Historische Wahlschlappe für CDU: AfD siegt in Mecklenburg-Vorpommern, Linke vorn in Berlin
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 18:18 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern stürzt die CDU auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegszeit ab, während die AfD deutlich stärkste Kraft wird und in Berlin die Linke klar vor der CDU liegt.
AfD gewinnt deutlich in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern erreicht die AfD laut Prognosen 37 bis 38 Prozent der Stimmen und wird damit bereits zum dritten Mal nach Thüringen und Sachsen-Anhalt stärkste Kraft in einem Bundesland. Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kommt demnach auf 35,5 bis 36,5 Prozent und bleibt trotz einer Aufholjagd hinter der AfD. Die Linke fällt auf 6 bis 7,5 Prozent, während die CDU auf 5 bis 5,5 Prozent abrutscht und an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnte.
Grüne und BSW bangen, FDP verliert Mandate
Auch die Grünen müssen mit 5,5 Prozent um den Wiedereinzug in den Landtag bangen, ebenso das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) mit 4,8 bis 5 Prozent. Die FDP verfehlt mit 1 bis 1,2 Prozent klar die Sperrklausel und verliert ihre Mandate im Landtag. Die Wahlbeteiligung liegt nach den Prognosen bei 75,5 bis 79 Prozent und damit deutlich höher als bei der vorherigen Wahl 2021.
Linke überholt CDU in Berlin deutlich
In Berlin sackt die CDU bei der Wahl des Abgeordnetenhauses auf 20 Prozent ab, nachdem sie 2023 noch 28,2 Prozent erreicht hatte. Die SPD verliert ebenfalls und kommt auf 12 Prozent – ihr schlechtestes Ergebnis in dem Stadtstaat seit 1990. Deutlich zulegen kann dagegen die Linke, die mit 24,5 bis 26 Prozent stärkste Kraft vor der CDU wird. Die Grünen fallen auf 15 bis 15,5 Prozent, die AfD verbessert sich auf 13,5 bis 16 Prozent, und das BSW könnte mit 5 Prozent die Sperrklausel überwinden.
Hohe Wahlbeteiligung in beiden Ländern
Die Wahlbeteiligung wird in Berlin mit 72 bis 75 Prozent angegeben und liegt damit ebenfalls klar über dem Wert von 63 Prozent bei der Wahl 2023. In Mecklenburg-Vorpommern waren etwa 1,3 Millionen Menschen wahlberechtigt, in Berlin rund 2,5 Millionen. Die Wahllokale in beiden Ländern waren bis 18.00 Uhr geöffnet.
Druck auf Bundesregierung aus Union und SPD
Die Bundesregierung aus Union und SPD gerät nach dem erneuten Wahldebakel der CDU und den Verlusten der SPD weiter unter Druck. Schon der haushohe AfD-Sieg und die CDU-Niederlage in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen hatten Spekulationen über die Zukunft von Kanzler und CDU-Chef Friedrich Merz ausgelöst. Innerhalb der Union wurde darüber diskutiert, ob er sich im Kanzleramt halten kann, nun kommen neue Belastungen hinzu.
Koalitionsoptionen in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern bleibt die AfD trotz ihres Sieges ohne realistische Koalitionsoption, da alle anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen haben. Ob die bisherige rot-rote Koalition aus SPD und Linke unter Ministerpräsidentin Schwesig weiter eine Mehrheit stellt, ist noch offen. Bleiben die Grünen im Landtag, wäre ein rot-rot-grünes Dreierbündnis eine Alternative. Scheitern die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde, könnte eine rot-rote Minderheitsregierung auf Stimmen aus der CDU angewiesen sein, sofern diese die Sperrklausel überwindet.
CDU-Kurs gegenüber Linker und AfD
Eine mögliche Zusammenarbeit mit der Linken wäre für die CDU in Schwerin mit parteiinternen Hürden verbunden, da die Bundespartei Koalitionen oder ähnliche Vereinbarungen mit Linken und AfD per Parteitagsbeschluss ausschließt. In Sachsen und Thüringen nimmt die CDU dennoch punktuell die Unterstützung der Linken in Anspruch, um Mehrheiten im Landtag zu sichern.
Konfliktlinie AfD vs. SPD im Nordosten
Der Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern war stark vom Duell zwischen der AfD und der SPD geprägt. Die AfD warb selbstbewusst für ihren Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm als möglichen Ministerpräsidenten. Die SPD setzte ganz auf Regierungschefin Schwesig, die nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt verstärkt als „Die Frau gegen Blau“ auftrat. Inhaltliche Schwerpunkte lagen auf Bildungspolitik, etwa dem Unterrichtsausfall, sowie auf Wirtschafts- und Sozialfragen.
Koalitionssuche in Berlin
In Berlin dürfte keine Zweierkoalition eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus erreichen, auch nicht das bisherige Bündnis aus CDU und SPD. Als wahrscheinliche Variante gilt nun eine Dreierkoalition aus Linken, Grünen und SPD. Die AfD bleibt bei der Regierungsbildung außen vor, da die übrigen Parteien eine Zusammenarbeit mit der Rechtsaußenpartei ablehnen.
Elif Eralp könnte erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden
Bleibt die Linke mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp am Ende stärkste Kraft, könnte sie erstmals die Regierende Bürgermeisterin stellen und der CDU den Posten abnehmen. Die 45-Jährige stand bis zum Wahlkampf als Vize-Fraktionschefin eher im Hintergrund und warb nun mit dem Versprechen, „Miet-Abzocke“ zu stoppen und Berlin wieder bezahlbar zu machen. Gleichzeitig muss sich die Juristin mit Vorwürfen auseinandersetzen, wonach es in ihrer Partei inzwischen viele offen antisemitische Palästina-Aktivisten gebe.
Personelle Entscheidungen bei CDU und SPD in Berlin
Die Berliner CDU hatte im Juli den bisherigen Amtsinhaber Kai Wegner als Spitzenkandidaten abgelöst, nachdem dieser beim großen Stromausfall Anfang des Jahres falsche Angaben zu seinem Krisenmanagement gemacht hatte. Kurzfristig übernahm Finanzsenator Stefan Evers die Spitzenkandidatur. Die SPD schickte statt ihrer früheren Regierungschefin Franziska Giffey den zunächst wenig bekannten Steffen Krach ins Rennen.
Belastende Ermittlungen gegen SPD-Kandidat Krach
Krach sieht sich Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover gegenüber, die seine frühere Tätigkeit als Regionspräsident betreffen. Gegen ihn besteht ein Anfangsverdacht der Vorteilsannahme, den er zurückweist. Die Ermittlungen begleiteten den Wahlkampf und überschatteten die SPD-Kampagne zusätzlich.
Hauptthemen im Berliner Wahlkampf
Im Berliner Wahlkampf hatten fast alle Parteien den Wohnungsmangel und die hohen Mieten in den Mittelpunkt gestellt. Weitere Themen waren Vermüllung und Verwahrlosung des öffentlichen Raums, Kriminalität und Sicherheit sowie Tempo-30-Regelungen und der Ausbau von Radwegen. Die AfD setzte stark auf das Thema Migration und forderte unter anderem, dass Berlin keine neuen Asylbewerber mehr aufnehmen solle.
Signalwirkung für Bundespolitik und Parteienlandschaft
Die Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin markieren eine Zäsur für die Parteienlandschaft und werfen Fragen nach der Stabilität der Bundesregierung aus Union und SPD auf. In Mecklenburg-Vorpommern wird die AfD erstmals deutlich stärkste Kraft, während CDU und FDP historisch schwach abschneiden. In Berlin gewinnen die Linke und die AfD deutlich hinzu, während CDU und SPD verlieren. Diese Verschiebungen stärken sowohl eine linksprogressive als auch eine rechtsaußen Position und schwächen die klassisch großen Volksparteien.
Koalitionsbildung und Regierungsfähigkeit
In beiden Ländern zeichnet sich eine komplizierte Koalitionsbildung ab. In Mecklenburg-Vorpommern bleibt die AfD isoliert, weil alle anderen Parteien eine Zusammenarbeit ausschließen. Damit hängt die weitere Regierungsfähigkeit von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig maßgeblich von den Grünen und dem Abschneiden der CDU ab. Mögliche Modelle reichen von einer Fortsetzung von Rot-Rot über eine rot-rot-grüne Dreierkoalition bis zu einer rot-roten Minderheitsregierung, die punktuell auf Unterstützung anderer Fraktionen angewiesen wäre. In Berlin wiederum dürfte keine Zweierkoalition eine Mehrheit erreichen, sodass Dreierbündnisse – etwa aus Linken, SPD und Grünen – an Bedeutung gewinnen.
Folgen für Friedrich Merz und bundespolitische Debatten
Der erneute Absturz der CDU in einem ostdeutschen Bundesland sowie die Verluste in Berlin belasten Friedrich Merz zusätzlich, nachdem das Wahldebakel in Sachsen-Anhalt bereits innerparteiliche Diskussionen ausgelöst hatte. Die Union steht vor der strategischen Frage, wie sie sich in einem Umfeld behaupten kann, in dem die AfD rechts und die Linke links klare Alternativen anbieten. Zugleich verschärfen die Ergebnisse Debatten über Migration, soziale Sicherheit und bezahlbaren Wohnraum, die in beiden Wahlkämpfen zentrale Themen waren und nun die bundespolitische Agenda weiter prägen dürften.
