BND-Chef warnt vor russischem Schattenkrieg gegen Deutschland
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 10:48 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der PrĂ€sident des Bundesnachrichtendienstes, Martin JĂ€ger, warnt vor einem russischen âSchattenkriegâ gegen Deutschland und sieht die Nachrichtendienste als erste Verteidigungslinie.
Russland setzt auf EinschĂŒchterung
Bei einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages sagte JĂ€ger, Deutschland mĂŒsse angesichts der Bedrohung durch Russland deutlich widerstandsfĂ€higer werden. Niedrigschwellige Aktionen gegen einzelne Nato-Mitgliedstaaten seien keine Ausnahme mehr. Dazu zĂ€hlten etwa EinschĂŒchterungsversuche.
Seit dem Sommer habe sich die russische KriegsfĂŒhrung gegen die Ukraine deutlich verschĂ€rft. Zugleich versuche Russland, RĂŒstungslieferungen zu unterbinden.
Warnung vor Sabotage und Tötungsdelikten
Der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Sinan Selen, sagte, Russland zeige seine Bereitschaft zu Sabotage und Tötungsdelikten. Das Spektrum umfasse auch Desinformation und Anschlagsversuche.
Als Beispiel nannte Selen eine Anfang August am Flughafen Halle/Leipzig entdeckte Drohne, die mit Sprengstoff prĂ€pariert neben ukrainischen Frachtmaschinen gelegen habe. âWir konnten bereits Abwehrerfolge erzielenâ, sagte er. Zugleich verschĂ€rfe sich die Lage weiter. Die deutschen Nachrichtendienste mĂŒssten ihre FĂ€higkeiten an die anderer europĂ€ischer Partnerdienste anpassen.
Ăffentliche Anhörung nur einmal im Jahr
Selen, JĂ€ger und die PrĂ€sidentin des MilitĂ€rischen Abschirmdienstes, Martina Rosenberg, stehen den Abgeordneten des Parlamentarischen Kontrollgremiums normalerweise nur in geheimer Sitzung fĂŒr Fragen zur VerfĂŒgung. Lediglich einmal pro Jahr findet eine öffentliche Anhörung statt.
In dieser Wahlperiode sind bisher nur Parlamentarier von Union, SPD und GrĂŒnen in dem Gremium vertreten. Kandidaten aus den Reihen der AfD-Fraktion und der Linksfraktion verfehlten bei Wahlen jeweils die notwendige Mehrheit.
Bundestag berĂ€t ĂŒber neue Befugnisse
Der Bundestag muss noch ĂŒber einen Gesetzentwurf der Bundesregierung beraten, der eine Ausweitung der Befugnisse von BfV und BND vorsieht. In besonderen FĂ€llen sollen die Dienste neben der AufklĂ€rung kĂŒnftig auch operative Aufgaben ĂŒbernehmen dĂŒrfen.
Genannt werden etwa das Stoppen von Cyberangriffen oder das Sabotieren von RĂŒstungsprojekten. Hybride Angriffe verbinden militĂ€rische, wirtschaftliche, geheimdienstliche und propagandistische Mittel, um andere Staaten zu destabilisieren.
Vom Krieg unterhalb der Angriffsschwelle
Mit dem Begriff âSchattenkriegâ beschreiben die deutschen Nachrichtendienstchefs AktivitĂ€ten, die unterhalb eines offenen militĂ€rischen Angriffs bleiben. Dazu zĂ€hlen nach der dpa-Meldung EinschĂŒchterung, Sabotage, Desinformation, Anschlagsversuche und geplante Tötungsdelikte. Ihr gemeinsames Merkmal ist, dass sie Staaten und Gesellschaften unter Druck setzen können, ohne unmittelbar einen BĂŒndnisfall auszulösen.
Die Bedeutung fĂŒr Deutschland ergibt sich aus seiner Rolle als logistisches und industrielles Zentrum der europĂ€ischen UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine. RĂŒstungsproduktion, Transporte, FlughĂ€fen, digitale Netze und öffentliche Kommunikation werden dadurch zu möglichen AngriffsflĂ€chen. Der Hinweis auf die prĂ€parierte Drohne am Flughafen Halle/Leipzig steht in diesem Zusammenhang fĂŒr eine Bedrohung, die zivile Infrastruktur und militĂ€rische Hilfe zugleich berĂŒhren kann.
Mehr Befugnisse, mehr Verantwortung
Die geplante Reform der Nachrichtendienste zielt darauf, AufklĂ€rung und operative Abwehr in besonderen FĂ€llen enger zu verbinden. Das könnte die ReaktionsfĂ€higkeit bei Cyberangriffen oder Sabotage erhöhen, wirft aber zugleich Fragen nach Kontrolle, ZustĂ€ndigkeiten und dem Schutz von Grundrechten auf. Gerade weil viele hybride Aktionen verdeckt vorbereitet werden, mĂŒssen politische Entscheidungen auf belastbaren Lagebildern beruhen.
FĂŒr BĂŒrgerinnen und BĂŒrger wird die Entwicklung vor allem dort spĂŒrbar, wo SicherheitsmaĂnahmen den Alltag verĂ€ndern: beim Schutz kritischer Infrastruktur, bei der Abwehr digitaler Angriffe und im Umgang mit Desinformation. Die öffentliche Anhörung macht deutlich, dass Nachrichtendienste ihre Arbeit nicht mehr nur als Beobachtung entfernter Konflikte verstehen, sondern als Teil der unmittelbaren staatlichen Gefahrenabwehr.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: âLĂŒcke bei hybriden Attacken: Putins Schattenkrieg trifft Europas offene Flankeâ (04.10.2026)
Der Bericht ordne hybride Angriffe als europĂ€isches Koordinationsproblem ein und hebe hervor, dass die Nato fĂŒr militĂ€rische Angriffe klare Verfahren besitze, fĂŒr viele Aktionen unterhalb dieser Schwelle aber kein vergleichbarer gemeinsamer Mechanismus bestehe. Anders als die dpa-Meldung, die den Schwerpunkt auf die EinschĂ€tzung der deutschen Nachrichtendienstchefs und die geplante deutsche Reform lege, konzentriere sich der Artikel auf VorschlĂ€ge fĂŒr ein europĂ€isches Notfallprotokoll; offen bleibe, ob dafĂŒr im EU-Rat eine Mehrheit zustande komme.
Merkur: âDrohnen, Sabotage, MordplĂ€ne: Behörden rechnen mit Putins nĂ€chster Eskalationsstufe gegen den Westenâ (03.10.2026)
Der Artikel beschreibe eine wachsende Bandbreite mutmaĂlich russischer SabotageaktivitĂ€ten und rĂŒcke die psychologische Wirkung auf die Bevölkerung in den Mittelpunkt. Damit bestĂ€tige er den in der dpa-Meldung genannten Mix aus Drohnen, Sabotage und TötungsplĂ€nen, setze den Schwerpunkt jedoch auf erwartete weitere Eskalationsschritte und den Schutz von Industrie und Infrastruktur. Zugleich verweise der Bericht auf das Dilemma, dass eine schĂ€rfere Reaktion die Gefahr einer direkten Konfrontation erhöhen könne.
Beide BeitrĂ€ge stellten hybride AktivitĂ€ten als Herausforderung unterhalb eines offenen Krieges dar. Unterschiede bestĂŒnden vor allem beim Blickwinkel: WĂ€hrend n-tv europĂ€ische Entscheidungswege hervorhebe, betone der Merkur die möglichen Ziele und psychologischen Folgen; als offene Frage bleibe, wie Deutschland und Europa Abwehr, Abschreckung und politische Kontrolle miteinander verbinden wollten.
