Elif Eralp will Berlins Sicherheit trotz Drohungen garantieren
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 13:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFolgen für Berlins Regierungsbildung
- Das Interview mit Elif Eralp wurde nach internen Anmerkungen ihres Büros autorisiert und verändert.
- Michael Müller bezeichnete eine mögliche fehlende Klarheit im Umgang mit dem Aktivisten als Erpressbarkeitsrisiko.
- Eine Regierungsbildung unter Führung der Union mit SPD und Grünen bleibt als weitere Option bestehen.
Eralp weist Sorgen um Berlins Sicherheit zurück
Die Berliner Linken-Wahlsiegerin Elif Eralp sieht die Sicherheit ihrer Familie gefährdet, wenn sie sich ausdrücklich zu dem Palästina-Aktivisten Ibrahim Ibrahim äußert. Das geht laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ aus internen Anmerkungen zu einem Interview hervor, die versehentlich vom Büro der Politikerin an das Magazin geschickt wurden.
Politiker warnen vor Erpressbarkeit
Eralp wollte sich unter Hinweis auf private und interne Inhalte nicht konkret äußern. Sie erklärte jedoch: „Was ich aber ganz klar sagen kann, dass ich für die Sicherheit von allen Berlinerinnen und Berlinern als Regierende Bürgermeisterin sorgen werde.“ Sie werde konsequent gegen Gewalt und Terror vorgehen und sich nicht einschüchtern lassen.
Der frühere Berliner SPD-Bürgermeister Michael Müller sagte im Fernsehsender Phoenix, wenn Eralp sich nicht traue, klar zu benennen, wogegen sie vorgehen wolle, „das würde bedeuten, dass die Regierende Bürgermeisterin erpressbar ist. Das muss man so klar sagen.“
Interviewfrage zu Ibrahim gestrichen
Der „Spiegel“ führte das Interview am Montag und schickte die schriftliche Fassung am folgenden Tag zur Autorisierung an Eralps Sprecher. Einen Tag später kam der Text mit internen Kommentaren zurück. In der autorisierten Fassung fehlte nach Angaben des Magazins eine Frage samt Antwort zu Ibrahim.
In der ursprünglichen Nachfrage wurde Ibrahim als Aktivist bezeichnet, der den Chefplaner des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023 als „Märtyrerhelden“ bezeichnet habe. Eralp habe darauf dem Bericht zufolge mit Ja geantwortet.
SPD stellt Koalitionsgespräche infrage
Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler, sagte dem „Focus“, der Zustand der Berliner Linken sei noch schlimmer als befürchtet. Für Sozialdemokraten verbiete sich deshalb eine weitere Zusammenarbeit mit der Partei.
Linke, Grüne und SPD versuchen derzeit, eine Landesregierung unter Führung der Linken zu bilden. Sollte die SPD aus den Gesprächen aussteigen, bliebe als weitere Möglichkeit ein Bündnis unter Führung der Union mit SPD und Grünen.
Wegner fordert klare Haltung
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner forderte eine klare Haltung gegenüber Extremisten. Politikerinnen und Politiker dürften nicht um ihre Familie oder sich selbst fürchten müssen, erklärte der CDU-Politiker.
Ibrahim wird laut dem Verein democ der Volksfront für die Befreiung Palästinas zugerechnet. Die PFLP ist in der Europäischen Union und den USA als Terrororganisation eingestuft. Ibrahim war nach der Abgeordnetenhauswahl bei einer Wahlparty der Linken in Neukölln aufgetreten.
Debatte über Einflussnahme
Der Vorgang lenkt erneut den Blick auf mögliche Einflussnahme in Berlin. Sicherheitskreise gehen dem dpa-Bericht zufolge nicht davon aus, dass kriminelle Clans die Hauptstadt beherrschen, warnen aber vor Druckversuchen auf kommunale Entscheidungsträger und vor Verbindungen zum Immobilienmarkt.
Berlins Generalstaatsanwältin Margarete Koppers hatte davor gewarnt, Versuche der Einflussnahme durch Mitglieder der Organisierten Kriminalität zu unterschätzen. Die Gewerkschaft der Polizei sieht bei der Berliner Linken die Gefahr, dass sie sich bei unangenehmen Themen und Problemen bewusst wegducke.
Der Vorgang trifft die Berliner Regierungsbildung in einer besonders sensiblen Phase. Linke, SPD und Grüne sondieren nach der Abgeordnetenhauswahl eine mögliche Landesregierung unter Führung der Linken; zugleich steht die politische Haltung der Berliner Linken zu Antisemitismus, Hamas-Bezügen und dem Umgang mit extremistischen Milieus im Mittelpunkt.
Die Debatte verbindet zwei unterschiedliche Fragen: den persönlichen Schutz von Politikerinnen und ihren Familien sowie die politische Verantwortung einer künftigen Landesregierung. Sicherheitsbedenken können dazu führen, dass konkrete Namen in öffentlichen Stellungnahmen vermieden werden. Für Koalitionsverhandlungen bleibt jedoch entscheidend, ob Parteien ihre Positionen zu Gewalt, Terrorunterstützung und Einflussnahme klar und ohne Einschüchterung vertreten.
Koalitionsbildung unter zusätzlichem Druck
Die SPD muss dabei zwischen einer möglichen Zusammenarbeit mit der Linken und Anforderungen an innere Sicherheit, Antisemitismusbekämpfung und politische Verlässlichkeit abwägen. Ein Ausstieg der SPD aus den Gesprächen würde die Regierungsoptionen neu ordnen und könnte ein Bündnis unter Führung der Union wieder stärker in den Vordergrund rücken.
Für Berlin geht es deshalb nicht nur um die Bewertung eines Interviewvorgangs. Die Parteien müssen klären, wie sie den Schutz politisch Verantwortlicher gewährleisten, Kontakte zu extremistischen Akteuren bewerten und den Umgang mit Organisierter Kriminalität sowie terroristischen Bezügen verbindlich festlegen wollen. Eralps Erklärung, als Regierende Bürgermeisterin für die Sicherheit aller Berlinerinnen und Berliner sorgen zu wollen, zielt auf genau diese offene Vertrauensfrage.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Bericht des „Spiegels“: Elif Eralp hat Angst“ (29.10.2026)
Der Beitrag schildert die internen Anmerkungen zum Interview und ordnet sie in die Berliner Koalitionssuche ein. Einen Schwerpunkt legt er auf die Reaktionen von SPD und CDU sowie auf die Frage, welche politischen Konsequenzen aus dem Vorgang folgen.
Stern: „Nach 'Spiegel'-Bericht zu Eralp: Evers fordert Konsequenzen von SPD und Grünen“ (29.10.2026)
Der Beitrag stellt die Forderung des CDU-Bürgermeisterkandidaten Stefan Evers nach Konsequenzen in den Mittelpunkt. Beide Berichte verbinden den Interviewvorgang mit der Regierungsbildung; unterschiedlich gewichten sie die Reaktionen und die parteipolitischen Folgen.
Übereinstimmung besteht bei der Bedeutung der Sicherheitsbedenken und des Koalitionsstreits. Offen bleibt, wie SPD und Grüne sowie die Linke den Vorgang politisch bewerten und ob die Sondierungen fortgesetzt werden.
