagte sie der dpa.

Die Partei stehe für ein sicheres, sichtbares und selbstbestimmtes jüdisches Leben in Berlin. Zugleich kritisiere sie die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung; es sei unlauter, diese Kritik pauschal als Antisemitismus zu bezeichnen, sagte Wolter.

Regierungsbildung beginnt

Die Linke hatte am Sonntag mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp die Wahl zum Abgeordnetenhaus deutlich vor der CDU gewonnen. Sie will nun mit Grünen und SPD eine Koalition schmieden und könnte mit Eralp erstmals die Regierende Bürgermeisterin stellen.

Für diese Woche lud die Parteiführung Vertreter von SPD und Grünen zu Vorgesprächen ein. Nach Zustimmung eines Parteitags am Freitag könnten in der kommenden Woche Sondierungen zur Vorbereitung von Koalitionsgesprächen beginnen. Die Linke-Fraktion wählte Eralp zur Co-Vorsitzenden neben Tobias Schulze.

Streit über Nahost und Antisemitismus

Die Berliner Linke oder Teile von ihr stehen wegen ihrer Positionen zum Nahostkonflikt und zum Antisemitismus wiederholt in der Kritik. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte der Partei antisemitische Grenzüberschreitungen im Wahlkampf vorgeworfen.

Zusätzlichen Wirbel löste eine Wahlparty des Linke-Kreisverbands Neukölln aus. Dort waren neben einer bekannten Clan-Größe auch ein propalästinensischer Aktivist zu Gast, der wegen israelfeindlicher Positionen in der Kritik steht und der von der Europäischen Union als terroristisch eingestuften Volksfront für die Befreiung Palästinas nahestehen soll.

Wissenschaftlerin warnt vor Instrumentalisierung

Die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum bezeichnete die Debatte als überzogen. Antisemitismus gebe es in allen Parteien, sagte die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin der dpa.

Die Linke habe sich auf Landes- und Bundesebene wiederholt klar gegen Antisemitismus positioniert. Zugleich müsse zwischen Judenhass und Verschwörungsdenken einerseits sowie Kritik an der Politik der israelischen Regierung andererseits unterschieden werden, sagte Schüler-Springorum.

Debatte reicht bis in den Wahlkampf zurück

Bereits im Oktober 2024 war ein Landesparteitag der Berliner Linken im Streit über einen Antrag zu linkem Antisemitismus beendet worden. Mehrere Initiatoren verließen den Saal; einige prominente Mitglieder, darunter der frühere Kultursenator Klaus Lederer, traten später aus der Partei aus.

Im Oktober 2025 geriet der spätere Bürgermeisterkandidat der Linken in Berlin-Neukölln, Ahmed Abed, wegen einer Äußerung über den Bürgermeister der israelischen Partnerstadt Bat Yam in die Kritik. Kurz vor der Wahl sorgte zudem der Auftritt eines Rappers mit Gewaltaufrufen bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken für Diskussionen.

Wahlsieg mit politischer Tragweite

Die Linke wurde bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. Gemeinsam mit Grünen und SPD verfügt sie rechnerisch über eine Regierungsoption; zugleich könnte auch ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD eine Mehrheit bilden. Die Regierungsbildung ist deshalb offen und hängt neben programmatischen Fragen vom Vertrauen der möglichen Partner ab.

Die Antisemitismusdebatte trifft die Linke an einem besonders sensiblen Punkt. Im Wahlkampf hatten Auftritte und Äußerungen aus dem Umfeld des Neuköllner Bezirksverbands Kritik ausgelöst. Für die jüdische Gemeinschaft geht es dabei nicht nur um Parteibeschlüsse, sondern um die Frage, ob antisemitische Parolen, Gewaltaufrufe und problematische Kontakte innerhalb einer künftigen Regierungspartei wirksam zurückgewiesen werden.

Koalitionsfrage und Alltag in Berlin

SPD und Grüne verlangen deshalb konkrete Konsequenzen und ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus. Für die Linke bedeutet das, ihre Beschlüsse zum Schutz jüdischen Lebens mit dem Verhalten einzelner Mitglieder und Bezirksverbände in Einklang zu bringen. Zugleich muss sie zeigen, dass Kritik an der israelischen Regierungspolitik nicht in Judenhass oder eine Infragestellung des Existenzrechts Israels umschlägt.

Für die Berlinerinnen und Berliner entscheidet sich in den Sondierungen mehr als die Besetzung des Roten Rathauses. Auf der Tagesordnung stehen auch Mieten, mögliche Vergesellschaftungen großer Wohnungsunternehmen, Sicherheit und der Schutz des vielfältigen jüdischen, muslimischen und palästinensischen Lebens. Die Reaktionen der Linken auf die Vorwürfe werden damit zu einem Prüfstein ihrer Regierungsfähigkeit.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Berliner Zeitung: „Linken-Sieg in Berlin: Antisemitismus-Streit wird zur Hürde für Rot ...“ (21.09.2026)

Der Bericht bestätige den Wahlsieg der Linken und beschreibe die Antisemitismusdebatte als Belastung für die angestrebte Koalition mit Grünen und SPD. Er setze einen Schwerpunkt auf konkrete Vorgänge im Neuköllner Bezirksverband, darunter den Besuch eines propalästinensischen Aktivisten bei der Wahlparty und frühere Kontroversen im Wahlkampf; zugleich bleibe offen, ob die angekündigten Reaktionen der Partei den möglichen Partnern genügten.

Frankfurter Rundschau: „Linke Elif Eralp gewinnt in Berlin – doch Antisemitismus-Streit bedroht ihre Koalition“ (20.09.2026)

Der Artikel bestätige ebenfalls die stärkste Stellung der Linken und hebe hervor, dass SPD und Grüne eine klare Positionierung verlangten. Anders als die Berliner Zeitung stelle er zusätzlich den Streit über die Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne heraus und beschreibe den Konflikt zwischen der Parteispitze und Teilen des Neuköllner Verbands; die Regierungsbildung bleibe von beiden Themen abhängig.

Beide Berichte stellten den Wahlsieg und die rechnerische Koalitionsoption nicht infrage, unterschieden sich aber in der Gewichtung: Während die Berliner Zeitung konkrete Kontakte und Konsequenzen beleuchte, ordne die Frankfurter Rundschau den Streit stärker in die programmatischen Konflikte einer möglichen Regierung ein.

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