Berlin-Wahl Linke: Clan-Besuch und Antisemitismusvorwürfe belasten Weg zu Rot-Grün-Rot
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 17:56 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach ihrem Wahlsieg in Berlin drängt die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp ins Rote Rathaus, doch der Besuch eines führenden Clan-Mitglieds und Antisemitismusvorwürfe überschatten die Euphorie.
Clan-Mitglied bei Wahlparty in Neukölln
Auf einer Wahlparty der Linken im Bezirk Neukölln erschien am Wahlabend Issa Remmo, ein führendes Mitglied der arabischstämmigen Remmo-Großfamilie. Der Bezirksverband betonte im Anschluss, es gebe weder politische noch persönliche Beziehungen zu ihm und seine Anwesenheit sei nicht bekannt gewesen, da er nicht auf der Anmeldeliste gestanden habe. Die Veranstaltung sei öffentlich zugänglich und grundsätzlich für alle offen gewesen.
Scharfe Kritik aus der Landespolitik
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) nannte das Auftauchen Remmos auf einer Linken-Wahlparty auf der Plattform X ein verstörendes Signal und forderte eine klare Abgrenzung von Strukturen der organisierten Kriminalität. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers erklärte, Clanbosse gehörten hinter Gitter und nicht auf Wahlpartys. Der Neuköllner Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak distanzierte sich von Remmos Besuch und betonte, er sei zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend gewesen.
Remmo-Familie und Streit um Clankriminalität
Die Remmo-Großfamilie kam in den 1980er-Jahren aus dem Libanon nach Berlin und umfasst inzwischen mehrere hundert Menschen. Ein Teil wird von der Polizei dem kriminellen Clanmilieu zugerechnet, insbesondere junge Männer, die wegen verschiedener Straftaten aufgefallen sind, etwa beim spektakulären Diebstahl einer riesigen Goldmünze aus einem Berliner Museum. Der Begriff Clankriminalität ist umstritten, Kritiker sehen darin eine Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund, und auch die Linke lehnt diese Bezeichnung weitgehend ab.
Antisemitismusvorwürfe gegen Berliner Linke
Zusätzlichen Druck erzeugt die Debatte über Antisemitismus in den Reihen der Berliner Linken. Ende August trat bei einer Parteiveranstaltung ein umstrittener Rapper auf, der ein Lied gegen den Krieg Israels in Gaza mit Parolen wie „Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“ sang. Intifada steht für gewaltsame Aufstände gegen die israelische Besatzung mit zahlreichen Anschlägen und vielen Toten auf beiden Seiten.
Eralp fordert klare Grenzen
Elif Eralp kritisierte den Auftritt deutlich und erklärte, Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen seien absolut inakzeptabel. Sie warf den Verantwortlichen im Bezirksverband Neukölln vor, nicht eingegriffen zu haben, obwohl sie hätten intervenieren müssen. Der Bundestagsabgeordnete Kocak, der neben einem propalästinensischen Aktivisten auf Fotos von der Wahlparty zu sehen war, betonte, er distanziere sich ausdrücklich von gewalt- oder terrorverherrlichenden Aussagen.
Verfassungsschutz und propalästinensischer Aktivist
Bei der Wahlparty in Neukölln war auch ein Aktivist anwesend, der wegen israelfeindlicher Positionen in der Kritik steht und mit der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) in Verbindung gebracht wird. Der Berliner Verfassungsschutz verweist in seinem aktuellen Bericht darauf, dass die PFLP von EU und USA als terroristische Organisation eingestuft wird. Ein dpa-Reporter wurde später am Abend, kurz nach Bekanntwerden von Remmos Besuch, nicht mehr in die Veranstaltung eingelassen.
Grüne und SPD erhöhen den Druck
Vor möglichen Koalitionsverhandlungen verlangen Grüne und SPD eine klare Haltung der Linken. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf fordert eine konsequente Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Partei und warnt vor ritualisierten Konflikten insbesondere mit dem Kreisverband Neukölln. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach erwartet ein eindeutiges Bekenntnis gegen Antisemitismus von der Parteispitze und allen Mitgliedern der neuen Linksfraktion.
Koalitionsoptionen und offene Fragen
SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas bezeichnete eine Zusammenarbeit mit einer Partei, die in Teilen antisemitisch unterwegs sei, als schwierige Situation, über die man sorgfältig nachdenken müsse. Krach fordert von Eralp eine eindeutige Distanzierung und konkrete Konsequenzen nach den Vorfällen, bevor Kooperation möglich sei. Rechnerisch könnte die Linke nur gemeinsam mit Grünen und SPD eine Regierung bilden; alternativ wäre ein schwarz-rot-grünes Bündnis möglich. Ein Parteitag der Linken soll am Freitag über die Aufnahme von Sondierungsgesprächen entscheiden, bei denen die Partei Grüne und SPD von sich als bessere Alternative zur CDU überzeugen muss.
Koalitionsbildung unter Druck
Die Linke hat mit ihrem Wahlsieg in Berlin zwar einen klaren Regierungsauftrag, steht aber unmittelbar vor komplizierten Verhandlungen. Die Partei braucht sowohl SPD als auch Grüne, um ein rot-grün-rotes Bündnis zu bilden, doch beide potenziellen Partner stellen Antisemitismus und den Umgang mit organisierter Kriminalität nun ausdrücklich zur Bedingung. Zugleich erschweren die Pläne zur Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne die Suche nach Kompromissen.
Die Debatte um den Besuch von Issa Remmo bei der Wahlparty in Neukölln verstärkt den Druck auf die Linke, sich sichtbar von Clanstrukturen zu distanzieren. Parallel wirkt die Vorgeschichte mit antisemitisch kritisierten Parolen im Wahlkampf nach, die den Zentralrat der Juden zu einer deutlichen Warnung vor einer Koalition mit der Linken veranlasst haben. Damit gewinnt die Frage, wie glaubwürdig und konsequent die Partei innerparteiliche Grenzüberschreitungen sanktioniert, zentrale Bedeutung für die Regierungsbildung.
Vertrauensfragen für mögliche Partner
Für SPD und Grüne geht es nicht nur um inhaltliche Differenzen, etwa bei der Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen, sondern um grundlegende Vertrauensfragen. Beide Spitzenkandidaten fordern klare Distanzierungen und konkrete Konsequenzen, bevor sie eine Zusammenarbeit in Betracht ziehen. Aus Sicht vieler Beobachter wird sich an der Reaktion der Linken auf die Vorfälle in Neukölln entscheiden, ob sie als verlässliche Partnerin wahrgenommen wird oder ob eine alternative Konstellation mit der CDU an Gewicht gewinnt.
Bedeutung für Berlinerinnen und Berliner
Für die Einwohnerinnen und Einwohner Berlins steht damit mehr auf dem Spiel als die Frage, wer künftig das Rote Rathaus führt. Die Auseinandersetzung berührt die Sicherheit im Alltag – etwa durch den Umgang mit Clanmilieus – ebenso wie das gesellschaftliche Klima, insbesondere für jüdische Berlinerinnen und Berliner. Zugleich hängt an der Koalitionsentscheidung, ob der erfolgreiche Mietenwahlkampf der Linken mit Forderungen nach Vergesellschaftung und stärkerem Mieterschutz in konkrete Politik umgesetzt wird oder ob ein stärker auf Stabilität und Investitionssicherheit ausgerichteter Kurs die Oberhand gewinnt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv.de: „Clanchef Remmo besucht Wahlparty der Berliner Linken“ (20.09.2026)
Der Bericht stellt heraus, dass Issa Remmo zunächst bei einer Wahlparty der Landespartei abgewiesen worden sei, in Neukölln jedoch Zugang erhalten habe. Die Darstellung hebe hervor, die Linke in Neukölln betone fehlende persönliche und politische Beziehungen zu Remmo, während zugleich Kritik von Kai Wegner und der Grünen-Landesvorsitzenden Nina Stahr an möglicher Nähe zu Clanstrukturen und am Umgang mit der Antisemitismusdebatte laut geworden sei. Zudem werde die Sorge des Zentralrats der Juden über antisemitische Grenzüberschreitungen im Wahlkampf der Linken ausführlich dargestellt.
euronews.com: „Linke in Berlin vorn trotz Antisemitismus-Skandal und Vergesellschaftungplan“ (20.09.2026)
Der Beitrag ordne den Wahlsieg der Linken in Berlin ein und verbinde ihn mit den Antisemitismusvorwürfen gegen den Neuköllner Verband sowie den umstrittenen Plänen zur Vergesellschaftung von Wohnungen. Er hebe hervor, Vertreter von Grünen, SPD und Zentralrat der Juden knüpften eine Regierungsbeteiligung an ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus und zeigten sich skeptisch gegenüber Enteignungsplänen. Gleichzeitig werde betont, Elif Eralp habe im Wahlkampf die Bedeutung des Schutzes jüdischen Lebens und das Existenzrecht Israels unterstrichen.
Der Artikel gebe die deutliche Warnung von Zentralratspräsident Josef Schuster wieder, der die Wahlkampfvorkommnisse mit Aufrufen zur Intifada und zum Tod israelischer Soldaten kritisiere. Nach dieser Darstellung fordere der Zentralrat, SPD und Grüne sollten eine Koalition mit der Linken vermeiden, solange antisemitische Grenzüberschreitungen in der Partei nicht konsequent geahndet würden. Damit werde die Bedeutung der Antisemitismusdebatte für die Koalitionsfrage noch stärker gewichtet als in anderen Berichten.
Medienübergreifend werde übereinstimmend berichtet, dass der Wahlsieg der Linken von einer Vertrauenskrise wegen Antisemitismusvorwürfen und des Umgangs mit Clanstrukturen begleitet werde. Unterschiede bestünden vor allem in der Gewichtung: Während einige Berichte stärker auf die Rolle Remmos und die Reaktionen der Landespolitik fokussierten, stellten andere die Warnungen des Zentralrats der Juden und die Streitpunkte bei der Wohnungspolitik in den Vordergrund. Offen bleibe in den Darstellungen, ob und wie die Linke innerparteilich Konsequenzen zieht, um Koalitionspartner zu überzeugen.
