Chemie-Nobelpreis 2026 geht an Henri Kagan und Kenso Soai für Grundlagen moderner Medikamente
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 12:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Chemie-Nobelpreis 2026 geht an den Franzosen Henri Kagan und den Japaner Kenso Soai für entscheidende Grundlagen unter anderem für die Entwicklung von Medikamenten.
Eine Lösung für ein altes chemisches Rätsel
Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm mit. Die Forscher hätten eine Lösung dafür geliefert, wie Homochiralität spontan entstehen könne, erläuterte der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, Heiner Linke.
Viele Moleküle, darunter Aminosäuren, existieren in zwei Varianten, die sich wie Spiegelbilder verhalten. Diese Formen werden als L- und R-Form beziehungsweise als Enantiomere bezeichnet. In der Natur dominiert meist eine der beiden Varianten.
Warum die Molekülform entscheidend ist
Biologische Andockstellen funktionieren nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Eine Molekülvariante kann deshalb genau passen, während ihr Spiegelbild nicht bindet oder sogar unerwünschte Wirkungen auslösen kann.
In der Medizin werden viele moderne Medikamente gezielt als einzelnes Enantiomer entwickelt. Die andere Form, die unwirksam oder toxisch sein kann, wird dabei vermieden.
Lehren aus dem Contergan-Skandal
Welche Folgen unterschiedliche Molekülformen haben können, zeigte der Contergan-Skandal der 1960er Jahre. Während eine Form des Wirkstoffs Thalidomid Entzündungen hemmt, führt ihr Spiegelbild zu Missbildungen bei ungeborenen Kindern.
Weg von Kagan zu Soais Reaktion
Kagan, der an der Université Paris-Sud forschte, entdeckte 1986 eine Möglichkeit, chemische Reaktionen zu beeinflussen. Damit konnte ein größerer Überschuss einer der beiden spiegelbildlichen Formen erzeugt werden.
Soai von der Tokyo University of Science stellte 1995 eine chemische Reaktion mit dem theoretischen Potenzial vor, homochirale Moleküle zu erzeugen. 2003 präsentierte er eine Reaktion, bei der tatsächlich nur eines der beiden Spiegelbilder entstand. Nach Angaben des Nobelkomitees hatte abgesehen vom Leben selbst zuvor niemand dieses Ergebnis erreicht.
Preisverleihung im Dezember
Soai wurde zur Bekanntgabe aus Japan nach Stockholm zugeschaltet und bezeichnete die Nachricht als einen der aufregendsten Tage seines Lebens. Er freue sich sehr, den Preis mit Kagan teilen zu dürfen.
Die Auszeichnung ist in diesem Jahr mit insgesamt zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund einer Million Euro. Die feierliche Überreichung findet traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, statt.
Weitere Nobelpreise der Woche
Mit dem Chemiepreis setzt sich die Nobelpreiswoche fort. Den Medizin-Nobelpreis erhielten zuvor Peter Hegemann von der Humboldt-Universität Berlin, Georg Nagel von der Universität Würzburg und der US-Forscher Karl Deisseroth für ihre Entdeckungen in der Optogenetik. Der Physik-Nobelpreis ging an den belgisch-amerikanischen Forscher Francis Halzen für bedeutende Beiträge zum Neutrino-Observatorium IceCube.
Grundlagen für gezielte Wirkstoffe
Chiralität beschreibt die Eigenschaft eines Moleküls, in zwei spiegelbildlichen Formen vorzukommen. Diese Enantiomere können sich im Körper unterschiedlich verhalten, weil auch biologische Strukturen räumlich festgelegte Andockstellen besitzen. Für die Arzneimittelforschung ist deshalb entscheidend, welche Molekülform hergestellt und eingesetzt wird.
Die Arbeiten von Henri Kagan und Kenso Soai setzen an einem lange bestehenden Grundproblem der Chemie an: Wie kann aus zunächst gleichwertigen Möglichkeiten bevorzugt eine einzige spiegelbildliche Form entstehen? Kagan schuf mit Reaktionen, die einen Überschuss eines Enantiomers ermöglichen, wichtige methodische Voraussetzungen. Soai zeigte später eine Reaktion, die tatsächlich ausschließlich eine der beiden Formen hervorbringen kann.
Bedeutung für Medizin und Forschung
Die Auszeichnung würdigt damit Grundlagenforschung, deren Nutzen häufig erst über viele weitere Entwicklungsschritte sichtbar wird. Verfahren zur kontrollierten Herstellung chiraler Moleküle können helfen, Wirkstoffe präziser zu entwickeln, unerwünschte Varianten zu vermeiden und Produktionsprozesse gezielter zu steuern. Der Zusammenhang ist besonders relevant, weil die räumliche Struktur eines Wirkstoffs seine Wirksamkeit und mögliche Risiken beeinflussen kann.
Das Beispiel Thalidomid zeigt zugleich, warum die Unterscheidung nicht nur theoretisch ist. Die Nobelpreisentscheidung verbindet ein grundlegendes chemisches Rätsel mit einer praktischen Frage der Arzneimittelentwicklung: Wie lassen sich Moleküle mit den gewünschten Eigenschaften möglichst zuverlässig und selektiv herstellen?
