Berlin-Wahl Linke: Clan-Besuch auf Wahlparty und Antisemitismusvorwürfe belasten Rot-Grün-Rot
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 17:18 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach ihrem Wahlsieg in Berlin beansprucht die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp die Führung der nächsten Landesregierung, doch ein Vorfall bei einer Wahlparty im Bezirk Neukölln erschwert die Suche nach Koalitionspartnern.
Clan-Chef Remmo bei Wahlfeier der Linken
Bei der öffentlich zugänglichen Wahlparty der Neuköllner Linken erschien am Wahlabend ein führendes Mitglied der arabischstämmigen Remmo-Großfamilie. Der Bezirksverband betonte im Nachgang, es gebe weder politische noch persönliche Beziehungen zu der Person und sie sei nicht eingeladen gewesen; ihr Name habe nicht auf der Anmeldeliste gestanden.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) reagierte scharf und sprach auf der Plattform X von einem „verstörenden Signal“. Eine Partei, die Verantwortung für die Stadt übernehmen wolle, müsse deutlich machen, dass es keinerlei Nähe zu Strukturen der organisierten Kriminalität geben dürfe.
Remmo-Familie seit Jahren im Fokus der Ermittler
Die Remmo-Großfamilie lebt seit den 1980er Jahren in Berlin und umfasst nach Schätzungen einige hundert Personen. Teile der Familie ordnet die Polizei dem kriminellen Clanmilieu zu, insbesondere junge Männer, die als Verdächtige zahlreicher Gewalttaten und spektakulärer Einbrüche aufgefallen sind, darunter der Diebstahl einer riesigen Goldmünze aus einem Berliner Museum.
Der Begriff Clankriminalität ist umstritten, weil Kritiker darin eine Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund sehen. Die Linke lehnt diese Bezeichnung weitgehend ab und kritisiert pauschale Zuschreibungen an ganze Familien.
Propalästinensischer Aktivist und Verfassungsschutz-Warnung
Auf der Wahlparty in Neukölln war zudem ein propalästinensischer Aktivist anwesend, dem israelfeindliche Positionen vorgeworfen werden und der mit der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) in Verbindung gebracht wird. Der Berliner Verfassungsschutz verweist in seinem jüngsten Bericht darauf, dass EU und USA die PFLP als terroristische Organisation einstufen.
Auf in sozialen Medien veröffentlichten Fotos ist der Neuköllner Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak neben dem Aktivisten zu sehen. Kocak erklärte auf Anfrage, er distanziere sich ausdrücklich von Gewalt- oder Terrorverherrlichung und sei beim Besuch von Issa Remmo selbst nicht anwesend gewesen.
Dauerstreit um Antisemitismus in der Berliner Linken
Die Vorgänge fügen sich ein in eine andauernde Debatte über Antisemitismus in Teilen der Berliner Linken. Ende August trat bei einer Parteiveranstaltung ein Rapper auf, der ein Lied gegen Israels Krieg in Gaza mit Zeilen wie „Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“ sang.
Eralp verurteilte den Auftritt deutlich und erklärte, Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen seien absolut inakzeptabel. Sie kritisierte, dass Verantwortliche im Neuköllner Verband nicht eingegriffen hätten.
Grüne und SPD erhöhen den Druck
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf fordert vor einer möglichen Regierungsbeteiligung eine konsequente Auseinandersetzung der Linken mit Antisemitismus in den eigenen Reihen. Es müsse klar sein, wie problematische Teile der Partei in die Schranken gewiesen würden, sagte er im RBB-Inforadio, und warnte vor immer neuen Eskalationen rund um den Kreisverband Neukölln.
Auch SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt im Falle einer Zusammenarbeit ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus von der gesamten neuen Linksfraktion. SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas bezeichnete es als schwierige Situation, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die in Teilen antisemitisch unterwegs sei, und kündigte eine sehr sorgfältige Prüfung an.
Koalitionsoptionen und Vergesellschaftungsdebatte
Eine Regierungskoalition unter Führung der Linken, die bei der Wahl 25,7 Prozent der Stimmen erreichte, ist nur gemeinsam mit Grünen und SPD realistisch. Auf einem Parteitag am Freitag will die Linke über die Aufnahme von Sondierungsgesprächen entscheiden. Rechnerisch wäre auch ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD möglich.
Zusätzlich belastet das linke Kernprojekt der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne die Gespräche. Eralp hat angekündigt, in Sondierungen auf Enteignungen zu bestehen. Damit steht die Linke vor der doppelten Aufgabe, Grüne und SPD von ihrem Kurs in der Sicherheits- und Antisemitismuspolitik zu überzeugen und zugleich ihre wohnungspolitischen Forderungen durchzusetzen.
Koalitionsfrage nach historischem Wahlsieg
Der Besuch von Issa Remmo auf der Wahlparty der Linken fällt in eine hoch sensible Phase der Berliner Landespolitik. Die Linke ist erstmals stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus und beansprucht mit Elif Eralp das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Gleichzeitig hängt eine mögliche rot-grün-rote Koalition maßgeblich von der Vertrauensfrage ab: Grüne und SPD verlangen glaubhafte Distanz zu organisierter Kriminalität und eine klare Haltung gegen Antisemitismus in allen Parteiteilen.
Belastete Vorgeschichte im Bezirksverband Neukölln
Die Kontroverse knüpft an eine längere Debatte über Teile der Berliner Linken an. Insbesondere der Kreisverband Neukölln steht seit Monaten wegen Auftritten propalästinensischer Aktivisten und umstrittener Veranstaltungen in der Kritik. Dass bei der Wahlparty sowohl ein führendes Mitglied der Remmo-Großfamilie als auch ein mit der PFLP in Verbindung gebrachter Aktivist auftauchten, verstärkt den Eindruck struktureller Probleme im Umgang mit Antisemitismus und extremistischen Milieus. Für potenzielle Partner wie Grüne und SPD wird damit die Frage zentral, ob die Linke interne Konflikte konsequent politisch und organisatorisch bearbeitet.
Bedeutung für Berliner Innenpolitik und Wohnungsfrage
Für Berlin geht es um mehr als Symbolpolitik. Die Linke steht zugleich für einen Kurswechsel in der Wohnungspolitik mit Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne und einer kritischeren Haltung zur bisherigen Clan- und Sicherheitsdebatte. Sollte sie trotz der Vorwürfe eine Koalition mit Grünen und SPD schmieden, könnte dies zu einer Neujustierung zwischen repressiver Bekämpfung organisierter Kriminalität und sozialpolitischen Ansätzen führen. Bleibt das Vertrauen aus, wäre eine schwarz-grün-rote Konstellation wahrscheinlicher – mit einem stärker sicherheitsorientierten Kurs und einer gebremsten Vergesellschaftungsagenda. Für die Berlinerinnen und Berliner entscheidet sich damit, ob der Wahlsieg der Linken in Regierungsmacht oder in einem begrenzten Einfluss aus der Opposition mündet.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Tagesspiegel: „Ein Terrorunterstützer stand neben ihm: Clan-Chef Issa Remmo bei Wahlpartys der Linken in Berlin“ (20.09.2026)
Der Bericht hebt hervor, Issa Remmo habe sowohl die Wahlparty des Neuköllner Bezirksverbandes als auch die Feier der Landespartei besucht und sei dabei von einem als Unterstützer der PFLP beschriebenen Anti-Israel-Aktivisten begleitet worden. Der Tagesspiegel stelle heraus, dass Sicherheitskreise von einem spontanen Auftritt sprechen und erinnere an frühere Aktivitäten dieses Aktivisten im Umfeld der Neuköllner Linken. Zugleich werde betont, dass der Landesverband der Linken und Vertreter der Grünen eine vollständige Klärung des Vorgangs vor möglichen Koalitionsverhandlungen verlangen.
Frankfurter Rundschau: „Linke Elif Eralp gewinnt in Berlin – doch Antisemitismus-Streit bedroht ihre Koalition“ (20.09.2026)
Die Frankfurter Rundschau ordnet die Vorfälle in Neukölln in eine breitere Debatte über Antisemitismus innerhalb der Berliner Linken ein und betont, dass insbesondere SPD und Grüne vor einer Regierungsbildung eine klare Positionierung von Eralp und ihrer Partei verlangen. Der Artikel stelle heraus, dass innerparteiliche Palästina-Aktivisten und Forderungen nach Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne den Koalitionspoker zusätzlich erschweren könnten, während der Wahlsieg der Linken gleichzeitig als historischer Einschnitt dargestellt werde.
BR24: „Linke klar vorne bei Berlin-Wahl – aber wird sie auch regieren?“ (20.09.2026)
Der Beitrag von BR24 konzentriert sich auf mögliche Koalitionsmodelle und hebt hervor, dass Rot-Grün-Rot ebenso denkbar sei wie eine Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Die Redaktion betone, dass Spitzenvertreter der Grünen eine Zusammenarbeit mit der Linken an klare Abgrenzungen vom Antisemitismus knüpfen und die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne als zentrale Hürde bei der Regierungsbildung ansehen. Im Vergleich zu anderen Berichten stehe hier stärker die rechnerische Mehrheitsbildung und der bundespolitische Signalwert des Berliner Ergebnisses im Vordergrund.
Übergreifend werde in den ausgewählten Medienberichten übereinstimmend dargestellt, dass der Besuch von Issa Remmo und die Antisemitismusvorwürfe die Koalitionschancen der Linken belasten, während sich die Gewichtung zwischen sicherheitspolitischen Fragen, innerparteilichen Konflikten und wohnungspolitischen Projekten je nach Medium unterscheide.
