Lars Klingbeil: Bagger-Tour soll trotz Koalitionsstreit Erfolge der Regierung zeigen
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 14:48 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFinanzminister Lars Klingbeil versucht mit einer bundesweiten Baustellentour für die Arbeit der Bundesregierung zu werben, doch die Konflikte in der schwarz-roten Koalition überlagern die positive Botschaft.
Mit gelbem Bagger durch Deutschland
Der Vizekanzler besucht in dieser Woche unter anderem einen Kindergarten in Bruchsal, eine Mehrzweckhalle in Graben-Neudorf, eine Rathaus-Baustelle in Billigheim und eine halbfertige Bibliothek in Mainz. Weitere Stationen sind eine Klinik in Göttingen und eine Gesamtschule in Hildesheim. Als sichtbares Symbol überreicht Klingbeil gelbe Bagger; auf Bannern und Schutzhelmen steht „Hier investiert Deutschland“.
Die Tour soll zeigen, wo Projekte mit Geld des Bundes vorankommen. Klingbeil hatte maßgeblich darauf gedrungen, dass noch vor dem Amtsantritt von Bundeskanzler Friedrich Merz ein 500 Milliarden Euro schweres, kreditfinanziertes Sondervermögen beschlossen wurde. Es soll über zwölf Jahre Infrastruktur, Klimaschutz und die Wirtschaft unterstützen.
Knapp 57 Milliarden Euro sind abgeflossen
Nach Zahlen des Finanzministeriums wurden seit dem Start des Sondervermögens knapp 57 Milliarden Euro ausgegeben. Das entspricht mehr als zehn Prozent der Gesamtsumme. Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten, dass die Investitionen die Konjunktur deutlich stabilisieren.
In Graben-Neudorf kostete die Sanierung einer Mehrzweckhalle 9,5 Millionen Euro, davon kamen 6 Millionen Euro aus dem Sondervermögen. Bürgermeister Christian Eheim sieht darin eine unbürokratische Förderung; durch die Entlastung kann die Kommune den Angaben zufolge den Neubau einer Grundschule finanzieren.
Pflege und Zuckersteuer überschatten die Werbetour
Während Klingbeil für konkrete Fortschritte wirbt, stritt die Koalition zu Wochenbeginn über die Pflegereform. Union und SPD fanden zwar einen Kompromiss, eine geräuschlose Regierungsarbeit war damit aber nicht verbunden. Kurz darauf stoppte das Kanzleramt Klingbeils Entwurf für eine Zuckersteuer zunächst.
Die Spannungen sind nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern besonders groß. Merz kämpft um Autorität, Klingbeil um den SPD-Parteivorsitz. Der Streit über die Rentenreform dürfte zurückkehren; auch bei Steuerreformen und beim Bundeshaushalt stehen weitere Auseinandersetzungen bevor.
„Das tun wir gerade nicht“
Klingbeil will nach eigener Darstellung zugleich im Regierungshandeln und in der SPD zeigen, dass sich politische Beteiligung lohnt. Bei einem Bürgergespräch in Heidelberg räumte er jedoch ein: „Zur Wahrheit gehört: Das tun wir gerade nicht.“ Seine Baustellentour soll deshalb nicht nur informieren, sondern auch gegen den Eindruck einer zerstrittenen Koalition anarbeiten.
Reformen unter Zeitdruck
Die Baustellentour fällt in eine Phase, in der die schwarz-rote Bundesregierung mehrere große Vorhaben parallel voranbringen muss. Besonders bei der Pflegeversicherung ist der Handlungsdruck hoch: Die gesetzlichen Kassen rechnen für 2026 mit einem Defizit von 4,4 Milliarden Euro, für 2027 mit 7,5 Milliarden Euro. Zugleich streiten Union und SPD über Einsparungen, die Beteiligung privater Versicherter und eine Begrenzung der Eigenanteile im Pflegeheim.
Auch die Renten- und Steuerpolitik verschärft die Konflikte. Bei der Rente steht insbesondere die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren unter politischem Druck. Bei den Steuern treffen Entlastungsversprechen auf Widerstand gegen neue Einnahmequellen wie Zucker- und Tabaksteuer. Dadurch werden Sachfragen mit den jeweiligen Profilierungsinteressen der Koalitionspartner verbunden.
Investitionen als politischer Beleg
Das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen bietet Klingbeil einen konkreten Gegenpol zu diesen Auseinandersetzungen. Nach Angaben des Finanzministeriums sind im ersten Jahr knapp 57 Milliarden Euro abgeflossen. Für Kommunen bedeutet das finanzielle Spielräume bei Schulen, Kitas, Kliniken und Sport- oder Mehrzweckhallen; für die Bundesregierung entsteht daraus zugleich der Anspruch, den Mitteleinsatz sichtbar zu machen.
Für Bürgerinnen und Bürger entscheidet sich die Wirkung der Investitionen daran, ob Projekte tatsächlich fertiggestellt werden und Leistungen vor Ort verbessern. Bleiben die öffentlichen Konflikte über Pflege, Rente und Haushalt dominierend, erreicht die positive Investitionsbotschaft nur schwer die politische Wahrnehmung. Der für den 7. Oktober geplante Koalitionsausschuss könnte deshalb erneut zeigen, ob die Partner ihre Reformvorhaben bündeln oder weiter gegeneinander profilieren.
