Sinkende Inflation, schwache Wirtschaft - EZB senkt Zinsen
Veröffentlicht am: 12.09.2024 um 16:29 Uhr | dpa.deDie EuropĂ€ische Zentralbank (EZB) reagiert auf die schwindende Inflation im Euroraum und senkt die Zinsen. Der richtungsweisende Einlagenzins, den Banken erhalten, wenn sie ĂŒberschĂŒssiges Geld bei der Notenbank parken, fĂ€llt um 0,25 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. Das teilte die Notenbank in Frankfurt mit. Damit schreitet die EZB bei ihrer im Juni begonnenen Zinswende voran.Â
Die jĂŒngsten Inflationsdaten seien weitgehend wie erwartet ausgefallen, sagte EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde. Zu weiteren Zinsschritten in den kommenden Monaten hielt sie sich aber bedeckt. «Der EZB-Rat legt sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.»
Zinssenkungen stĂŒtzen zeitverzögert die Wirtschaft. Unternehmen und Privathaushalte können bei gĂŒnstigeren Krediten leichter investieren und konsumieren. Umgekehrt mĂŒssen sich Sparer auf fallende Zinsen bei ihrer Bank und geringere Renditen etwa bei Lebensversicherungen einstellen.
Erfolge im Kampf gegen die Inflation
Volkswirte hatten mit der Zinssenkung gerechnet, denn zuletzt hatte sich die Inflation in der Eurozone dem EZB-Ziel von mittelfristig zwei Prozent genĂ€hert: Im August fiel die Teuerungsrate auf 2,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum - der niedrigste Stand seit Sommer 2021.Â
Noch im Oktober 2022 hatte die Inflation im Euroraum im Zuge des Ukraine-Krieges einen Höchststand von ĂŒber zehn Prozent erreicht. Auch in Deutschland sank die Inflation zuletzt deutlich, auf noch 1,9 Prozent im August.
Die Teuerung im Euroraum werde 2024 bei im Schnitt 2,5 Prozent liegen und im Laufe der zweiten JahreshĂ€lfte 2025 in Richtung des Inflationsziels zurĂŒckgehen, erklĂ€rte die EZB. Daher sei es angemessen, die Geldpolitik weiter zu lockern.Â
Konjunktur in Europa schwach
Zugleich sieht sich die EZB einer schwachen Wirtschaft in der Eurozone gegenĂŒber. Sie erwartet ein Wachstum von nur 0,8 Prozent 2024 - etwas weniger als im Juni vorhergesagt (0,9 Prozent). Erst in den Folgejahren werde sich die Konjunktur erholen.
Ifo-PrĂ€sident Clemens Fuest bezeichnet den Zinsschritt als «vertretbar». Weitere Zinssenkungen erschienen aber nur angemessen, wenn sich der RĂŒckgang der Inflation fortsetze. «Unmittelbare Auswirkungen auf die Konjunktur wird diese Zinssenkung nicht haben, weil sie an den MĂ€rkten schon eingepreist war.»
EZB engt Zinskorridor ein
Bei ihrer Geldpolitik setzt die EZB unterdessen eine Neuerung um. Sie fĂŒhrt den Einlagenzins nĂ€her an den Zins heran, mit dem sich Banken frisches Geld bei der Notenbank besorgen können («Hauptrefinanzierungssatz»). Er war frĂŒher als wichtigster Leitzins bekannt, wĂ€hrend die Notenbank inzwischen ihre Geldpolitik de facto ĂŒber den Einlagenzins steuert.
Die EZB hatte im MĂ€rz beschlossen, den Abstand zwischen den beiden ZinssĂ€tzen ab 18. September auf 0,15 Prozentpunkte zu begrenzen. Der Hauptrefinanzierungssatz sinkt daher noch stĂ€rker um 0,6 Prozentpunkte auf 3,65 Prozent, die EZB weiter mitteilte. Der engere Korridor soll Schwankungen bei den kurzfristigen Zinsen verringern und mehr Planbarkeit fĂŒr Banken schaffen. FĂŒr Privatkunden dĂŒrfte das kaum Auswirkungen haben.Â
Warnungen vor zu schneller Lockerung
Die EZB hatte im Juni die Zinswende eingeleitet und erstmals seit der Inflationswelle die Leitzinsen gesenkt. An den FinanzmÀrkten wird fest mit weiteren Zinssenkungen der EZB gerechnet
Es bleiben aber Inflationsrisiken. So hĂ€lt sich die von Ăkonomen viel beachtete Kerninflation ohne schwankungsanfĂ€llige Preise fĂŒr Energie und Nahrungsmittel zĂ€h. Im Jahresmittel sieht die EZB diese Rate bei 2,9 Prozent und erst 2026 bei 2,0 Prozent. Druck kommt von gestiegenen Löhnen, die Dienstleistungen verteuern. Die Bundesbank etwa warnt vor einer zu schnellen Lockerung der Geldpolitik.Â
Die WĂ€hrungshĂŒter könnten noch nicht in den «Entspannungsmodus» schalten, meint auch Heiner Herkenhoff, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bankenverbands. Die EZB mĂŒsse FingerspitzengefĂŒhl beweisen. «Dazu gehört es auch, den Erwartungen auf schnell aufeinander folgende Zinssenkungen in der Ăffentlichkeit entgegenzutreten.»
Schuldner profitieren - aber wenig Bewegung bei BauzinsenÂ
Sinkende Leitzinsen haben weitreichende Folgen: Unternehmen und Privathaushalte kommen gĂŒnstiger an Kredite, was Investitionen erleichtert und den Konsum stĂŒtzt.
FĂŒr Hausbauer ergeben sich nicht zwingend gĂŒnstigere Konditionen. Die Bauzinsen hĂ€ngen von der Rendite zehnjĂ€hriger Bundesanleihen ab. Die Commerzbank etwa erwartet, dass die Zinsen fĂŒr zehnjĂ€hrige Immobilienkredite bis ins nĂ€chste Jahr hinein bei etwa 3,5 Prozent bleiben - Ă€hnlich wie zuletzt. Weitere Leitzinssenkungen der EZB seien am Markt eingepreist.
Sparer haben das Nachsehen
FĂŒr Sparer sind sinkende Leitzinsen schlecht. Viele Banken haben darauf schon reagiert: Die Festgeldzinsen ĂŒber zwei Jahre waren laut dem Vergleichsportal Verivox zuletzt so niedrig wie seit Mai 2023 nicht mehr. Bundesweit verfĂŒgbare Angebote bringen demnach im Schnitt nur noch 2,68 Prozent. Bei Tagesgeld seien im groĂen Stil Zinssenkungen zu erwarten.
Die gute Nachricht: Die gesunkene Inflation hilft indirekt Sparern. Nach Abzug der Teuerungsrate, die im August bei 1,9 Prozent in Deutschland lag, können Anleger mit einer durchschnittlichen Festgeldanlage ĂŒber zwei Jahre eine positive Rendite erzielen. Inmitten der Inflationswelle vor einem Jahr verloren Ersparnisse dagegen an Wert.
