Hubert Aiwanger tot: Freie Wähler suchen neue Führung
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 14:59 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNachfolge in Partei und Ministerium
- Aiwanger war seit 2006 Landes- und seit 2010 Bundesvorsitzender der Freien Wähler.
- Am Mittwoch wurde er in einem Berliner Hotel leblos gefunden; eine Obduktion soll die Todesursache klären.
- Der für den 14. November geplante Bundesparteitag soll verschoben werden.
Nach dem plötzlichen Tod von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat Ministerpräsident Markus Söder die Fortsetzung der Koalition mit den Freien Wählern angekündigt. Die Partei will bis zum Wochenende über ihre nächsten Schritte beraten, während in Berlin eine Obduktion die Todesursache klären soll.
Bestürzung über Parteigrenzen hinweg
Aiwanger war am Mittwochabend leblos in einem Hotel in Berlin-Mitte gefunden worden. Tagsüber hatte er wegen gesundheitlicher Probleme die Eröffnung eines Hauptstadtbüros seiner Partei nicht besucht und sich vertreten lassen.
Söder ordnete Trauerbeflaggung an staatlichen Dienstgebäuden an und kündigte an, sich mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner in ein Kondolenzbuch im Prinz-Carl-Palais einzutragen. Politiker aus Bayern und dem Bund würdigten Aiwanger als prägenden und zugleich streitbaren Politiker.
Freie Wähler müssen Führung neu ordnen
Die Freien Wähler brauchen nun einen neuen Landes- und Bundesvorsitzenden. Aiwanger war als Landeschef erst vor einem Jahr wiedergewählt worden; beim für den 14. November geplanten Bundesparteitag wollte er sich erneut bestätigen lassen.
Der stellvertretende Bundesvorsitzende Joachim Streit kündigte an, den Parteitag zu verschieben. Bundes- und Landesvorstand sowie die bayerische Landtagsfraktion wollen am Wochenende in München über das weitere Vorgehen beraten.
Gotthardt übernimmt vorerst Amtsgeschäfte
Im Wirtschaftsministerium übernimmt Staatssekretär Tobias Gotthardt mindestens vorübergehend die Amtsgeschäfte. Er soll von einer Delegationsreise aus Singapur nach Bayern zurückkehren.
Ein neuer Minister oder eine neue Ministerin muss von Söder berufen werden und die Zustimmung des Landtags erhalten. Die Verteilung der Ministerien zwischen CSU und Freien Wählern ist in der Koalition festgelegt; die Freien Wähler sollen daher über die Nachfolge entscheiden.
Aiwangers politische Laufbahn
Aiwanger saß seit 2008 im bayerischen Landtag und führte zunächst die Fraktion. 2018 bildeten CSU und Freie Wähler erstmals eine Koalition; Aiwanger wurde Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident.
Vor der Landtagswahl 2023 geriet er wegen eines antisemitischen Flugblatts aus seiner Schulzeit unter Druck. Die Freien Wähler erzielten anschließend 15,8 Prozent. Bei den Kommunalwahlen in diesem Frühjahr gewannen sie unter Aiwangers Führung mehrere Landratsposten, verfehlten aber weiterhin den Einzug in den Bundestag.
Hubert Aiwangers Tod trifft die Freien Wähler in einer Phase, in der die Partei ihre bayerische Regierungsrolle mit bundespolitischen Ambitionen verbinden wollte. Aiwanger war nicht nur Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident, sondern zugleich das prägende Gesicht der Partei auf Landes- und Bundesebene. Diese Personalunion verschärft die Nachfolgefrage: Die Freien Wähler müssen ihre Parteiführung neu ordnen und zugleich die Stabilität der Koalition mit der CSU sichern.
In Bayern ist die Aufgabenverteilung zwischen CSU und Freien Wählern grundsätzlich festgelegt. Für das Wirtschaftsministerium und das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten geht es deshalb vor allem um die personelle Nachbesetzung innerhalb des Freie-Wähler-Vorschlagsrechts. Bis zu einer dauerhaften Entscheidung führt Staatssekretär Tobias Gotthardt die Amtsgeschäfte kommissarisch. Formal muss Ministerpräsident Markus Söder den neuen Minister oder die neue Ministerin berufen; der Landtag muss zustimmen.
Partei vor personeller Neuordnung
Politisch reicht die Bedeutung über das Kabinett hinaus. Aiwanger führte die Freien Wähler seit Jahren und verband kommunale Verankerung mit einer starken persönlichen Präsenz. Der geplante Bundesparteitag am 14. November soll verschoben werden. Damit gewinnt die Partei Zeit für Beratungen, steht aber zugleich vor der Aufgabe, eine Führung zu finden, die den bayerischen Einfluss erhält und die bundespolitische Ausrichtung fortsetzen kann.
Für die Koalition bedeutet der Einschnitt zunächst Kontinuität, weil Söder ihre Fortsetzung angekündigt hat. Offen bleibt, wie die Freien Wähler ihre Doppelstruktur aus Landes- und Bundespartei künftig organisieren und ob sie Aiwangers politische Reichweite mit einer neuen Führung dauerhaft ersetzen können.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Frankfurter Rundschau: „Freie Wähler nach Aiwanger-Tod: Platzt jetzt der Traum von der Bundespolitik?“ (05.11.2026)
Der Beitrag ordnet Aiwangers Tod als schweren Einschnitt für die bundespolitischen Ambitionen der Freien Wähler ein. Im Mittelpunkt steht die Einschätzung, dass Aiwanger überregional nur schwer zu ersetzen sei. Anders als die dpa-Meldung richtet sich der Schwerpunkt damit auf die mögliche Entwicklung der Partei im Bund.
tagesschau: „Freie Wähler beraten nach Aiwangers Tod über weiteres Vorgehen“ (05.11.2026)
Der Bericht hebt die anstehenden Beratungen der Partei und die angekündigte Verschiebung des Bundesparteitags hervor. Gemeinsam ist beiden Beiträgen die Darstellung, dass die Freien Wähler kurzfristig handlungsfähig bleiben müssten; unterschiedlich gewichtet die tagesschau stärker die organisatorischen Schritte, während die Frankfurter Rundschau die bundespolitischen Folgen betone.
Übereinstimmung besteht bei der bevorstehenden Neuordnung der Partei und der Fortsetzung der Beratungen. Offen bleibt, wer dauerhaft die Führung übernimmt und wie die Freien Wähler ihre Rolle in Bayern und im Bund künftig ausfüllen.
