Elif Eralp gerät vor Berliner Linke-Parteitag unter Druck
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 17:04 Uhr | dpa, AD HOC NEWSParteitag entscheidet über Koalitionskurs
- Der Linke-Parteitag soll am Samstag über den Start von Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen entscheiden.
- Die CDU will SPD und Grünen am 3. November Sondierungen über eine alternative Regierungsbildung anbieten.
- Eine schwarz-grün-rote Koalition hätte nach der Wahl vom 20. September nur eine sehr knappe Mehrheit.
Berliner Linke gerät vor Parteitag weiter unter Druck
Die Berliner Linken-Fraktionsvorsitzende Elif Eralp gerät nach internen Anmerkungen zu einem Interview in Erklärungsnot. Sie will Regierende Bürgermeisterin werden, während SPD, Grüne und der Zentralrat der Juden wegen des Umgangs der Partei mit Antisemitismus und palästinensischen Aktivisten deutliche Kritik üben.
Eralp verweist auf Sicherheit
Nach einem Bericht des „Spiegel“ soll Eralp befürchtet haben, dass eine konkrete Äußerung zu dem Palästina-Aktivisten Ibrahim Ibrahim die Sicherheit ihrer Familie gefährden könnte. Ihr Büro habe dem Magazin den Interviewtext versehentlich zusammen mit internen Kommentaren zurückgeschickt.
Vor Journalisten wollte sich Eralp nicht konkret zu dem Bericht äußern. Sie erklärte jedoch, sie werde als Regierende Bürgermeisterin für die Sicherheit aller Berlinerinnen und Berliner sorgen, konsequent gegen Gewalt und Terror vorgehen und sich nicht einschüchtern lassen.
SPD warnt vor möglicher Erpressbarkeit
Der frühere Regierende Bürgermeister Michael Müller wertete Eralps Sorge als Hinweis auf möglichen Klärungsbedarf. Wenn sie sich nicht traue, klar zu benennen, gegen wen sie vorgehen wolle, bedeute das, dass eine Regierende Bürgermeisterin erpressbar sei, sagte der SPD-Politiker.
Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach riet seiner Partei, von einem Bündnis mit der Linken in Berlin Abstand zu nehmen. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler, erklärte, weitere Gespräche über eine Koalition mit der Berliner Linken verböten sich für Sozialdemokraten.
Grüne und Zentralrat fordern klare Linie
Auch die Grünen im Bundestag sehen die Berliner Linke vor einer Richtungsentscheidung. Fraktionschefin Katharina Dröge forderte eine harte und eindeutige Antwort auf Kontakte zu kriminellen Gruppierungen und Vorwürfe des Antisemitismus.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, warnte vor einer Regierungskoalition mit Beteiligung der Berliner Linken. Die Partei sei nach seiner Einschätzung unfähig, sich von Terrorsympathisanten und Antisemiten zu distanzieren.
Interviewpassage wurde gestrichen
Der „Spiegel“ hatte Eralp dem Bericht zufolge nach einem Interview eine Nachfrage zu Ibrahim Ibrahim vorgelegt. In der autorisierten Fassung seien die Frage und Eralps Antwort gestrichen worden. In internen Anmerkungen habe Eralp zudem auf Empfehlungen des Landeskriminalamts verwiesen, keine konkreten Namen zu nennen.
Ibrahim war nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September bei einer Wahlparty der Linken in Neukölln aufgetreten. Der Verein democ ordnet ihn der Volksfront für die Befreiung Palästinas zu, die in der Europäischen Union und den USA als Terrororganisation eingestuft ist. Ibrahim wies den Vorwurf zurück, Terrorismus zu unterstützen.
CDU bietet SPD und Grünen Gespräche an
Der Berliner CDU-Fraktionschef Stefan Evers will SPD und Grünen am 3. November Sondierungsgespräche über eine Regierungsbildung anbieten. Neben einem rot-grün-roten Bündnis wäre rechnerisch auch eine Koalition unter CDU-Führung möglich.
Die CDU-Variante hätte allerdings nur eine sehr knappe Mehrheit. Gleichzeitig soll der Linke-Parteitag am Samstag über den Beginn von Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen entscheiden.
Die Berliner Linke steht wenige Tage vor einer entscheidenden innerparteilichen Weichenstellung unter besonderem Druck. Der Parteitag am Samstag soll darüber entscheiden, ob die Sondierungen mit SPD und Grünen in Koalitionsverhandlungen münden. Die Debatte über den Umgang mit Antisemitismus und palästinensischen Aktivisten belastet damit unmittelbar die mögliche Regierungsbildung.
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen persönlicher Sicherheit, politischer Verantwortlichkeit und öffentlicher Klarheit. Eralps interne Anmerkungen verweisen auf die Sorge vor möglichen Reaktionen, während Kritiker daraus eine Einschränkung ihrer politischen Handlungsfreiheit ableiten. Zugleich hat Eralp öffentlich ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalt, Terror und organisierte Kriminalität angekündigt.
Koalitionsbildung mit knapper Alternative
Für SPD und Grüne verschärft sich damit die Frage, ob die Linke ausreichend eindeutig gegen antisemitische Positionen und Kontakte zu Terrororganisationen auftritt. Die CDU versucht parallel, sich als alternative Partnerin für SPD und Grüne ins Gespräch zu bringen. Rechnerisch wäre ein Bündnis unter CDU-Führung möglich, hätte im Abgeordnetenhaus aber nur eine sehr knappe Mehrheit.
Die politische Auseinandersetzung dürfte deshalb über den Einzelfall hinausreichen. Sie betrifft den Umgang mit Bedrohungen gegen Politikerinnen, die Grenzen journalistischer Interviewautorisierung und die Anforderungen an eine Partei, die Regierungsverantwortung übernehmen will. Für die nächsten Schritte sind der Parteitagsbeschluss und die Reaktionen von SPD und Grünen entscheidend.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Bericht des „Spiegels“: Elif Eralp hat Angst“ (29.10.2026)
Der Beitrag bestätigt die internen Anmerkungen und ordnet sie in die laufenden Sondierungen ein. Einen zusätzlichen Schwerpunkt legt er auf Reaktionen des Berliner SPD-Vorsitzenden Steffen Krach und CDU-Forderungen nach Konsequenzen.
tagesschau: „Eralp reagiert auf Spiegel-Bericht“ (29.10.2026)
Der Bericht stellt Eralps öffentliche Zusicherung in den Mittelpunkt, gegen Gewalt, Terror und organisierte Kriminalität vorzugehen. Anders als der taz-Beitrag konzentriert er sich stärker auf ihre Reaktion und den Klärungsbedarf in der SPD.
Übereinstimmung besteht darin, dass der Bericht den Druck auf Eralp und die mögliche rot-grün-rote Koalition erhöht. Unterschiede zeigen sich vor allem beim Schwerpunkt: Während die taz politische Reaktionen und die Regierungsbildung breiter beleuchtet, hebt die tagesschau Eralps Sicherheitsversprechen hervor.
