Grünen- und Linken-Chef attackieren geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag
Veröffentlicht am: 29.08.2026 um 13:14 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSGrünen-Chef Felix Banaszak hat die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag erneut scharf kritisiert. Er sieht darin einen Generalverdacht gegen Beschäftigte, eine zusätzliche Belastung für Arztpraxen und steigende Kosten im Gesundheitssystem.
Banaszak attackiert Pläne zur frühen Krankschreibung
„Die geplante Krankschreibung ab dem ersten Tag ist Quatsch", sagte Banaszak dem „Tagesspiegel". Es gebe viele Gründe, warum das aus seiner Sicht von Anfang an eine Schnapsidee gewesen sei. Die Regelung stelle Arbeitnehmer unter Generalverdacht, belaste die Ärzteschaft und treibe die Ausgaben im Gesundheitswesen nach oben, so der Grünen-Vorsitzende.
Darüber hinaus kritisierte Banaszak die schwarz-rote Bundesregierung für widersprüchliche Signale. SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hatte am Samstag angekündigt, die Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag überprüfen zu wollen, obwohl sich die Bundestagsfraktion der SPD erst am Freitag gemeinsam mit der Union auf das Vorhaben verständigt hatte. Banaszak sprach in diesem Zusammenhang von einer „Kakophonie in der Bundesregierung", die er nicht nachvollziehen könne.
Vorwurf widersprüchlicher Signale aus der Bundesregierung
Laut Banaszak sei der Eindruck erweckt worden, die Regierungsparteien seien sich bei der Attestpflicht einig, nur um kurz darauf eine Kehrtwende zu vollziehen. Inhaltlich liege Bas mit ihrer aktuellen Positionierung zwar richtig, der Vorschlag hätte aus seiner Sicht jedoch gar nicht erst auf den Tisch kommen dürfen. Die Episode sei ein Hinweis darauf, dass man künftig keine nächtlichen Verhandlungen mehr führen sollte, aus denen Vereinbarungen hervorgingen, die „am nächsten Morgen auf die Füße fallen" und die Gesellschaft ohne Not verunsicherten.
Auch organisatorisch und politisch sieht er hier Fehler. Die von ihm kritisierte Vorgehensweise verstärke den Eindruck, dass grundlegende Fragen des Arbeitsrechts unter Zeitdruck und ohne ausreichende Folgenabschätzung verhandelt würden. Dies trage aus seiner Sicht zur Verunsicherung bei Beschäftigten und Betrieben gleichermaßen bei.
Linken-Chef Pantisano warnt vor Misstrauenskultur
Unterstützung für die Kritik kommt von Linken-Chef Luigi Pantisano. „Die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag ist Misstrauen gegenüber den Beschäftigten", sagte er dem „Tagesspiegel". Kranke würden gezwungen, sich in Arztpraxen zu schleppen, Ärzte seien mit zusätzlicher Bürokratie konfrontiert und Alleinerziehende stünden vor praktischen Problemen in der Vereinbarkeit von Familie, Krankheit und Arbeit.
Auch Pantisano äußerte Unverständnis für die Kommunikation der Bundesregierung. Er wünsche sich, dass die SPD die „sozialen Grausamkeiten der Merz-Agenda" nicht „so völlig klaglos" mittrage, sagte der Linken-Politiker. Ob die jüngste Wortmeldung von Bas am Ende auch praktische Konsequenzen haben werde, sei allerdings abzuwarten.
Linke kündigt weitere Sozialproteste an
Nach Ansicht Pantisanos hat das Umdenken einzelner SPD-Vertreter auch mit dem öffentlichen Widerstand gegen die Pläne zur Attestpflicht zu tun. Die Linke werde ihre Sozialproteste fortsetzen und für „maximalen Gegenwind" sorgen, kündigte er an. Er sieht den Druck aus der Zivilgesellschaft und von der Straße als wesentlichen Faktor, um sozialpolitische Entscheidungen zu beeinflussen.
Wie die Bundesregierung weiter mit der umstrittenen Attestpflicht verfährt, bleibt vorerst offen. Klar ist jedoch, dass der Widerstand aus der Opposition und Teilen der Regierungsparteien anhält und die weitere Ausgestaltung der Krankschreibungsregeln zu einem zentralen Konfliktthema in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik werden könnte. Leiten Sie diesen Artikel gerne an Freunde weiter.
Die Kritik von Grünen-Chef Felix Banaszak und Linken-Chef Luigi Pantisano richtet sich gegen die im Zuge der laufenden sozial- und arbeitsmarktpolitischen Debatte geplante Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag. Bislang galt in Deutschland in vielen Betrieben die Regel, dass Beschäftigte erst ab dem dritten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen müssen. Die nun diskutierte Verschärfung würde den Handlungsspielraum der Unternehmen zwar vereinheitlichen, zugleich aber die Hürden für Krankmeldungen deutlich erhöhen.
Hintergrund der Debatte um Krankschreibungen
In den vergangenen Jahren wurde der Umgang mit Krankheitstagen immer wieder diskutiert, etwa im Zusammenhang mit gestiegenen Fehlzeiten, psychischen Belastungen und wirtschaftlichem Druck in vielen Branchen. Arbeitgeberverbände verweisen in solchen Debatten häufig auf Kosten und Planbarkeit, während Gewerkschaften und Sozialverbände warnen, zu strenge Regeln könnten dazu führen, dass Menschen krank zur Arbeit gehen und damit langfristig sowohl die eigene Gesundheit als auch die Produktivität schädigen.
Die geplante Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag würde den Arztkontakt deutlich nach vorne ziehen. Das könnte nach Einschätzung vieler Akteure die Hausarztpraxen zusätzlich belasten, zumal dort bereits über lange Wartezeiten und eine hohe Bürokratie geklagt wird. Gerade für Alleinerziehende, Beschäftigte im Schichtdienst und Menschen ohne nahe Arztpraxis kann jeder zusätzliche Pflichttermin organisatorisch und finanziell ins Gewicht fallen.
Politische Bruchlinien und mögliche Folgen
Politisch steht die geplante Maßnahme exemplarisch für eine größere Auseinandersetzung darüber, wie Sozialstaat und Arbeitswelt austariert werden sollen. Während konservative Kräfte in der Regel stärker auf Kontrolle und Nachweispflichten setzen, betonen Grüne und Linke in diesem Fall Vertrauen in Beschäftigte, Entlastung der medizinischen Infrastruktur und Schutz vor Verunsicherung. Die Kritik an unklaren Signalen aus der Bundesregierung verweist zudem auf Spannungen innerhalb der Koalition, wenn Verhandlungsergebnisse kurz nach ihrer Vorstellung bereits wieder infrage gestellt werden.
Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geht es konkret um Alltagspraxis: Wie schnell müssen sie im Krankheitsfall eine Arztpraxis aufsuchen, welche Rolle spielt das Vertrauensverhältnis zum Arbeitgeber und wie planbar bleibt der Familien- und Betreuungsalltag? Sollte die Attestpflicht ab dem ersten Tag tatsächlich umgesetzt werden, dürfte sie zu Anpassungen in betrieblichen Abläufen und in Arztpraxen führen. Gleichzeitig ist angesichts der angekündigten Überprüfung offen, ob und in welcher Form die Regelung am Ende Gesetzeskraft erlangt.
