Handy-Betrug: Razzia wegen Mogel-Neuware in 19 LĂ€ndern
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 10:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWSWegen des Verdachts auf millionenfachen Betrug mit online verkauften Handys durchsuchen Fahnder rund 160 Objekte in 19 LÀndern, darunter Deutschland.
Mindestens eine Million Handys verkauft
Nach Angaben der EuropÀischen Staatsanwaltschaft entstand Verbraucherinnen und Verbrauchern in der EU ein geschÀtzter Schaden von mindestens 300 Millionen Euro. Betroffen seien mindestens eine Million Mobiltelefone, die aus gebrauchten Teilen zusammengesetzt und im Internet als Neuware angeboten worden seien.
Der finanzielle Schaden entspricht dem Unterschied zwischen dem gezahlten Preis und dem tatsÀchlichen Wert der GerÀte. Die GeschÀftspraxis soll bis zuletzt weitergelaufen sein.
GerĂ€te ĂŒber Niederlande nach Deutschland
Den Ermittlungen zufolge wurden die Mobiltelefone zunĂ€chst in Hongkong und den Vereinigten Arabischen Emiraten aus gebrauchten Bauteilen zusammengebaut. AnschlieĂend seien sie gereinigt, neu verpackt und in die Niederlande verschickt worden. Von dort gelangten sie zu Lagern in Deutschland und wurden ĂŒber Online-MarktplĂ€tze in der gesamten EU verkauft.
Seit 2018 sollen auf diese Weise mehr als eine Million Handys fĂŒhrender Hersteller vertrieben worden sein. Die EUStA sprach von einem Top-Anbieter fĂŒr Handys im Internet.
Millionen an Mehrwertsteuer hinterzogen
Die Beschuldigten sollen auĂerdem ĂŒber Briefkastenfirmen in EU-LĂ€ndern und der Schweiz eine Steuerregelung missbraucht haben. Dadurch sei in mehreren Mitgliedstaaten ein Mehrwertsteuerausfall von rund 30 Millionen Euro entstanden, davon mindestens 25 Millionen Euro in Deutschland.
Die Unternehmen sollen unrechtmĂ€Ăig nur die Gewinnmarge versteuert haben. Diese Regelung gilt fĂŒr weiterverkaufte Waren, fĂŒr die bereits Mehrwertsteuer entrichtet wurde. Weil die GerĂ€te als Neuware verkauft worden seien, hĂ€tte die Steuer nach Darstellung der Ermittler auf den gesamten Verkaufspreis berechnet werden mĂŒssen.
Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen
Ein Schwerpunkt der Aktion lag in Nordrhein-Westfalen. In Krefeld wurde nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur eine Lagerhalle in einem Gewerbegebiet durchsucht. Dort befanden sich nach SchÀtzung eines dpa-Reporters etwa 10.000 bis 15.000 Handys.
An den MaĂnahmen waren nach Angaben der EUStA rund 1.770 Steuer-, Zoll- und Polizeifahnder beteiligt. Durchsucht wurde neben Deutschland auch in Ăsterreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Estland, Finnland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Polen, Portugal, RumĂ€nien, der Slowakei, Spanien, der Schweiz und den Niederlanden. Im Vereinigten Königreich wurde zudem eine Zeugin vernommen.
Sieben VerdÀchtige festgenommen
Bereits am Samstag wurden der EUStA zufolge sieben VerdĂ€chtige festgenommen: vier in Deutschland, zwei in Ăsterreich und eine Person in Spanien. Unter ihnen sollen sich auch die zwei mutmaĂlichen AnfĂŒhrer der Organisation befinden.
Die EUStA koordinierte den Einsatz mit dem Zollfahndungsamt Essen, dem Landesamt zur BekĂ€mpfung der FinanzkriminalitĂ€t Nordrhein-Westfalen und der Polizei DĂŒsseldorf. Ermittelt wird auĂerdem wegen Einfuhrschmuggels, möglicher VerstöĂe gegen das Markenrecht und des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.
Die EuropÀische Staatsanwaltschaft verfolgt Straftaten zulasten der finanziellen Interessen der EU. Dazu zÀhlen unter anderem Mehrwertsteuerbetrug, GeldwÀsche, Korruption und der Missbrauch von Fördergeldern.
GrenzĂŒberschreitendes GeschĂ€ftsmodell
Der Fall zeigt, wie stark der Onlinehandel mit Mobiltelefonen international verflochten ist. Die mutmaĂliche Lieferkette soll von der Beschaffung gebrauchter Bauteile in Asien ĂŒber die Aufbereitung und Verpackung in den Niederlanden bis zur Lagerung und zum Verkauf in Deutschland gereicht haben. Weil KĂ€uferinnen und KĂ€ufer in mehreren EU-Staaten bestellt hĂ€tten, bĂŒndeln die Ermittlungsbehörden ihre MaĂnahmen grenzĂŒberschreitend.
Besonders schwer wiegt neben dem möglichen Betrug der Vorwurf des Mehrwertsteuerbetrugs. Die sogenannte Margenbesteuerung ist fĂŒr bestimmte gebrauchte Waren vorgesehen, bei denen die Umsatzsteuer bereits entrichtet wurde. Werden aus gebrauchten Teilen zusammengesetzte GerĂ€te dagegen als Neuware vermarktet, verĂ€ndert sich nach Darstellung der Ermittler die steuerliche Grundlage erheblich. Der mutmaĂliche Steuerausfall in Millionenhöhe betrifft damit nicht nur einzelne KĂ€ufer, sondern auch öffentliche Haushalte.
Bedeutung fĂŒr KĂ€ufer
FĂŒr Verbraucherinnen und Verbraucher liegt das zentrale Risiko in der Differenz zwischen dem beworbenen Zustand und der tatsĂ€chlichen Beschaffenheit eines GerĂ€ts. Ein als neu angebotenes Smartphone kann bei gebrauchten oder ausgetauschten Komponenten eine andere technische Lebensdauer, einen geringeren Wiederverkaufswert und möglicherweise abweichende AnsprĂŒche gegenĂŒber dem HĂ€ndler haben. Die seit dem 27. September geltenden EU-Hinweise zur gesetzlichen GewĂ€hrleistung sollen die Orientierung im Handel verbessern, ersetzen aber keine PrĂŒfung des VerkĂ€ufers, der Produktbeschreibung und der Kaufunterlagen.
