Energieverbände fordern besseres Backup-System für Stromnetz nach Angriffen
Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 00:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSNach zwei mutmaßlichen Angriffen auf Energieinfrastruktur in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fordert der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) zusätzliche Ausweich- und Backup-Systeme für das deutsche Stromnetz. Die jüngsten Vorfälle in Jänschwalde und Bergheim verdeutlichten nach Einschätzung des Verbandes die Verwundbarkeit der Energieversorgung.
BEE mahnt mehr Resilienz des Stromsystems an
BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser betonte, dass es keinen vollständigen Schutz vor Angriffen auf Anlagen der Energieversorgung geben könne. In der aktuellen Phase der Energiewende sei es jedoch möglich, Risiken gezielt zu verringern und die Systeme so auszulegen, dass Angriffe früher erkannt werden und ihre Auswirkungen begrenzt bleiben. Viele kleinere, dezentrale Erzeuger könnten dabei ein wichtiger Baustein sein, weil sie die Abhängigkeit von einzelnen großen Standorten reduzieren.
Backup-Systeme und schwarzstartfähige Anlagen
Nach den Vorstellungen des Verbandes braucht das Stromnetz zusätzlich ein sicheres Backup-System, das bei Störungen kurzfristig einspringen und Ausfälle kompensieren kann. Als Beispiele nennt Heinen-Esser Bioenergie- und Wasserkraftanlagen, die schwarzstartfähig sind und nach einem Ausfall ohne externe Stromversorgung schnell und flexibel hochgefahren werden können. Auch Batteriespeicher sollen im Ernstfall kurzfristig einsatzbereit sein und günstigen Strom bereitstellen, um Netzengpässe zu überbrücken und die Versorgung zu stabilisieren.
Forderungen des BDEW nach rechtlichen Anpassungen
Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sieht nach den Vorfällen zusätzlichen Handlungsbedarf beim Schutz kritischer Infrastruktur. Dessen Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung, Kerstin Andreae, plädiert dafür, detaillierte Informationen und Pläne zu sensiblen Anlagen nicht frei zugänglich zu machen. Potenzielle Angreifer sollen möglichst keine präzisen Hinweise auf Aufbau und Verwundbarkeit von Energie- und Wasserinfrastruktur erhalten.
Mehr Überwachung an sensiblen Standorten
Andreae fordert darüber hinaus Anpassungen im Datenschutzrecht, damit auch angrenzende öffentliche Bereiche rund um kritische Einrichtungen rechtssicher per Kamera überwacht werden können. Nach ihrer Auffassung ist eine erweiterte Videoüberwachung ein Baustein, um verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen und potenzielle Angriffe zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Die aktuellen Vorfälle dienen den Verbänden als Anlass, den Schutz des Energiesystems und die rechtlichen Rahmenbedingungen für Betreiber erneut zur Diskussion zu stellen.
Die Forderungen des Bundesverbandes Erneuerbare Energie und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft kommen in einer Phase, in der Angriffe und Sabotageversuche gegen kritische Infrastruktur zunehmend als sicherheitspolitische Herausforderung gelten. Die jüngsten Vorfälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fügen sich in eine Reihe von Ereignissen ein, bei denen Energieanlagen, Umspannwerke oder Leitungen in den Fokus mutmaßlicher Täter geraten sind.
Hintergrund: Kritische Infrastruktur im Fokus
Kritische Infrastrukturen wie Stromnetze, Kraftwerke und Umspannwerke gelten als besonders sensibel, weil Störungen schnell ganze Regionen betreffen können. In den letzten Jahren wurde der Schutz dieser Anlagen deshalb schrittweise verschärft, unter anderem durch strengere Sicherheitsvorgaben, Meldepflichten für Betreiber und eine engere Zusammenarbeit von Energieunternehmen mit Sicherheitsbehörden. Die aktuellen Vorfälle machen jedoch deutlich, dass physische Angriffe, Cyberattacken und hybride Bedrohungen weiterhin ein reales Risiko darstellen.
Bedeutung für Energiewende und Versorgungssicherheit
Im Kontext der deutschen Energiewende gewinnt die Debatte um Resilienz zusätzliche Brisanz. Der Ausbau der erneuerbaren Energien führt zu einer stärker dezentral organisierten Stromerzeugung mit vielen Einspeisepunkten. Das kann die Verwundbarkeit reduzieren, weil sich Ausfälle einzelner Anlagen besser ausgleichen lassen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an flexiblen, schnell verfügbaren Reservekapazitäten, die nach einem Ausfall ohne externe Stromversorgung hochfahren können. Schwarzstartfähige Bioenergie- und Wasserkraftanlagen sowie Batteriespeicher gelten hier als zentrale Bausteine, um das Netz nach Störungen wieder zu stabilisieren und Versorgungsengpässe zu vermeiden.
Ausblick: Gesetzgeberischer und technischer Handlungsbedarf
Die von den Verbänden eingeforderte Anpassung gesetzlicher Rahmenbedingungen zielt darauf, Informationen über kritische Infrastruktur besser zu schützen und Überwachungsmöglichkeiten an sensiblen Standorten rechtssicher zu erweitern. Parallel dazu drängen Energieverbände auf Investitionen in Backup-Systeme, digitale Überwachung und Frühwarnmechanismen, um Angriffe schneller zu erkennen und deren Folgen zu begrenzen. Für Verbraucherinnen und Verbraucher steht letztlich die Frage im Mittelpunkt, ob Stromversorgung auch in Krisensituationen stabil bleibt und wie Politik, Netzbetreiber und Kraftwerksbetreiber Verantwortung und Kosten für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen verteilen.
