Wie realistisch ist ein europÀischer Atom-Schirm?
16.02.2026 - 14:16:33 | dpa.deEuropa will unabhĂ€ngiger von den USA werden â wirtschaftlich und vor allem auch militĂ€risch. Auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz ist so deutlich geworden wie nie zuvor, dass man sich nicht mehr auf die USA als alleinige Schutzmacht verlassen will. Was muss nun dafĂŒr genau getan werden? Ein Kernpunkt ist die nukleare Verteidigung. An keiner Stelle ist Europa so abhĂ€ngig von den USA wie hier.
Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron hat Deutschland und anderen EU-Partnern bereits 2020 wĂ€hrend der ersten Amtszeit von US-PrĂ€sident Donald Trump GesprĂ€che ĂŒber eine europĂ€ische Kooperation bei der atomaren Abschreckung angeboten. Bei der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stieĂ er aber auf genauso wenig Resonanz wie bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Angebot jetzt angenommen.
Wie funktioniert die atomare Abschreckung aktuell?
Sie basiert derzeit hauptsĂ€chlich auf den US-Atomwaffen, von denen SchĂ€tzungen zufolge noch etwa 100 in Europa stationiert sein sollen, einige davon auf dem Fliegerhorst BĂŒchel in der Eifel. Im Ernstfall sollen die in BĂŒchel stationierten Bomben von Kampfjets der Bundeswehr eingesetzt werden â das sieht die sogenannte nukleare Teilhabe der Nato vor.Â
Welche Rolle spielen die europÀischen Atomwaffen derzeit?
Die Nuklearwaffen der beiden einzigen AtommĂ€chte Frankreich und GroĂbritannien, das der EU nicht mehr angehört, fungieren bei der nuklearen Abschreckung der Nato derzeit lediglich als relativ unbedeutende ErgĂ€nzung. In der aktuellen Diskussion geht es nun um eine StĂ€rkung dieser europĂ€ischen Komponente, nicht um einen separaten Schutzschirm. Das Nato-Abschreckungssystem mit den US-Atomwaffen soll grundsĂ€tzlich erhalten bleiben.
Wie groĂ ist Frankreichs Atomwaffen-Arsenal?
Nach SchĂ€tzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri verfĂŒgen die USA ĂŒber 1.770 einsatzbereite Atomwaffen; Frankreich ĂŒber 280 und GroĂbritannien ĂŒber 120. Konkret hat Frankreich unter anderem vier Atom-U-Boote und kann mit seinen Rafale-Kampfjets die gut 50 Marschflugkörper des Landes mit Nuklearsprengköpfen abschieĂen.
Was mĂŒsste fĂŒr einen europĂ€ischen Schutzschirm getan werden?
Es wĂ€ren vermutlich riesige Investitionen erforderlich, SchĂ€tzungen gehen bis in den dreistelligen Milliardenbereich. Wie ein solcher Schirm organisiert werden könnte, ist unklar. Theoretisch könnte Frankreich einfach garantieren, seine Atomwaffen auch zum Schutz europĂ€ischer Interessen einzusetzen. Auch eine Stationierung auf dem Gebiet von EU-Partnern wie Deutschland, Polen oder im Baltikum wĂ€re denkbar, um die Reichweite der Waffen nach Russland zu verkĂŒrzen.Â
Aus französischer Sicht mĂŒssten die Waffen aber unter strikter französischer Kontrolle bleiben, ihre Lagerorte von französischen StreitkrĂ€ften geschĂŒtzt werden und der «rote Knopf» fĂŒr den Einsatz bei Frankreichs Staatschef verbleiben. Das wiederum dĂŒrfte fĂŒr die europĂ€ischen Partner ein Problem sein.
Auch eine Einbindung der britischen Atomwaffen wĂ€re denkbar, auch wenn GroĂbritannien kein EU-Mitglied ist.
Wie steht Merz zum Angebot Macrons?
Der CDU-Chef hatte sich anders als seine VorgĂ€nger bereits im Wahlkampf zu GesprĂ€chen darĂŒber bereit erklĂ€rt und das bei seinem Antrittsbesuch in Paris als Bundeskanzler im Mai bekrĂ€ftigt. Als Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) im vergangenen Sommer eine deutsche FĂŒhrungsrolle in der Diskussion forderte, bremste er aber zunĂ€chst. Es handele sich um eine Aufgabe, «die sich allenfalls in der sehr, sehr langen Perspektive hier stellt, weil es da doch eine groĂe Zahl von Fragen zu beantworten gilt».
Seit der Grönland-Krise, die das Vertrauen zwischen den EuropĂ€ern und den USA massiv beschĂ€digt hat, geht Merz offensiver mit dem Thema um. Ende Januar sagte er erstmals öffentlich, dass es GesprĂ€che ĂŒber einen europĂ€ischen Atomschirm gebe. Auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz konkretisierte er, dass er auf Spitzenebene mit Macron darĂŒber spreche.
Ist sich die Koalition einig?
Nur so halb. Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil befĂŒrwortet die GesprĂ€che mit Frankreich. Verteidigungsminister Boris Pistorius, Parteifreund von Klingbeil und in der Regierung fĂŒr die deutsche Beteiligung an der nuklearen Abschreckung zustĂ€ndig, ist skeptischer. Er warnte in MĂŒnchen vor Doppelstrukturen und DoppelbemĂŒhungen.
Warum ist die Diskussion eine Gratwanderung?
Weil sie die USA verĂ€rgern und zu einem RĂŒckzug der US-Atombomben fĂŒhren könnte nach dem Motto: Dann schĂŒtzt euch doch selbst gegen russische Atomraketen! Andererseits könnte sich Trump auch unabhĂ€ngig von der europĂ€ischen Debatte fĂŒr einen Abzug der US-Atomwaffen entscheiden. Dann wĂ€re Europa der atomaren Bedrohung aus Russland schutzlos ausgeliefert.
Wird Deutschland am Ende selbst Atombomben beschaffen?
Das ist nach aktueller Vertragslage nicht möglich. Deutschland hat sich in zwei völkerrechtlich bindenden VertrĂ€gen verpflichtet, keine eigenen Atomwaffen zu besitzen: im sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung sowie im sogenannten Atomwaffensperrvertrag von 1970. Letzterer sieht vor, dass nur die offiziellen AtommĂ€chte USA, Russland, China, Frankreich und GroĂbritannien Nuklearwaffen besitzen dĂŒrfen.
Allerdings gibt es schon Stimmen in Europa, die fĂŒr eine Abweichung von dem Vertrag sind. Der rechtskonservative polnische PrĂ€sident Karol Nawrocki plĂ€diert fĂŒr eine atomare Bewaffnung seines Landes. «Der Weg zu einem polnischen Atompotenzial â bei allem Respekt fĂŒr internationale Regelungen â ist der Weg, den wir gehen sollten.»
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