Erdo?an - Vierteilige Dokuserie ab 29.6.2026 in der ARD Mediathek
26.06.2026 - 18:00:00 | presseportal.deDie ARD-Serie âERDO?ANâ von Michael Wech und Kristina Karasu geht auf Spurensuche: Zum ersten Mal schildern ehemalige WeggefĂ€hrten und Vertraute aus Erdo?ans unmittelbarem Umfeld seinen Lebensweg vom unerschĂŒtterlichen Idealisten zum umstrittenen Machthaber. Ihre ErzĂ€hlungen enthĂŒllen den inneren Antrieb hinter seinem Aufstieg und die Mechanismen seiner Macht: Warum konnte Erdo?an politische Niederlagen immer wieder in Chancen verwandeln? Woher rĂŒhrt der politische Instinkt, SchlĂŒsselmomente zu erkennen und gezielt fĂŒr sich zu nutzen? Wie gelang es ihm, zum unangefochtenen Alleinherrscher gewĂ€hlt zu werden?
Die Dokuserie portraitiert Erdo?an wie unter dem VergröĂerungsglas - unvoreingenommen und analytisch â stets als charaktergetriebene Geschichte erzĂ€hlt: mit Triumphen und Niederlagen, TiefschlĂ€gen, Auswegen und Wendepunkten. Ist er Reformer oder âpolitisches ChamĂ€leonâ, das konsequent auf Machterhalt setzt?
Welche Rolle spielt die tĂŒrkische Community in Deutschland? Und welche Bedeutung haben seine Frau Emine und seine Kinder fĂŒr ihn?
Spitzenpolitiker wie der ehemalige stellvertretende tĂŒrkische MinisterprĂ€sident BĂŒlent Ar?nç, der ehemalige US-Verteidigungsminister Leon Panetta, der ehemalige PrĂ€sident und langjĂ€hrige TĂŒrkei-Berichterstatter des EuropĂ€ischen Parlaments, Martin Schulz, Erdo?ans ehemaliger PrivatsekretĂ€r Turhan Ăömez, Nihal Olçok, die Witwe von Erdo?ans langjĂ€hrigen Wahlkampstrategen, AKP-MitgrĂŒnderin Fatma Bostan Ănsal sowie der langjĂ€hrige Kulturminister in Erdo?ans Kabinett, Ertu?rul GĂŒnay, gewĂ€hren zum ersten Mal sehr persönliche Einblicke in das Leben und die Psyche Recep Tayyip Erdo?ans. Ihre BeitrĂ€ge verdichtet die ARD-Serie zu einem vielschichtigen Bild, das den unantastbar wirkenden tĂŒrkischen PrĂ€sidenten zeigt, wie er selten gesehen worden ist.
In vier Teilen erzĂ€hlt die ARD-Serie die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstiegs â als deutsche und als tĂŒrkische Sprachfassung.
Veröffentlichungen:
âERDO?ANâ ist eine BROADVIEW-Produktion in Koproduktion mit dem WDR und mit UnterstĂŒtzung der Film- und Medienstiftung NRW sowie des German Motion Picture Fund (GMPF). Regie fĂŒhrten Michael Wech und Kristina Karasu, Produzent ist Leopold Hoesch. Producer der Serie sind Peter Wolf und Marisa Witte. Redaktionell verantwortlich fĂŒr den WDR sind Gudrun Wolter und Beate Schlanstein.
Hier geht es zum Trailer:
https://presse.wdr.de/plounge/wdr/programm/2026/06/20260629_erdogan.html
Weitere Infos unter: presse.wdr.de
Fotos finden Sie unter ARD-Foto.de
âERDO?ANâ â Interview Kristina Karasu & Michael Wech
Kristina Karasu studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Hildesheim und Sassari (Italien). Nach Stationen als leitende Nachrichtenredakteurin und Moderatorin lebt und arbeitet sie seit 2010 als freie Journalistin und Dokumentarfilmautorin in Istanbul. Zu ihren Auftraggebern gehören u.a. ARTE, ZDF, ORF und Deutschlandfunk. Sie realisierte zahlreiche Reportagen und Dokumentarfilme in der TĂŒrkei und der Region, u.a. âDie TĂŒrkei nach dem Bebenâ (ARTE/ZDF, 2024) und âDie Spur der Verschwundenen â Istanbuls Familien gegen das Vergessenâ (ARTE/ZDF 2019). Seit 2014 ist sie TĂŒrkei-Korrespondentin der europĂ€ischen Presseschau âeurotopicsâ der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung.
Michael Wech studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Hamburg und London sowie als Stipendiat an der Bilkent UniversitĂ€t in Ankara. Er dreht Dokumentarfilme fĂŒr ARTE, ARD und 3sat, darunter die jeweils fĂŒr den Deutschen Fernsehpreis nominierten Dokumentarfilme âDer Aufbruch â War die Pandemie vermeidbar?â (ZDF, 2022), âHallo, Diktator â OrbĂĄn, die EU und die Rechtsstaatlichkeitâ (ARTE, 2021) und âResistance Fighters â Die globale Antibiotika-Kriseâ (ARTE, 2019). Michael Wech erhielt fĂŒr seine Dokumentationen mehrfache Auszeichnungen, u. a.: Beste Wissenschafts-Dokumentation Silbersalz Festival (2025), Best Documentary Award San Diego International Film Festival (2024), Deutscher Fernsehpreis (2020), Impact Award Vancouver International Film Festival (2019), Deutsch-Französischer Journalistenpreis und den Holtzbrinck-Preis fĂŒr Wirtschaftsjournalismus.
Der tĂŒrkische PrĂ€sident Recep Tayyip Erdo?an regiert seit ĂŒber zwanzig Jahren die TĂŒrkei. Was gab den Anlass, jetzt eine vierteilige Reihe ĂŒber ihn zu drehen?
MW
âErdo?an gehört fĂŒr mich zu den fĂŒnf mĂ€chtigsten, amtierenden Politikern der Welt. Und er ist vermutlich auf dem Zenit seiner Macht. Deshalb könnte es keinen besseren Moment geben, finde ich. Die Geschichte seines Aufstiegs erzĂ€hlt viel ĂŒber unsere Zeit. Man darf nicht vergessen: Er ist gewĂ€hlt. Die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger der TĂŒrkei haben selbst fĂŒr ein quasi-autokratisches System gestimmt, mit Erdo?an an der Spitze. Nichts ist spannender als die Frage: Wer ist der Mann, dem dies gelang?â
KK
âSeit vielen Jahren beobachte ich als Journalistin in der TĂŒrkei den Werdegang Erdo?ans. Als ich 2008 das erste Mal nach Istanbul kam, wurde Erdo?an im Inland gefeiert und in Europa hofiert. Die Wirtschaft boomte. Heute regiert er das Land quasi allein, geht unbarmherzig gegen seine Gegner vor, lĂ€sst kritischen BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern kaum noch Luft zum Atmen. Die TĂŒrkei versinkt in einer Inflations- und WĂ€hrungskrise. Das Land ist gespalten zwischen glĂŒhenden AnhĂ€ngern und wĂŒtenden Gegnern. Wir haben uns gefragt: Wie konnte es so weit kommen? Was hat ihn dazu bewegt, diesen Weg einzuschlagen?â
Sie haben fĂŒr die Serie mit ehemaligen WeggefĂ€hrten und Vertrauten Erdo?ans gesprochen. Wie schwierig war es, Zugang zu diesen Menschen zu bekommen und wie groĂ war die Angst der GesprĂ€chspartner, sich öffentlich zu Ă€uĂern?
KK
âDiese Frage hat uns vor den Dreharbeiten tatsĂ€chlich sehr beschĂ€ftigt. Denn zum einen reden die meisten von Erdo?ans WeggefĂ€hrten sehr ungern mit der westlichen Presse, zum anderen haben viele TĂŒrkinnen und TĂŒrken Angst, Kritik an Erdo?an zu ĂŒben, weil PrĂ€sidialbeleidigung unter Strafe steht und Erdo?an diesen Paragrafen sehr gerne nutzt, um gegen Kritiker jeder Art vorzugehen. Doch dann haben viele Menschen, die jahrelang sehr nah an Erdo?an Seite standen, sehr offen mit uns geredet. Es sind Menschen aus sehr unterschiedlichen ideologischen Lagern, die irgendwann in ihrem Leben die Entscheidung getroffen haben, dass Reden besser ist als Schweigen. Einige von ihnen sind Abgeordnete, die mir nach dem Interview sagten, sie konnten sich nur so frei Ă€uĂern, weil sie politische ImmunitĂ€t genieĂen. Wir haben aber auch Absagen bekommen, vor allem von Mitgliedern der Opposition und der Zivilgesellschaft. Sie sagten, dass sie derzeit so unter Beschuss stehen, dass das Risiko eines Interviews fĂŒr sie einfach zu groĂ wĂ€re.â
Gab es wĂ€hrend der Dreharbeiten Momente, die Sie persönlich besonders ĂŒberrascht oder emotional bewegt haben?
KK
âDie ersten Interviews haben wir mit Erdo?ans einstigem PrivatsekretĂ€r Turhan Ăömez sowie der einstigen WeggefĂ€hrtin Nihal Olçok gefĂŒhrt, die zugleich Witwe von Erdo?ans legendĂ€rem, langjĂ€hrigen Werbeberater ist. Sie haben ihre einstige Begeisterung ebenso wie ihre spĂ€tere EnttĂ€uschung noch einmal mit uns durchlebt. Die GesprĂ€che dauerten viele Stunden lang und waren wie eine Zeitreise. Nicht selten bekam unser Team eine GĂ€nsehaut.â
MW
âIch fand erhellend, was uns Fatih Cevikollu ĂŒber seine Jugend in Köln erzĂ€hlte: âIch stamme aus Köln-Nippes. Da gibt es so Hinterhof-Moscheen, wie wir es nennen. Meine Mutter sagte mir immer âDa gehst Du nicht hin. Das hat mit Religion nichts zu tun. Das ist Politik, was da gemacht wird. Die sind gegen Demokratie.â Dieser O-Ton ist nicht im Film, aber erzĂ€hlt viel ĂŒber die Frage, der wir auch in unserem Film nachgehen: Was genau ist politischer Islam? Wann ist der Islam Religion, wann ist er politisch?â
Was haben Sie bei der Arbeit an dieser Serie gelernt, was Sie noch nicht wussten? Was war ĂŒberraschend?
MW
âFĂŒr mich war der Film eine kleine Zeitreise. Ich habe 1995/96 fĂŒr ein Jahr Politikwissenschaft in Ankara studiert. Genau zu der Zeit, als Erdo?an BĂŒrgermeister von Istanbul war. Obwohl ich seine Karriere seitdem immer im Blick hatte, gab es viele Details, die ich nicht kannte. Ich wusste z.B. nicht, dass Erdo?ans Politikverbot 2003 nur mit UnterstĂŒtzung und Zustimmung der CHP ausgehebelt wurde â also genau der Partei, die Erdo?an gerade versucht, zu zerschlagen. Und dessen prominentestes Mitglied, Ekrem ?mamo?lu, er ins GefĂ€ngnis gebracht hat.
Die Serie versucht, Erdo?an nicht nur politisch, sondern auch als Mensch zu verstehen. Wann hatten Sie wĂ€hrend der Recherche das GefĂŒhl, ihm als Person wirklich nĂ€herzukommen?
KK
âWir haben unter anderem in Kasimpa?a gedreht, dem Ă€rmlichen Istanbuler Arbeiterviertel, in dem Erdo?an aufgewachsen ist. Dort haben wir mit seinen einstigen Nachbarn, Bekannten und seinem Friseur gesprochen. Sie erzĂ€hlten uns, dass Erdo?an eigentlich FuĂballstar werden wollte, aber sein streng religiöser Vater das verhinderte. Oder dass er schon als Jugendlicher unglaublich ehrgeizig war, sehr auf sein ĂuĂeres achtete und sich zweimal am Tag rasierte, wenn er wichtige politische Sitzungen hatte. Ebenso haben wir ehemals hochrangige AKP-Politiker interviewt, die uns erzĂ€hlt haben, wie der Arabische FrĂŒhling, die Gezi-Park-Proteste oder der Putschversuch 2016, Erdogans Charakter maĂgeblich verĂ€ndert haben. Das war sehr erhellend.â
MW
âWir konnten Erdo?an selbst nicht treffen, nicht seine Frau und nicht seine Kinder. Aber ich denke, durch die Vielzahl der WeggefĂ€hrten, die ihm ĂŒber Jahrzehnte nahestanden, und fĂŒr Interviews zur VerfĂŒgung standen, gelingt es dem Film, den Charakter seiner Person so freizulegen, wie es im Moment möglich ist. Damit ist viel erreicht und damit geht der Film ĂŒber alles hinaus, was bislang an dokumentarischem Material ĂŒber ihn zusammengetragen wurde. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, aber der Film zeigt, dass Erdo?an sich jedem Gegenwind frontal entgegenstellt, aber sich manchmal auch wie ein ChamĂ€leon verhĂ€lt.
Sie bewegen sich mit dieser Serie in einem politisch hochsensiblen Umfeld. Wie haben Sie wĂ€hrend der Arbeit gespĂŒrt, wie stark das Thema Erdo?an Menschen bis heute polarisiert, auch in Deutschland?
KK
âIn der TĂŒrkei ist diese Polarisierung an jeder Ecke zu spĂŒren. Wir haben Erdo?an etwa vor jubelnden AnhĂ€ngern beim Teknofest in Istanbul gefilmt, einem riesigen Technologie- und Luftfahrtfestival, initiiert von seinem Schwiegersohn. Die Menschen erzĂ€hlten dort mit strahlenden Augen ĂŒber den PrĂ€sidenten, wie er das Land entschlossen modernisiert und zu einer starken Regionalmacht entwickelt habe.
Ganz anders die Reaktionen als wir bei den Protesten gegen die Inhaftierung von Erdo?ans gröĂtem Rivalen, dem Istanbuler BĂŒrgermeister Ekrem Imamo?lu, gefilmt haben. Da sagten uns viele junge Menschen voller Verzweiflung: âErdo?an hat unser Land ruiniert und unsere Zukunft gestohlenâ. Beide Seiten reden ĂŒber dieselbe TĂŒrkei, denselben PrĂ€sidenten â aber ihre Wahrnehmung ist eine komplett andere.
MW
âWir haben in Berlin mit dem tĂŒrkischen Journalisten Can DĂŒndar gedreht. Er lebt seit 2016 im Exil in Deutschland. Zum Interview kam er allein. Aber dass er bei Veranstaltungen in Deutschland hĂ€ufig nur mit Polizeischutz auftreten kann, sagt viel ĂŒber den Grad der Feindseligkeit, die Erdo?an mit seiner Politik bis heute schĂŒrt.â
Es wird eine deutsche und eine tĂŒrkische Sprachfassung der Doku geben: Welche unterschiedlichen Resonanzen aus der deutschen und der deutsch-tĂŒrkischen Community erwartet ihr?
MW
âDie Serie verdient es, von jedem geschaut zu werden. UnabhĂ€ngig davon, ob man Erdo?an kritisch sieht, oder nicht. Wir haben versucht, uns der Figur Erdo?an vorurteilsfrei zu nĂ€hern und die Geschichte seines Aufstiegs auch so zu erzĂ€hlen. Jedem ist klar, dass Erdo?an heute ein Autokrat ist. FĂŒr uns stand immer die Frage im Mittelpunkt: Wie ist es dazu gekommen? Das wird alle Menschen interessieren. Egal woher sie stammen und welchen Hintergrund sie haben. Wenn es uns gelingt, Menschen in bislang abgeschotteten Echo-Kammern zu erreichen, umso besser.â
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