LĂ€chelnd hinter Panzerglas: Klette-Prozess hat begonnen
25.03.2025 - 16:18:04 | dpa.deJahrzehnte lebte die mutmaĂliche RĂ€uberin und frĂŒhere RAF-Terroristin im Untergrund, nun betritt Daniela Klette freundlich lĂ€chelnd den Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Celle. Die weiĂhaarige, ungeschminkte Frau trĂ€gt einen schlichten, schwarzen Pullover. Sie wirkt gelassen und gut gelaunt. Zur BegrĂŒĂung umarmt die 66-JĂ€hrige ihre Verteidiger in einem Glaskasten, der eigentlich fĂŒr Angeklagte in Terrorismusverfahren vorgesehenen ist.Â
In dem mit Panzerglas gesicherten Raum wird Klette wahrscheinlich viele Tage verbringen. Vor ihr liegt ein langer Prozess. Aus SicherheitsgrĂŒnden wird nicht in den RĂ€umen des Landgerichts Verden verhandelt, sondern im Oberlandesgericht Celle.Â
RaubĂŒberfĂ€lle in drei BundeslĂ€ndern?
Einiges aus der Anklageschrift, die zwei StaatsanwĂ€ltinnen gut anderthalb Stunden vortragen, war bereits vorab bekanntgeworden. Die Staatsanwaltschaft wirft der Deutschen versuchten Mord unter anderem aus Habgier vor. Die Anklage spricht zudem von versuchtem und vollendetem schweren Raub als «Mitglied einer Bande» sowie von unerlaubtem Waffenbesitz. Demnach soll Klette 13 ĂberfĂ€lle gemeinsam mit Ernst-Volker Staub (70) und Burkhard Garweg (56) begangen haben, die wie sie der sogenannten dritten Generation der linksextremistischen Rote Armee Fraktion (RAF) zugerechnet werden. Wo sich die beiden MĂ€nner aufhalten, ist unbekannt. Bei den ĂberfĂ€llen soll Klette meistens das Fluchtauto gefahren haben.
Nach den Ermittlungen sollen Klette und ihre Komplizen von 1999 bis 2016 Geldtransporter und KassenbĂŒros von EinkaufsmĂ€rkten in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein ĂŒberfallen haben. Dabei sei das Trio «arbeitsteilig und Ă€uĂerst konspirativ» vorgegangen.Â
PerĂŒcken, falsche SchnurrbĂ€rte und Waffen
Demnach plante die Bande ihre Verbrechen genau, mietete unter falschen Namen Fahrzeuge, spĂ€hte die Tatorte aus und fertigte davon Zeichnungen an. Laut Anklage verkleideten sich die TatverdĂ€chtigen mitunter mit PerĂŒcken und falschen SchnurrbĂ€rten. Manchmal trugen sie Sturmhauben oder verdeckten ihre Gesichter mit TĂŒchern. Klette, Garweg und Staub hĂ€tten die zeitintensive Planung und die AusfĂŒhrung der RaubĂŒberfĂ€lle als ihre Arbeit angesehen, sagte die StaatsanwĂ€ltin. Demnach wollten sie mit den Straftaten ihren Lebensunterhalt finanzieren. Bei den Taten sollen sie 2,7 Millionen Euro erbeutet haben.
Um WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden, hatte das Trio den Ermittlungen zufolge Waffen dabei: Eine tĂ€uschend echt aussehende Panzerfaust, Elektroschocker und Pistolen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft soll das Trio in Kauf genommen haben, Menschen tödlich zu verletzen. Laut Anklage bedrohten die drei ihre Opfer.Â
Wie eine freundliche Nachbarin
Im Gerichtssaal zeigt sich die Angeklagte aufmerksam und gelassen. Sie hört ruhig zu, manchmal stĂŒtzt sie ihren Kopf in die HĂ€nde. Ihre weiĂen Haare sind im Nacken locker zusammengebunden. Beim Betreten des Saals hat die JeanstrĂ€gerin einen schwarzen Beutel mit der gelben Aufschrift «Kultursack» dabei. Die 66-JĂ€hrige wirkt wie eine freundliche Nachbarin.
Die Verteidigungsstrategie der drei Klette-AnwĂ€lte wird schon am ersten Prozesstag deutlich. Sie sprechen von einer öffentlichen Vorverurteilung. Es werde nicht berĂŒcksichtigt, dass sich die RAF 1998 aufgelöst habe. Die Anklageschrift durchziehe der «denunziatorische Grundgedanke, dass es sich bei der Angeklagten um eine skrupellose Schwerverbrecherin handelt», sagt Ulrich von KlinggrĂ€ff. Die Verteidiger weisen den Vorwurf zurĂŒck, Klette habe billigend in Kauf genommen, dass bei den ĂberfĂ€llen auch Menschen getötet werden könnten.
AnwÀlte sprechen von öffentlicher Vorverurteilung
«Die gesamte öffentliche Vorverurteilung steht in Zusammenhang mit der RAF», sagt die AnwĂ€ltin Undine Weyers in ihrem Eröffnungsstatement. Darin zieht sie unter anderem auch in Zweifel, dass bei einem Ăberfall in Richtung des Fahrers geschossen worden sei. Aus Sicht der Verteidigung stellen die Behörden Klette als gefĂ€hrlicher dar als sie ist. Nach ihrer Festnahme am 26. Februar 2024 in Berlin-Kreuzberg fanden die Ermittler unter anderem Pistolen, Munition und sogar Kriegswaffen in der Wohnung der frĂŒheren RAF-Terroristin, in der Nachbarn sie als Claudia kannten.
«Hallo Polizei, wir suchen Claudia», sollen die Beamten laut Weyers gesagt haben. Klette habe dann nicht mit den Waffen, die sie hatte, auf die Beamten geschossen, sondern eine SMS geschrieben - mit den Worten «Sie haben mich!», sagte die Verteidigerin.
Attrappe einer Handgranate
Klette soll bei den ĂberfĂ€llen meist das Fluchtfahrzeug gefahren haben. Laut Anklage soll sie aber auch Opfer mit einer tĂ€uschend echt aussehende Attrappe einer Handgranate eingeschĂŒchtert haben. Dass die Frau aus dem fĂŒnften Stock des Mietshauses in Berlin-Kreuzberg an professionellen RaubĂŒberfĂ€llen beteiligt gewesen sein soll, ahnte lange Zeit niemand.Â
SpĂ€testens im Jahr 1990 verschwand sie von der BildflĂ€che, der erste angeklagte RaubĂŒberfall ereignete sich 1999. Nach auĂen fĂŒhrte sie offenbar ein unauffĂ€lliges Leben. Nachbarn schildern «Claudia» als freundliche, grauhaarige Nachhilfelehrerin Mitte 60 mit einem langen Zopf und einem Hund. Als EinsatzkrĂ€fte die ehemalige RAF-Terroristin am 26. Februar 2024 in Berlin-Kreuzberg festnahmen, war die Verwunderung groĂ.
Am nÀchsten Prozesstag, dem 1. April, wird voraussichtlich ein Beamter des niedersÀchsischen Landeskriminalamtes als erster Zeuge erwartet. Er wird laut Verteidigung zu der Festnahme befragt.
Verteidigung fordert Einstellung des Verfahrens
Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens und die Aufhebung des Haftbefehls. Gegen die 66-JĂ€hrige sei kein fairer, rechtsstaatlicher Prozess möglich, heiĂt es in dem Antrag, den die AnwĂ€lte am ersten Prozesstag stellen. Klettes AnwĂ€lte befĂŒrchten ein politisches Verfahren, obwohl aus ihrer Sicht die ehemalige RAF-Mitgliedschaft nicht bewiesen ist.
Hohe Sicherheitsvorkehrungen
Der Prozess startete unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. Vor den EingĂ€ngen des GerichtsgebĂ€udes standen Justizbeamte und Polizisten mit Maschinenpistolen. Vor dem Oberlandesgericht Celle versammelten sich rund 50 UnterstĂŒtzer der Angeklagten. Auf Transparenten stand unter anderem «Freiheit fĂŒr alle politischen Gefangenen».
Ermittlungen wegen TerroranschlÀgen
Hintergrund der Sicherheitsvorkehrungen ist die Vergangenheit der Angeklagten. Klette gehörte der sogenannten dritten Generation der linksextremistischen Roten Armee Fraktion (RAF) an. 1998 erklĂ€rte sich die RAF, die mehr als 30 Menschen tötete, fĂŒr aufgelöst. Die nun zu verhandelnden Taten haben keinen terroristischen Hintergrund, wie die Ermittler betonen. Der Vorsitzende Richter Lars Engelke wies ausdrĂŒcklich darauf hin, dass der aktuelle Prozess gegen Klette «kein Staatsschutz- und kein Terrorverfahren» sei.
Gegen die 66-JĂ€hrige besteht auch Haftbefehl wegen des Verdachts der Beteiligung an TerroranschlĂ€gen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr versuchten Mord in zwei FĂ€llen sowie MittĂ€terschaft bei Sprengstoffexplosionen bei drei AnschlĂ€gen der RAF in der Zeit von Februar 1990 bis MĂ€rz 1993 vor. Zu diesem Komplex wird eine weitere Anklage erwartet, die zu einem weiteren Gerichtsprozess fĂŒhren kann. Die Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung RAF an sich ist inzwischen verjĂ€hrt.
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