Berlin-Wahl 2026: Abgeordnetenhaus, Spitzenkandidaten und Koalitionsoptionen im Überblick
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 07:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Berlin wird am Sonntag ein neues Abgeordnetenhaus gewählt – rund 2,5 Millionen Berlinerinnen und Berliner entscheiden damit über die politische Zukunft der Hauptstadt und eine mögliche neue Regierungskonstellation.
Stimmzettel für Abgeordnetenhaus und Bezirke
In allen 78 Wahlkreisen steht jeweils ein Direktkandidat zur Wahl, die Zweitstimmen der Wahlberechtigten bestimmen die Sitzverteilung im Landesparlament. Regulär umfasst das Abgeordnetenhaus 130 Mandate, derzeit sind es aufgrund von Überhang- und Ausgleichsmandaten 159. Parallel werden die zwölf Bezirksparlamente neu gewählt.
Diesmal treten 17 Parteien mit Landeslisten an, deutlich weniger als bei der gerichtlich angeordneten Wiederholungswahl 2023 mit 33 Parteien. Für den Einzug ins Abgeordnetenhaus gilt weiterhin die Fünf-Prozent-Hürde, um eine starke Zersplitterung zu verhindern.
Erstmals Wahlrecht ab 16 Jahren
Erstmals dürfen auch 16- und 17-Jährige bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus ihre Stimme abgeben; sie stellen etwa zwei Prozent der Wahlberechtigten. Bei den Bezirkswahlen galt dieses erweiterte Wahlrecht bereits zuvor. Auf Bezirksebene sind zudem EU-Bürger wahlberechtigt.
Regierende Koalition und Spitzenkandidaten
Seit 2023 regiert in Berlin eine Koalition aus CDU und SPD, während Grüne, Linke und AfD in der Opposition sind. Regierender Bürgermeister ist Kai Wegner (CDU), der jedoch nicht erneut antritt, nachdem er im Juli als Spitzenkandidat zurückgetreten war. Hintergrund waren wiederholte Vorwürfe falscher Angaben zu seinem Krisenmanagement nach einem großen Stromausfall im Januar.
CDU-Finanzsenator Stefan Evers hat kurzfristig die Spitzenkandidatur übernommen. Seine Hauptgegnerin ist laut Umfragen die Linke-Politikerin Elif Eralp, bisher Vize-Fraktionschefin und Juristin. Eralp wirbt im Wahlkampf mit dem Versprechen, „Miet-Abzocke“ zu stoppen und Berlin wieder bezahlbar zu machen, sieht sich aber zugleich mit Kritik an antisemitischen Strömungen in Teilen ihrer Partei konfrontiert.
SPD zwischen neuem Gesicht und alten Vorwürfen
Die SPD setzt nicht mehr auf ihre frühere Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey und schickt stattdessen Steffen Krach ins Rennen. Der bisher wenig bekannte Kandidat muss sich mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover zu seiner früheren Tätigkeit als Regionspräsident auseinandersetzen; es geht um einen Anfangsverdacht der Vorteilsannahme, den Krach zurückweist.
Mögliche Koalitionen nach der Wahl
Umfragen zufolge erreicht keine klassische Zweier-Koalition derzeit eine Mehrheit, auch nicht das amtierende Bündnis aus CDU und SPD. Wahrscheinlich erscheinen Dreier-Konstellationen: entweder CDU, Grüne und SPD oder ein Bündnis aus Linke, Grüne und SPD. Die AfD dürfte trotz vergleichsweise hoher Werte bei der Regierungsbildung außen vor bleiben, da die anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ablehnen. FDP und BSW liegen in den Erhebungen meist unterhalb der Schwelle zum Parlament.
Parteien im Umfragevergleich
In aktuellen Umfragen liegen Linke und CDU mit jeweils rund 20 bis 23 beziehungsweise 20 bis 21 Prozent dicht beieinander, zumeist mit einem leichten Vorsprung der Linken. Dahinter folgen AfD mit etwa 17 bis 18 Prozent und die Grünen mit 15 bis 16 Prozent. Die SPD muss mit etwa 10 bis 12 Prozent mit Platz fünf rechnen.
Wohnungen, Mieten und Vermüllung als zentrale Themen
Der Wohnungsmangel und hohe Mieten bilden das Kernthema des Wahlkampfs. Die Linke fordert ein öffentliches Bauprogramm, eine eigene Behörde gegen illegale Mieten und die Enteignung großer Immobilienkonzerne. SPD-Kandidat Krach wirbt für eine „Mietenpolizei“, die gegen Mietwucher vorgehen soll. Die CDU setzt vor allem auf mehr und schnelleren Wohnungsbau bei gleichzeitiger Stärkung des Mieterschutzes, während die AfD fordert, dass Einheimische mit langjährigem Lebensmittelpunkt vorrangig geförderten Wohnraum erhalten.
Debatte über Müll, Verkehr und Sicherheit
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermüllung des öffentlichen Raums. SPD und Linke wollen eine kostenlose Sperrmüllabholung einführen, um Sofas, Matratzen und Kühlschränke seltener auf Gehwegen zu sehen. Außerdem wird über zusätzliche Tempo-30-Straßen und mehr Radwege diskutiert. Die Sicherheit auf den Straßen und im öffentlichen Nahverkehr spielt ebenfalls eine große Rolle.
Die AfD legt im Wahlkampf zudem einen starken Fokus auf Migration und fordert unter anderem einen sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin.
Organisation der Wahllokale
Für die Wahl sind rund 2.542 Urnenwahllokale geplant, etwa ein Zehntel mehr als bei der Wiederholungswahl 2023. Sie öffnen von 8.00 bis 18.00 Uhr. Zusätzlich gibt es 1.572 Briefwahllokale. Bis zu 40.000 Wahlhelfer sollen den Ablauf sichern und erhalten für ihren Einsatz bis zu 120 Euro „Erfrischungsgeld“.
Die Stimmabgabe und Auszählung sind öffentlich: Jede Person darf laut Wahlordnung die Wahllokale betreten – sowohl während der Abstimmung als auch ab 18.00 Uhr, wenn ausgezählt und das Ergebnis festgestellt wird.
Hintergrund: Wiederholte Wahlgänge in Berlin
Die Häufung von Wahlterminen hängt mit den massiven Pannen bei der Wahl 2021 zusammen. Damals fanden Abgeordnetenhaus- und Bundestagswahl parallel statt, es fehlten teils Stimmzettel, wurden vertauscht oder führten zu langen Warteschlangen. Die Wahlen zum Landesparlament und zu den Bezirksparlamenten mussten im Februar 2023 vollständig wiederholt werden, die Bundestagswahl ein Jahr später teilweise.
Da die Legislaturperiode in Berlin weiterhin fünf Jahre beträgt, führt die Wiederholung dazu, dass nun bereits nach rund dreieinhalb Jahren erneut gewählt wird. Für viele Berlinerinnen und Berliner ist dies bereits der sechste Wahltag innerhalb von fünf Jahren.
Auswirkungen auf die Bundespolitik
Die Berlin-Wahl und die zeitgleiche Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gelten als bedeutende Signale für die Bundespolitik. Ein schlechtes Abschneiden der CDU und eine mögliche Regierende Bürgermeisterin der Linken könnten den Druck auf Kanzler Friedrich Merz erhöhen, dessen Führungsstil in der Partei umstritten ist. Behauptet sich die CDU dagegen als stärkste Kraft, dürfte dies als Erfolg für die Kanzlerpartei gewertet werden.
Auch in der SPD gibt es Spannungen über den Reformkurs der Bundesregierung, das Führungsduo Lars Klingbeil und Bärbel Bas steht ebenfalls in der Kritik. Die Berliner Abstimmung könnte damit über die Stadt hinaus Auswirkungen auf die Dynamik der großen Parteien im Bund haben.
Weiteres Verfahren nach der Wahl
Das neu gewählte Abgeordnetenhaus muss spätestens sechs Wochen nach der Wahl zusammentreten, nach der Landesverfassung unter dem Vorsitz des ältesten Abgeordneten. Vorgesehen ist die konstituierende Sitzung für den 29. Oktober, bei der Präsident und zwei Vizepräsidenten gewählt werden. Das Vorschlagsrecht liegt in der Reihenfolge der Fraktionsstärke.
Für die Wahl des neuen Regierenden Bürgermeisters gibt es keine feste Frist. Er wird mit der Mehrheit der Abgeordneten gewählt. Kommt diese Mehrheit nicht zustande, folgt ein zweiter Wahlgang. Scheitert auch dieser, reicht im dritten Schritt die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen.
Politische Bedeutung der Berlin-Wahl
Die anstehende Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gilt als wichtiger Stimmungstest für die deutsche Politik. In der Hauptstadt trifft ein traditionell linkes Wählerpotenzial auf wachsende Unzufriedenheit mit hohen Wohnkosten, Problemen im öffentlichen Raum und bundespolitischen Konflikten. Das besondere Augenmerk liegt auf der Frage, ob die Linke mit Elif Eralp erstmals das Amt der Regierenden Bürgermeisterin übernehmen kann oder ob die CDU ihre Stellung behauptet. Die gleichzeitige Wahl in Mecklenburg-Vorpommern verstärkt die bundespolitische Signalwirkung.
Wohnungsmarkt, öffentlicher Raum und Sicherheit im Fokus
Der Wahlkampf zeigt, wie stark der angespanntene Wohnungsmarkt und soziale Fragen die Berliner Politik prägen. Forderungen nach Enteignung großer Immobilienkonzerne, einer „Mietenpolizei“ und einem öffentlichen Bauprogramm markieren einen klaren Konflikt zwischen stärker staatlich geprägten Lösungen und wachstumsorientierten Konzepten mit Schwerpunkt auf schnellerem Wohnungsbau. Zugleich spielt die Verwahrlosung des öffentlichen Raums eine große Rolle: Kostenlose Sperrmüllabholung, Debatten über Tempo-30-Zonen und zusätzliche Radwege sowie Sorgen um Sicherheit im Nahverkehr verdeutlichen, dass viele Berliner unmittelbare Verbesserungen im Alltag erwarten.
Konsequenzen für Parteienlandschaft und Koalitionsbildung
Da voraussichtlich nur Dreier-Koalitionen eine Mehrheit erreichen, wird die Wahl die Parteien zu schwierigen Bündnissen zwingen. Die SPD muss mit schwachen Umfragewerten um ihren Einfluss kämpfen, während die AfD trotz teils hoher Werte bei der Regierungsbildung isoliert bleibt. Die erstmalige Beteiligung von 16- und 17-Jährigen könnte die Gewichte geringfügig zugunsten von Parteien verschieben, die bei jungen Wählern stärker sind. Bundespolitisch dürfte ein Sieg der Linken in Berlin den Druck auf die CDU-Führung erhöhen, während ein Erfolg der Union als Rückenwind für Kanzler Friedrich Merz gewertet würde. Für die Wählerinnen und Wähler entscheidet die Abstimmung damit nicht nur über die Ausrichtung der Stadt, sondern auch über die Kräfteverhältnisse im politischen System Deutschlands.
