Gesellschaft, Innenpolitik

Keine Demokratie ohne DiversitÀt: ZukunftsfÀhiger Journalismus in polarisierenden Zeiten / Kongress der Medienfrauen 2026 beim Hessischen Rundfunk

Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 12:43 Uhr | presseportal, AD HOC NEWS

Frankfurt am Main - Mehr NĂ€he und Einordnung, mehr Vielfalt und DiversitĂ€tsbewusstsein in den FĂŒhrungsstrukturen der Sender und ĂŒberall mehr Mut, neue Wege auszuprobieren: So können Medien Vertrauen zurĂŒckgewinnen, relevant bleiben und die Demokratie stĂ€rken. Dies ist der Appell an die Rundfunkanstalten beim 48. Kongress der Medienfrauen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten am 25. und 26. September, zu dem der Hessische Rundfunk (hr) nach Frankfurt eingeladen hatte. Das Motto lautete: "Keine Demokratie ohne DiversitĂ€t".

Keine Demokratie ohne DiversitÀt: ZukunftsfÀhiger Journalismus in polarisierenden Zeiten / Kongress der Medienfrauen 2026 beim Hessischen Rundfunk - Bild: presseportal.de
"Keine Demokratie ohne DiversitÀt": ZukunftsfÀhiger Journalismus in polarisierenden Zeiten / Kongress der Medienfrauen 2026 beim Hessischen Rundfunk - Bild: presseportal.de

"Wie können wir als Medienschaffende mit unserer Berichterstattung am Erhalt der Demokratie mitwirken?" So formulierte die Journalistin Marieke Reimann auf dem Podium die zentrale Frage in den Diskussionen und Debatten beim 48. Kongress der Medienfrauen am 25. und 26. September im Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Unter dem Motto "Keine Demokratie ohne DiversitĂ€t" trafen und besprachen sich darĂŒber rund 350 Journalistinnen, Medienschaffende und Mitarbeiterinnen verschiedenster Bereiche der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, reflektierten und vertieften Aspekte in 24 Workshops.

Medien mĂŒssen Demokratie stĂ€rken: "Die Wahrheit ist keine politische Partei"

"Die Wahrheit ist keine politische Partei."Mit diesem Ausruf beschrieb die Publizistin Marina Weisband im prominent besetzten Eröffnungspanel die Herausforderungen der Medien und die Krux mit der vermeintlichen NeutralitĂ€t in demokratiegefĂ€hrdenden Zeiten. "Medien sind absolut unumstĂ¶ĂŸlich wichtig fĂŒr eine funktionierende Demokratie, aber Medien haben Mechanismen, die es schaffen können, eine Demokratie zu Fall zu bringen." Medienschaffende seien Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie - klassische Medien konkurrieren mit Content-Creatoren, Influencern, Streamern und Plattform-Algorithmen -, getrieben durch eine Empörungslogik sowie die Konzentration auf Ereignis- statt Prozessberichterstattung und ökonomische ZwĂ€nge in den MedienhĂ€usern. Dies erschwere es, SachzusammenhĂ€nge genauer zu beleuchten und aufzuzeigen, wie sich Ereignisse konkret auf das Leben von Menschen, von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, auswirken. So komme es zu einer systematischen Verzerrung ins Negative und Radikale. "Wenn der Name Trump oder Putin in der Überschrift steht, dann klickt es besser und das ist furchtbar. Denn 'Terrorist tötet 20 Menschen', ist eine Nachricht, aber 'Ärztin rettet 20 Menschen das Leben' ist keine Nachricht." Marina Weisband warnte: "Wenn wir als Medien vor allem dann gelesen oder geschaut werden, wenn wir schlechtreden, wenn wir das Negative herausstellen - was unsere Arbeit ist -, dann fĂŒhrt es auch dazu, dass wir jede demokratische Regierung ausfĂŒhrlich beleuchten in dem, was sie nicht leistet, was sie nicht schafft, wo sie versagt und sehr wenig, wo sie leistet, wo sie Dinge schafft und wo Demokratie funktioniert. Und das ist fatal fĂŒr ein Vertrauen in eine demokratisch gewĂ€hlte ReprĂ€sentation." NeutralitĂ€t, so Marina Weisband, könne es zudem nicht geben, wenn es um die Pole Demokratie oder Radikalismus, Wahrheit oder Populismus mit Fake-News gehe: "Die Wahrheit ist keine politische Partei."

Verantwortung des Journalismus in polarisierten Zeiten

Journalistin Marieke Reimann, bis 2024 stellvertretende SWR-Chefredakteurin und damit jĂŒngste und erste ostdeutsche Chefredakteurin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, kritisierte die stereotype und unzureichende Darstellungen gesellschaftlicher Gruppen: "Verantwortung hat auch mit ReprĂ€sentation zu tun." Die öffentlich-rechtlichen Medien mĂŒssten die Menschen, die sie gezielt ansprechen wollten und die ihnen sonst als Publikum verloren gingen, in den Programmen viel stĂ€rker abbilden. In Zeiten wachsender Polarisierung und zunehmender Angriffe auf Medienschaffende forderte Marieke Reimann die MedienhĂ€user auf, den Wert freier und unabhĂ€ngiger Medien offensiver zu vertreten: "Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, dass man noch mal klarmacht, was fĂŒr eine Errungenschaft der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist!"

DiversitÀt braucht Strukturen statt Symbolik

Angesichts einer zunehmend vielfĂ€ltigen Gesellschaft sei DiversitĂ€t eine Zukunftsfrage fĂŒr Medienunternehmen, so Elena Kountidou vom Verein "Neue deutsche Medienmacher*innen": "Wenn wir diesen Menschen keine Angebote machen, ihre Ängste, ihre Sorgen, ihre LebensrealitĂ€t nicht darstellen, verlieren wir nicht nur an Publikum, an Vertrauen, sondern auch an Relevanz." Die Gesellschaft verĂ€ndere sich schneller als die RundfunkhĂ€user und deren zu wenig divers besetzten Machtstrukturen. Sie warnte davor, DiversitĂ€t auf symbolische Maßnahmen zu reduzieren. Saraya Gomis vom Migrationsrat Berlin lenkte dabei den Blick auf die Verwaltung. Diese fungiere als demokratische Infrastruktur, die richtungsweisende Entscheidungen fĂŒr DiversitĂ€t fĂ€llen könne: "Die Verwaltung ist unser Maschinenraum." hr-Programmdirektorin Julia Krittian und hr-Chefredakteurin Sandra Tzschaschel reflektierten im Anschluss die Analysen.

Das Leitmotiv der Diskussion: MedienhĂ€user, Verwaltungen und gesellschaftliche Institutionen mĂŒssten mutiger werden, Verantwortung ĂŒbernehmen und RĂ€ume fĂŒr Vielfalt schaffen. Strukturelle VerĂ€nderungen sowie eine offene Fehlerkultur wurden als Voraussetzungen fĂŒr eine demokratische und vielfĂ€ltige Öffentlichkeit benannt.

Mehr NĂ€he, mehr Kontext, mehr Wissen - rechte Narrative entlarven

"Journalismus unter Druck - und nun?" lautete der Impuls von Medienwissenschaftlerin Anna von Garmissen, mit dem das zweite Panel "ZukunftsfĂ€higer Journalismus" startete. Im Anschluss diskutierten Anna von Garmissen, "Zeit"-Journalistin Alisa Schellenberg, die Podcasterin und Newsletter-Autorin Sham Jaff ("What happend last week") und Maria Timtschenko, Autorin des Newsletters "Wie Rechte reden", ĂŒber neue Wege und Formate, um Vertrauen in die etablierten Medien zu stĂ€rken, Perspektivenvielfalt abzubilden und journalistische Relevanz zu sichern. "Die Ressourcen nehmen ab, aber die Anforderungen nehmen zu", sagte von Garmissen. So gehöre die BekĂ€mpfung von Desinformation inzwischen zu den wichtigsten Aufgaben von Journalistinnen und Journalisten. Das Fazit dieser Runde: Wer Menschen zuhört, entdecke Themen aus anderen Lebenswelten, die in politischen Debatten kaum vorkommen. Es brauche mehr Kontext und Verbindung schaffende ZugĂ€nge statt alter Klischees. Und, so Maria Timtschenko: Redaktionen benötigten dringend Wissen ĂŒber Strategien, Narrative und Kommunikationsweisen der extremen Rechten, um diese besser entlarven zu können.

Resolution: Medienschaffende stĂ€rker schĂŒtzen

Gemeinsam verabschiedeten die Gleichstellungskonferenz und der Kongress der Medienfrauen eine Resolution. Aufgrund der besonderen GefĂ€hrdungslagen von Medienschaffenden, besonders von Journalistinnen, fordern sie die Intendantinnen und Intendanten ihrer MedienhĂ€user auf, dem "Schutzkodex fĂŒr Journalist*innen" beizutreten und diesen umzusetzen.

NÀchster Kongress in Köln

Der "Kongress der Medienfrauen" setzt sich seit 1978 mit Fragen der Gleichstellung, gesellschaftlichen Teilhabe und der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auseinander. Der Hessische Rundfunk (hr) war zum fĂŒnften Mal Gastgeber des "Kongresses der Medienfrauen" (frĂŒher "Herbsttreffen der Medienfrauen"). An der jĂ€hrlichen Tagung nehmen Medienfrauen teil, die fĂŒr die Rundfunkanstalten der ARD und fĂŒr das ZDF sowie der gemeinsam betriebenen Programme sowie fĂŒr Deutschlandradio, Deutscher Welle (DW), fĂŒr den Österreichischen Rundfunk (ORF) oder die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) arbeiten. Der nĂ€chste Kongress der Medienfrauen wird vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) organisiert und findet am 24. und 25. September 2027 in Köln statt.

Die Resolution im Wortlaut, ein RĂŒckblick auf den Kongress sowie die Mitschnitte der Podiumsdiskussionen und des Konzerts gibt es auf hr.de: Kongress der Medienfrauen | hr.de (Die Mitschnitte stehen dort voraussichtlich ab 5.10. zur VerfĂŒgung).

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