Merz zieht nach EU-Rat gemischte Bilanz - Schuldenstreit ungelöst
19.06.2026 - 16:37:43 | dts-nachrichtenagentur.deMit Blick auf die Verhandlungen ĂŒber den nĂ€chsten MehrjĂ€hrigen Finanzrahmen (MFR) der EuropĂ€ischen Union machte Merz am Freitag erneut deutlich, dass Deutschland den derzeitigen Vorschlag der EuropĂ€ischen Kommission ablehne. Zwar habe die Bundesregierung ein groĂes Interesse daran, die Verhandlungen bereits 2026 abzuschlieĂen, um Planungssicherheit fĂŒr die Zeit ab 2028 zu schaffen, der aktuelle Entwurf sei jedoch "unbezahlbar und unausgewogen".
Und vor allem: Deutschland lehnt so wie andere Netto-Zahle die Aufnahme von gemeinsamen Schulden strikt ab. Bereits zu Beginn des Treffens hatte der Kanzler eingerĂ€umt, damit in der Minderheit zu sein, erforderlich ist allerdings Einstimmigkeit. Merz forderte die kommende irische RatsprĂ€sidentschaft auf, einen deutlich reduzierten und fĂŒr alle Mitgliedstaaten tragfĂ€higen Vorschlag vorzulegen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gipfels war die wirtschaftliche StĂ€rke Europas. Nach Angaben von Merz besteht unter den Mitgliedstaaten weitgehend Einigkeit darĂŒber, dass die WettbewerbsfĂ€higkeit der EU oberste PrioritĂ€t besitze. Die EuropĂ€ische Kommission werde kĂŒnftig vor jedem EuropĂ€ischen Rat einen "Fortschrittsbericht" vorlegen, um den Stand der Reformen zu ĂŒberprĂŒfen.
Dabei gehe es insbesondere um den Abbau bĂŒrokratischer Belastungen fĂŒr Unternehmen und BĂŒrger. Europa mĂŒsse schneller und effizienter werden, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.
Eng mit der Wettbewerbsdebatte verknĂŒpft sei die Frage globaler wirtschaftlicher Ungleichgewichte. Die Staats- und Regierungschefs hĂ€tten sich darauf verstĂ€ndigt, die EuropĂ€ische Union besser gegen marktverzerrende Praktiken anderer WirtschaftsrĂ€ume zu schĂŒtzen - gemeint war offensichtlich insbesondere China.
Dazu erhielt die EuropĂ€ische Kommission zwei konkrete AuftrĂ€ge: Zum einen solle sie die Interessen der EU selbstbewusst gegenĂŒber Handelspartnern vertreten, zum anderen solle sie bestehende Handelsschutzinstrumente weiterentwickeln und neue Instrumente prĂŒfen.
Besonders kritisch Ă€uĂerte sich Merz zu WĂ€hrungsungleichgewichten. Er verwies auf Staaten und WirtschaftsrĂ€ume, deren WĂ€hrungen gegenĂŒber dem Euro und dem US-Dollar deutlich unterbewertet seien. Solche Verzerrungen beeintrĂ€chtigten den fairen Wettbewerb und schadeten langfristig auch den betroffenen Volkswirtschaften selbst. Der Kanzler brachte internationale GesprĂ€che nach historischem Vorbild ins Spiel und erinnerte an frĂŒhere WĂ€hrungsabkommen wie das Plaza-Abkommen der 1980er Jahre.
GroĂen Raum nahm beim Gipfel erneut die Lage in der Ukraine ein. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj - wieder einmal persönlich nach BrĂŒssel gereist - informierte die europĂ€ischen Staats- und Regierungschefs ausfĂŒhrlich ĂŒber die militĂ€rische Situation. Nach EinschĂ€tzung des Kanzlers habe sich die Lage an der Front in den vergangenen Wochen zugunsten der Ukraine entwickelt.
Merz sprach von einer verĂ€nderten Dynamik in dem Krieg und betonte die Notwendigkeit ernsthafter diplomatischer BemĂŒhungen. Gemeinsam mit Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron und dem ukrainischen PrĂ€sidenten seien bereits Eckpunkte fĂŒr mögliche FriedensgesprĂ€che entwickelt worden. Diese fĂ€nden breite UnterstĂŒtzung unter den europĂ€ischen Partnern.
Beim G7-Gipfel zu Beginn der Woche habe Einigkeit mit US-PrĂ€sident Donald Trump bestanden, die UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine fortzusetzen und gleichzeitig den Druck auf Russland zu erhöhen. Die Botschaft an Moskau sei eindeutig: Russland mĂŒsse nun ernsthafte Verhandlungen aufnehmen. Nach Auffassung des Kanzlers liege die Verantwortung fĂŒr den nĂ€chsten Schritt ausschlieĂlich beim Kreml.
Zugleich betonte der Kanzler, dass derzeit noch nicht entschieden werden mĂŒsse, wer Europa bei möglichen Verhandlungen vertreten werde. ZunĂ€chst mĂŒsse ĂŒberhaupt die Bereitschaft Russlands zu Verhandlungen feststehen. Die EuropĂ€ische Union sei dabei kein neutraler Vermittler, sondern stehe klar auf der Seite der Ukraine.
Optimistisch Ă€uĂerte sich Merz hinsichtlich der Erweiterung der EuropĂ€ischen Union. KĂŒrzlich sei das erste Verhandlungskapitel mit der Republik Moldau eröffnet worden. Nun solle auch die weitere AnnĂ€herung anderer KandidatenlĂ€nder vorangetrieben werden.
Der Kanzler kĂŒndigte an, dass der EuropĂ€ische Rat im Oktober ausfĂŒhrlich ĂŒber die Zukunft der Erweiterungspolitik beraten werde. Dabei werde insbesondere der Westbalkan im Fokus stehen.
Merz warb erneut fĂŒr sein Konzept einer "assoziierten Mitgliedschaft" fĂŒr die Ukraine. Dieses Modell solle dem Land bereits vor einem vollstĂ€ndigen EU-Beitritt eine stĂ€rkere politische Einbindung ermöglichen. Der Kanzler verwies auf historische Vorbilder aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, als Vertreter der ehemaligen DDR zunĂ€chst als Beobachter im EuropĂ€ischen Parlament tĂ€tig gewesen seien.
Eine solche Lösung sei ohne Ănderungen der europĂ€ischen VertrĂ€ge möglich. Gleichzeitig betonte Merz, dass die Ukraine aufgrund des laufenden Krieges derzeit nicht Vollmitglied der EU werden könne.
SchlieĂlich stand auch die Lage im Nahen Osten auf der Agenda der Staats- und Regierungschefs in BrĂŒssel. Die EU begrĂŒĂe die BemĂŒhungen um einen Waffenstillstand und fordere dessen dauerhafte Einhaltung, berichtete Merz aus den Sitzungen.
Der deutsche Kanzler rief die israelische Regierung dazu auf, auf weitere Eskalationen durch den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland zu verzichten. In GesprÀchen mit dem israelischen MinisterprÀsidenten Benjamin Netanjahu habe er diese Position mehrfach deutlich gemacht.
Von möglichen HandelsmaĂnahmen gegen Israel distanzierte sich der Bundeskanzler jedoch. Entsprechende VorschlĂ€ge lehne die Bundesregierung ab.
