Ferat Koçak zieht sich nach Chat mit Remmo-Sohn aus Innenausschuss zurück
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 17:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak zieht sich wegen umstrittener Kontakte zur Berliner Familie Remmo vorerst aus der Öffentlichkeit und dem Innenausschuss des Bundestags zurück.
Fraktionsspitze fordert Transparenz
Das teilte Linksfraktionschef Sören Pellmann in Berlin mit. Weitere Konsequenzen seien möglich. Zunächst erwarte die Fraktion von Koçak volle Transparenz.
Koçak hatte seinen Chatkontakt mit einem Mitglied der Familie selbst als Fehler bezeichnet und um Entschuldigung gebeten. Sein Gesprächspartner war ein Sohn von Issa Remmo, einem führenden Mitglied der Familie. Remmo hatte einen Screenshot der Unterhaltung bei Instagram veröffentlicht.
Nachricht über Bundestagsvideo
Der Screenshot zeigt eine Nachricht vom 17. Februar. Koçak bittet darin darum, ein Video eines Bundestagsauftritts von ihm zu verbreiten. Das Video trägt den Titel „Hysterische Dauerdebatte: CLANS“, die Antwort lautet „Gerne Bruder“.
Eine weitere Nachricht unbekannten Datums zeigt, wie Koçak den Vater seines Gesprächspartners zurückgrüßen lässt. Issa Remmo hatte am Sonntagabend eine Wahlparty der Linken in Neukölln besucht. Sein Auftritt löste innerhalb und außerhalb der Partei Kritik aus.
Streit über den Begriff Clankriminalität
Das weitergeleitete Video enthält Ausschnitte aus einer Bundestagsrede Koçaks vom 29. Januar. Der Politiker sagte laut Bundestagsprotokoll, der Begriff „Clankriminalität“ sei kein klar definierter Straftatbestand, sondern ein politischer Kampfbegriff mit rassistischer Geschichte.
Koçak erklärte, er kommuniziere jede Woche über soziale Medien mit Hunderten Menschen aus Neukölln. Zunächst sei ihm nicht bekannt gewesen, mit wem er schreibe. Dass er dem Mann später ein Video seiner Rede geschickt habe, bezeichnete er als Fehler.
Kritik von Grünen und Union
Die Grünen im Bundestag legten der Linksfraktion Koçaks Rauswurf nahe. Fraktionschefin Katharina Dröge verwies zudem auf frühere Veranstaltungen mit Personen, denen sie Terrorverherrlichung, Antisemitismus und die Infragestellung des Existenzrechts Israels vorwarf.
Auch aus der Union kam scharfe Kritik. CDU-Innenexperte Alexander Throm bezeichnete die Linke als Sicherheitsrisiko und stellte infrage, welche sensiblen Sicherheitsdaten der Bund im Fall einer Regierungsbeteiligung der Linken in Berlin noch mit dem Senat teilen könne.
Folgen für mögliche Regierungsbildung
Die Linke war bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag stärkste Partei geworden. Grüne und SPD erwägen Sondierungsgespräche mit der Linken für eine neue Landesregierung. Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp sagte, es seien zunächst richtige Entscheidungen getroffen worden; nun müsse die weitere Entwicklung abgewartet werden.
Politischer Druck auf die Berliner Linke
Der Vorgang trifft die Linke unmittelbar nach ihrem Erfolg bei der Abgeordnetenhauswahl. Die Partei wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft; rechnerisch sind unter anderem Gespräche mit Grünen und SPD möglich. Dadurch erhält der Umgang mit Koçak über den Einzelfall hinaus Bedeutung für die geplante Regierungsbildung.
Im Zentrum steht nicht nur der Chat, sondern die Frage nach politischen und institutionellen Grenzen. Koçak soll vorerst nicht im Innenausschuss mitarbeiten, in dem sicherheitsrelevante Themen beraten werden und Abgeordnete Zugang zu vertraulichen Informationen erhalten. Die vorläufige Herausnahme soll Zeit für die von der Fraktionsspitze geforderte Transparenz schaffen.
Abgrenzung und Sicherheitsdebatte
Die Berliner Debatte verbindet zwei unterschiedliche Ebenen: den Umgang mit organisierter Kriminalität und die politische Auseinandersetzung über den Begriff „Clankriminalität“. Koçak kritisiert diesen Begriff als pauschalisierend, während Sicherheitsbehörden und politische Gegner auf konkrete Straftaten einzelner Mitglieder der Großfamilie verweisen. Eine sachgerechte Bewertung muss deshalb zwischen familiärer Zugehörigkeit, individueller Verantwortlichkeit und tatsächlichen Kontakten unterscheiden.
Für die Berlinerinnen und Berliner dürfte entscheidend sein, ob die Linke den Vorgang nachvollziehbar aufarbeitet und klare Regeln für Kontakte von Mandatsträgern formuliert. Davon kann auch abhängen, wie belastbar mögliche Sondierungen mit SPD und Grünen verlaufen und welche Rolle die Linke künftig in der Sicherheits- und Innenpolitik der Hauptstadt beanspruchen kann.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Wahlparty in Berlin: Linken-Politiker Kocak distanziert sich von Remmo“ (22.09.2026)
Der Bericht bestätige Koçaks vorläufigen Rückzug und die Aussetzung seiner Teilnahme am Innenausschuss. Er stelle den Chat, den Besuch eines Remmo-Familienmitglieds bei der Wahlparty und Koçaks Entschuldigung in den Mittelpunkt, während weitergehende parteipolitische Forderungen weniger ausführlich behandelt würden.
DER SPIEGEL: „Ferat Koçak: Linken-Fraktionsspitze stellt sich hinter umstrittenen Neuköllner Abgeordneten“ (22.09.2026)
Der Artikel schreibe, Koçak ruhe neben öffentlichen Auftritten auch seine Mitgliedschaft im Innenausschuss. Er betone die besondere Sensibilität des Ausschusses und ordne den Fall zugleich in die Debatte über weitere Kontakte innerhalb der Linken sowie mögliche Sondierungen mit Grünen und SPD ein.
Beide Berichte bestätigten den vorläufigen Rückzug und den politischen Druck auf Koçak. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Schwerpunkt: Während tagesschau.de den Ablauf und Koçaks Erklärung schildere, betone der SPIEGEL die sicherheitspolitische Bedeutung des Innenausschusses und die Folgen für die Berliner Regierungsbildung.
