Brandenburg, Nordrhein-Westfalen

Immer wieder Umspannwerke: Was ist da los?

Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 15:22 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Ein offener Schaltschrank, verdĂ€chtige Vorrichtungen, namentliche Bekennerschreiben – die Angriffe auf Umspannwerke hĂ€ufen sich. Was das fĂŒr die Sicherheit unseres Stromnetzes bedeutet.

  • Am Umspannwerk bei Dormagen entdeckte ein SpaziergĂ€nger einen verdĂ€chtigen Gegenstand. - Bild: Bernd Thissen/dpa
    Am Umspannwerk bei Dormagen entdeckte ein SpaziergÀnger einen verdÀchtigen Gegenstand. - Bild: Bernd Thissen/dpa
  • In der NĂ€he eines Umspannwerks bei Eschweiler durchkĂ€mmte die Polizei die Umgebung. Anlass waren Bekennerschreiben, in dem der Ort erwĂ€hnt wird. - Bild: Christoph Reichwein/dpa
    In der NÀhe eines Umspannwerks bei Eschweiler durchkÀmmte die Polizei die Umgebung. Anlass waren Bekennerschreiben, in dem der Ort erwÀhnt wird. - Bild: Christoph Reichwein/dpa
Am Umspannwerk bei Dormagen entdeckte ein SpaziergÀnger einen verdÀchtigen Gegenstand. - Bild: Bernd Thissen/dpa In der NÀhe eines Umspannwerks bei Eschweiler durchkÀmmte die Polizei die Umgebung. Anlass waren Bekennerschreiben, in dem der Ort erwÀhnt wird. - Bild: Christoph Reichwein/dpa

Erst JĂ€nschwalde und Bergheim, jetzt Dormagen und Weisweiler: Seit Wochenbeginn gibt es stĂ€ndig Alarm wegen tatsĂ€chlicher oder vermuteter Sabotageversuche an Umspannwerken. Ein Überblick:

Welche Angriffe auf Umspannwerke gab es zuletzt?

Aktuell halten vor allem Sabotageversuche in Nordrhein-Westfalen die Ermittler auf Trab. Nachdem am Donnerstagabend ein SpaziergĂ€nger einen verdĂ€chtigen Gegenstand an einem Umspannwerk in Dormagen zwischen Köln und DĂŒsseldorf entdeckt hatte, wird ermittelt. Die Polizei geht von einem Sabotagedelikt aus. Möglicherweise handle es sich bei dem Gegenstand um eine «verdĂ€chtige Abschussvorrichtung», sagte der Sprecher in der Nacht.

Am Kraftwerk Weisweiler bei Aachen und einem Umspannwerk in Eschweiler durchkĂ€mmte die Polizei am Freitag mit zahlreichen KrĂ€ften die Umgebung. In Bekennerschreiben war Weisweiler als weiterer Tatort genannt worden. Die Briefe sollen nach dpa-Informationen beide von einem Mann aus Gevelsberg bei Hagen stammen. Darin hatte der Mann die jĂŒngsten Angriffe auf das Energienetz in Brandenburg und in Nordrhein-Westfalen fĂŒr sich reklamiert.

Am Abend kam es bei einer Stromanlage in Hamm zu einem grĂ¶ĂŸeren Polizeieinsatz. Wie ein dpa-Reporter berichtete, kamen am Freitagabend zahlreiche Polizeiwagen zu dem Ort an einer Landstraße bei einem WaldstĂŒck. Es war auch ein Hubschrauber im Einsatz. 

Auch in Sachsen entdeckte die Polizei laut Innenminister Armin Schuster (CDU) «unbekannte Sprengvorrichtungen». Die Polizei habe an zwei Fundorten vier Objekte gesichert, so Schuster am Freitag. Hinweise darauf hĂ€tten sich aus einem Bekennerschreiben ergeben. Unmittelbar nach dessen Eingang seien schon am Donnerstag intensive Suchmaßnahmen eingeleitet worden. Man stimme sich eng mit allen weiteren betroffenen LĂ€ndern ab. Die Polizeidirektion Görlitz hatte einen Einsatz nördlich von Bautzen bestĂ€tigt.

In Niedersachsen sorgte ein offenstehender Schaltschrank bei einem Umspannwerk in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg in der Nacht zu Freitag fĂŒr Aufregung. Die Polizei war mit einem Hubschrauber und Hunden vor Ort. Warum der Wartungskasten geöffnet war, blieb zunĂ€chst unklar. Die Polizei prĂŒfe, ob es einen Zusammenhang mit einer Straftat gebe, so die Sprecherin.

Am Dienstagmorgen hatten Unbekannte zunÀchst in Brandenburg in der NÀhe des Umspannwerks Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks JÀnschwalde einen Angriff auf die Stromversorgung gestartet. Abends kam es dann zu einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln.

In der NÀhe beider Orte wurden nach Angaben der Behörden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden - in Brandenburg nach dpa-Informationen mehr als 20 Raketen. Ermittelt wird wegen verfassungsfeindlicher Sabotage. 

Was weiß man ĂŒber den oder die TĂ€ter und die mögliche Motivation?

Sicher ist nichts. Es gebe im Kontext der anstehenden Wahlen in mehreren BundeslĂ€ndern eine «Erwartung, dass dies zunehmen kann», sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin mit Bezug auf die jĂŒngsten VorfĂ€lle.

Laut NRW-Innenminister Herbert Reul hat die Polizei in Niederzier bei DĂŒren am Freitag das Fahrzeug des 48 Jahre alten VerdĂ€chtigen aus Gevelsberg gestĂŒrmt. Der Mann habe sich aber nicht in dem Wagen befunden. Vermutlich sei er zu Fuß geflohen. 

Das Fahrzeug des VerdĂ€chtigen habe im Wald gestanden, sagte der Leiter der Staatsschutz-Abteilung im nordrhein-westfĂ€lischen Innenministerium, Markus GemĂŒnd. Jetzt werde es auf Spuren durchsucht. 

Zuvor hatte die Polizei in Gevelsberg ein Wohnhaus der Familie gestĂŒrmt, fand den Gesuchten dort aber nicht. Bei einer Pressekonferenz hatte Reul gesagt, in der Wohnung des Mannes sei Sprengstoff gefunden worden. Es habe sich um die Stoffe Kaliumnitrat und Kaliumperchlorat gehandelt, hießt es spĂ€ter ergĂ€nzend.

Laut Reul gibt es keine weiteren Indizien, dass der Mann besonders gefÀhrlich sei. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zufolge handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen EinzeltÀter und um «Klimaterrorismus». 

Reul zufolge gilt es nun zu prĂŒfen, ob der Verfasser der Bekennerschreiben auch der TĂ€ter ist. Stand jetzt bewerte man die Briefe als authentisch. Reul warnte aber auch: «Wenn jemand seinen Namen druntersetzt, ist er nicht zwingend der Verantwortliche.» Man prĂŒfe, ob der Mann allein gehandelt habe und ob es Verbindungen zu VorfĂ€llen in Brandenburg gebe.

Denkbar ist auch, dass die unterschiedlichen VorfĂ€lle auf verschiedene TĂ€ter mit jeweils eigenen Motiven zurĂŒckgehen. Auch Trittbrettfahrer sind vorstellbar.

Was verraten die Bekennerschreiben?

In der Vergangenheit hatten sich mehrfach linksextremistische Gruppen zu AnschlĂ€gen auf die Stromversorgung bekannt. Doch so lesen sich die Schreiben, ĂŒber die zuerst die «taz» und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichteten, nicht.

«Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann mĂŒsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen StromausfĂ€llen, die da noch kommen mĂŒssen, zu verantworten habe», heißt es in einem der Briefe. Linksextremisten sehen die staatliche Ordnung skeptisch oder lehnen sie ab. Zudem grenzt sich der Verfasser ausdrĂŒcklich von der linken Szene ab: «Die ham da nix mit zu tun.» Er wandte sich gegen die «fossile Brennstoffindustrie», die RĂŒstungsindustrie und kritisierte den «Völkermord in PalĂ€stina».

Zu Aktionen, die Behörden Russland zuschreiben, wie zuletzt den Anschlagsversuch mit einer Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle, passt das namentlich unterzeichnete Schreiben nicht - denn zu ihnen bekennt sich normalerweise niemand.

Wie gut ist das Stromnetz geschĂŒtzt?

FlĂ€chendeckender Schutz ist bei einem so verzweigten System wie dem Stromnetz nicht möglich, wie Betreiber und Behörden immer wieder betonen - ebenso wenig wie zum Beispiel beim Bahnnetz. Allenfalls besonders kritische Einrichtungen kann man verstĂ€rkt schĂŒtzen.

«Einen hundertprozentigen Schutz wird es nicht geben», betont Kerstin Andreae, Vorsitzende der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Deshalb gehe es um KrisenreaktionsfĂ€higkeit. «Neben der Gefahrenabwehr kommt es darauf an, SchĂ€den nach einem Angriff zu begrenzen und insbesondere die Versorgung schnell wiederherstellen zu können.» Sie fordert unter anderem geringere Transparenz- und Veröffentlichungspflichten fĂŒr kritische Infrastrukturen. 

Florian Steinke von der Technischen UniversitĂ€t Darmstadt meint, es sei wichtig, Material und Ersatzteile auf Lager zu halten. «Unter UmstĂ€nden kann es sogar sinnvoll sein, neue Fabriken aufzubauen, zum Beispiel, um Transformatoren schnell produzieren zu können.» Die Frage sei allerdings, wer das und die Kosten fĂŒr mehr Personal bezahle.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte: «Die Energieversorgung in Deutschland ist sicher. Es kam zu keinen AusfĂ€llen fĂŒr einzelne Haushalte. Das zeigt, dass wir mit unseren hohen Sicherheitsstandards ein resilientes System aufgebaut haben.» Zugleich machen die VorfĂ€lle laut der Ministerin deutlich, wie wichtig es ist, die Resilienz unserer Energieversorgung konsequent zu stĂ€rken. 

Wie groß ist das Stromnetz?

Der BDEW geht von knapp 250 Umspannwerken aus, mit denen Höchstspannung auf niedrigere Spannungsebenen umgespannt wird - und damit fĂŒr den Transport ĂŒber kĂŒrzere Distanzen. 

FĂŒr Hoch- und Mittelspannung gibt es demnach 8.600 Transformatoren, fĂŒr die Umspannung auf Niederspannung rund 460.000 Transformatoren. Je weiter Strom transportiert werden soll, desto höher ist normalerweise die Spannung. Störungen an Höchstspannungsleitungen oder wichtigen Umspannwerken im Höchstspannungsnetz können daher großflĂ€chige AusfĂ€lle auslösen.

Insgesamt habe das deutsche Stromleitungsnetz eine LÀnge von 1,94 Millionen Kilometern, davon rund 39.000 Kilometer im Höchstspannungsnetz und rund 95.700 Kilometer im Hochspannungsnetz, so der BDEW. Davon seien rund 11.500 Kilometer unterirdisch verlegt und rund 123.200 Kilometer als Freileitungen ausgelegt.

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