SPD und Union streiten nach Stromnetz-Anschlägen über Erdverkabelung
Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 06:35 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSNach den jüngsten Angriffen auf Stromnetze in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fordert die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, eine stärkere unterirdische Verlegung von Stromleitungen. Der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Andreas Lenz (CSU), sowie sein Grünen-Kollege Michael Kellner stellen jedoch andere sicherheitspolitische Schwerpunkte in den Vordergrund.
SPD setzt auf Erdverkabelung und staatliche Verantwortung
Scheer argumentiert, dass trotz längerer Reparaturzeiten im Schadensfall die präventive Wirkung von Erdverkabelung stärker berücksichtigt werden müsse. Auch kurzzeitige Stromausfälle könnten verheerende Auswirkungen haben, insbesondere angesichts der zunehmenden Elektrifizierung und Digitalisierung des Alltags. Aus ihrer Sicht spricht dies für eine umfassendere Erdverkabelung und eine Stärkung staatlicher Verantwortung, da an der Strominfrastruktur nach ihren Worten Leib und Leben sowie die Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit des Landes hängen.
Union warnt vor längeren Reparaturzeiten im Erdreich
Andreas Lenz widerspricht der Forderung nach einer deutlich stärkeren Erdverkabelung. Diese löse das aktuelle Problem nicht, da Umspannwerke und andere zentrale Netzknoten auch bei Nutzung von Erdkabeln oberirdisch blieben und damit weiterhin angreifbar seien. Vor allem die Reparierbarkeit von Erdkabeln sei schwieriger und meist langwieriger, weshalb aus seiner Sicht die schnelle Behebbarkeit von Schäden im Vordergrund stehen müsse. Lenz verweist zudem darauf, dass die Gefahr von Angriffen aus der Luft, etwa durch Drohnen, bei der Ausgestaltung des Schutzes berücksichtigt werden müsse und plädiert für mobile Reparaturteams.
Grüne wollen Bundespolizei stärker an kritische Infrastruktur binden
Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, fordert einen effizienteren Einsatz der Bundespolizei zum Schutz sensibler Anlagen. Die Bundespolizei müsse ihre Ressourcen anders einsetzen können, sagte er der „Rheinischen Post“. Symbolische Grenzkontrollen zu Polen und Frankreich würden Kräfte binden, die nach seiner Auffassung besser für den Schutz kritischer Infrastruktur genutzt werden sollten. Damit knüpft Kellner die aktuelle Sicherheitsdebatte unmittelbar an den Personaleinsatz und die Prioritätensetzung im Polizeibereich.
Debatte über Sicherheitsverständnis bei wachsender Elektrifizierung
Die jüngsten Anschläge auf Strominfrastruktur haben nach Ansicht von Scheer ein neues Verständnis von Sicherheit und Sicherheitsanforderungen notwendig gemacht. Im Zeitalter der Digitalisierung und Elektrifizierung aller Lebensbereiche müsse der Schutz der Strominfrastruktur als Frage der nationalen Sicherheit und der Landesverteidigung verstanden werden – gegen Angriffe aus dem Inland wie aus dem Ausland. Die unterschiedlichen Positionen von SPD, Union und Grünen markieren damit eine breitere Debatte darüber, wie technische, organisatorische und polizeiliche Maßnahmen zusammenspielen sollen, um das Stromnetz gegen Sabotage und Anschläge besser zu schützen.
Die Forderungen von Nina Scheer, Andreas Lenz und Michael Kellner stehen vor dem Hintergrund koordinierter Angriffe auf Strominfrastruktur in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen Anfang September. Unbekannte Täter versuchten nahe dem Kohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg sowie an einem Umspannwerk im Raum Köln, Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen zu erzeugen. In beiden Fällen blieb die allgemeine Stromversorgung stabil, doch Ermittlungsbehörden sprechen von Sabotage und prüfen terroristische Hintergründe.
Hintergrund der Sicherheitsdebatte
Die Stromnetze gelten seit Jahren als Kern kritischer Infrastruktur. Angriffe wie in Jänschwalde und Bergheim zeigen, wie sehr zentrale Netzknoten, Umspannwerke und Kraftwerke im Fokus möglicher Saboteure stehen. Innenbehörden untersuchen, ob es Verbindungen zwischen den Taten in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gibt und ob politische oder extremistische Motive dahinterstehen. Parallel fordern kommunale Versorger und Netzbetreiber schon länger einen besseren physischen Schutz von Anlagen, etwa durch Zäune, Videoüberwachung und Zugangskontrollen.
Politische Konfliktlinien
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage, wie Leitungen geführt werden, sicherheitspolitische Bedeutung. Scheer verknüpft Erdverkabelung mit nationaler Sicherheit und Landesverteidigung, weil kürzere Stromausfälle etwa Krankenhäuser, Bahnverkehr, digitale Kommunikation und Verteidigungsfähigkeit unmittelbar treffen können. Lenz hält dagegen, dass Erdkabel Umspannwerke und Kraftwerke nicht ersetzen und bei Sabotage schwerer und langsamer zu reparieren wären. Kellner wiederum lenkt den Blick auf den Personaleinsatz der Bundespolizei und kritisiert aus seiner Sicht symbolische Grenzkontrollen, die Personal binden, das für den Schutz kritischer Infrastruktur benötigt würde.
Bedeutung für Verbraucher und Wirtschaft
Für Bürgerinnen und Bürger blieb die Versorgung in den aktuellen Fällen stabil, doch sie machen sichtbar, wie verwundbar das System ist. Längere oder großflächige Ausfälle könnten Alltag und Wirtschaft empfindlich treffen. Die aktuelle Debatte dürfte deshalb nicht nur zu technischen Prüfungen der Netzarchitektur führen, sondern auch zu einer Neubewertung des Schutzes kritischer Infrastruktur – von der Polizeipräsenz über Drohnenerkennung bis hin zu Investitionsentscheidungen bei Leitungsführung und Reservekapazitäten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Ermittlungen nach Angriffen auf Kohlekraftwerk in Brandenburg und Umspannwerk in NRW“ (02.09.2026)
Der Beitrag beschreibt die Angriffe auf das Kohlekraftwerk Jänschwalde und ein Umspannwerk in Nordrhein-Westfalen und ordnet sie als mögliche Sabotage- bzw. Terrorakte ein. Hervorgehoben wird, dass die Polizei in Brandenburg unter anderem wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt und in NRW ein Anfangsverdacht verfassungsfeindlicher Sabotage besteht. Im Vergleich zur dts-Meldung legt der Artikel den Fokus stärker auf die strafrechtliche Einordnung und die Stabilität der Stromversorgung trotz der Vorfälle.
rbb24: „Sabotage an Umspannwerk: Täter wollten mit selbstgebauten Flugkörpern Kurzschlüsse auslösen“ (02.09.2026)
rbb24 schildert detailliert die technischen Hintergründe des Angriffs auf das Umspannwerk bei Jänschwalde. Der Bericht beschreibt die selbstgebauten Flugkörper und erläutert, wie leitfähiges Material in die Leitungen geschossen wurde, um Kurzschlüsse zu verursachen. Im Vordergrund stehen die Ermittlungen, das systematische Vorgehen der Täter und die Einschätzung des Netzbetreibers, dass die Versorgung dank redundanter Leitungen nicht unterbrochen wurde. Die sicherheitspolitische Debatte über Erdverkabelung und Polizeieinsatz wird im Gegensatz zur dts-Meldung kaum thematisiert.
SWR: „Nach Vorfällen in NRW und Brandenburg: Wie gut werden Umspannwerke geschützt?“ (02.09.2026)
Der SWR richtet den Blick auf den praktischen Schutz von Umspannwerken und anderen Netzknoten, ausgehend von den Vorfällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Neben den jüngsten Sabotageakten werden frühere Fälle, etwa ein Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen, als Beispiel für die Verwundbarkeit der Infrastruktur genannt. Im Unterschied zur dts-Meldung konzentriert sich der Artikel stärker auf technische Schutzmaßnahmen und die Zusammenarbeit der Landeskriminalämter, während die parteipolitische Auseinandersetzung über Erdverkabelung und Polizeistrategie nur indirekt eine Rolle spielt.
Gemeinsam ist den Beiträgen, dass sie die Vorfälle als ernsten Angriff auf kritische Infrastruktur einordnen und zugleich betonen, dass die Stromversorgung stabil blieb. Unterschiede zeigen sich in den Schwerpunkten: Während Deutschlandfunk die juristische und sicherheitspolitische Bewertung betont, rbb24 und SWR legen mehr Gewicht auf technische Details und den praktischen Schutz von Umspannwerken. Offen bleibt in allen Berichten die Frage nach Tätern, Motiven und möglichen Zusammenhängen zwischen den Angriffen.
