Heißer Auftakt: Karl und Nmecha greifen WM-Startplätze an
28.05.2026 - 14:13:31 | dpa.deSchneidige Kommandos, klare Ansprache - Julian Nagelsmann hat kurz vor dem WM-Ernstfall keine Zeit mehr zu verschenken. Und so geriet der Trainingsauftakt im sommerlichen Herzogenaurach nicht zum lockeren Aufgalopp für die Fußball-Nationalspieler um Kapitän Joshua Kimmich.
Nein, es war ein heißer Start mit hoher Intensität, ganz besonders im Kampf um die wenigen noch vakanten Plätze in der Elf, die am 14. Juni in Houston gegen den krassen Außenseiter und WM-Neuling Curaçao torreich loslegen soll.
Der Bundestrainer richtet den Fokus nicht auf das Fernziel Finale, sondern auf die ersten Etappen dahin. Seine «wichtigste Botschaft» beim ersten Team-Meeting war, «dass immer die nächste Aufgabe, der nächste Schritt, das Entscheidende ist». Das heißt, der vorletzte WM-Test am Sonntag (20.45 Uhr/ZDF) in Mainz gegen Finnland.
Und dann sechs Tage später die Turnier-Generalprobe in Chicago gegen WM-Mitgastgeber USA. «Es sind keine Dinge, die in drei, vier Wochen stattfinden», betonte Nagelsmann, «sondern es sind Dinge, die einfach direkt vor einem liegen.»
Torhunger im Training
Bis auf Rückkehrer Manuel Neuer und den noch mit dem FC Arsenal im Champions-League-Finale beschäftigten Stürmer Kai Havertz standen am Donnerstag alle weiteren Kaderspieler auf dem Trainingsplatz. Und es ging energisch und lautstark zur Sache, gerade in den Spielformen auf Tore.
«Jetzt ist es einfach Zeit, dass wir nach vorne schauen, die richtige WM-Stimmung einholen und richtig gut spielen», sagte Sportdirektor Rudi Völler. Die Siegesserie von sieben Länderspielen soll vor dem ersten Gruppenspiel auf neun ausgebaut werden, um maximal selbstbewusst in die XXL-WM mit 48 Nationen starten zu können.
Völlers Hinweis auf Siegesserie
«Aus einer Drucksituation heraus haben wir siebenmal hintereinander gewonnen», erinnerte Völler an die letzte Niederlage im September 2025 in der Slowakei (0:2) zum Auftakt der WM-Qualifikation. «Es waren jetzt nicht Spanien oder Frankreich dabei, aber trotzdem musste man die Spiele erst mal so gewinnen, wie wir sie gewonnen haben», sagte der 66 Jahre alte Völler.
Nagelsmanns Startelf steht in großen Teilen. Die Nummer eins ist wieder der 40 Jahre alte Neuer, auch wenn er wegen seiner Wadenprobleme noch ein individuelles Aufbautraining absolviert und gegen Finnland noch nicht im Tor stehen wird. Davor bilden Kapitän Kimmich, Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck und David Raum die Viererkette. Auch in der Offensive sind drei von vier Plätzen fix an Havertz, Florian Wirtz und den langen verletzten Jamal Musiala vergeben.
Musiala sucht die Dribblings
«Wenn der Jamal mit 70 Prozent spielt, ist er trotzdem noch besser als viele andere auf der Welt, weil er einfach ein außergewöhnlich guter Spieler ist», betonte Nagelsmann noch einmal in Franken. «Mir reicht es auch, wenn er zum ersten Spiel bei 100 Prozent ist.» Beim Trainingsauftakt agierte Musiala auffällig, suchte das Dribbling und bekam ein Nagelsmann-Lob nach einem Tor.
Hart umkämpft sind im Grunde noch drei Positionen. Die zwei zentral im defensiven Mittelfeld - und die rechte Flügelposition. Und da war das erste Training womöglich aufschlussreich. Der Dortmunder Felix Nmecha, auf den Nagelsmann extra lange nach einer Knie-Verletzung aus dem März gewartet hatte, hatte viele auffällige Aktionen, seine Präsenz war herausragend. «Felix ist ein Topspieler, der alles mitbringt, eines Tages auf dieser Position einer der Besten auf der Welt zu werden», sagt Nagelsmann über den 25-Jährigen.
Nmecha rangelt mit dem Bayern-Duo Aleksandar Pavlovic und Leon Goretzka um die Doppelsechs-Besetzung. Stuttgarts Angelo Stiller oder auch Routinier Pascal Groß lauern im Hintergrund. «Wir haben verschiedene Optionen, auch auf verschiedene Situationen im Spiel zu reagieren», sagte Nagelsmann: «Wir werden auf jeden Fall ein sehr gutes Doppelsechs-Pärchen haben und auch sehr gute Herausforderer, die hinten dran sind.»
Generationen-Duell zwischen Sané und Karl
Besondere Brisanz birgt schließlich das Generationen-Duell Leroy Sané (30) gegen Lennart Karl (18). Beide besetzten im Training die rechte Flügelposition, aber Bayern-Youngster Karl in der Reihe mit den gesetzten Zauberern Musiala und Wirtz. Mehr als ein Wink? Ist Karl bereits mehr als ein Joker, wie bei seinen ersten beiden Länderspieleinsätzen gegen die Schweiz (4:3) und Ghana (2:1) im März?
«Es liegt viel daran, wie Lenny sich jetzt präsentiert die nächsten ein, zwei Wochen», hatte Nagelsmann beim Treffpunkt des WM-Kaders in Franken tags zuvor gesagt: «Ich finde, sein Auftreten bei uns war außergewöhnlich gut. Er hat von allen Jungen, die dabei waren, sehr schnell nachhaltige Eindrücke hinterlassen.» Wird Karl zum großen Gewinner der WM-Vorbereitung?
Bei der spektakulären Torwart-Rolle rückwärts von Oliver Baumann, der gegen Finnland noch einmal ran darf, zu Turnier-Veteran Neuer hat der Bundestrainer größtmögliche Flexibilität bewiesen, auch wenn er dabei arg krass von seiner Rollenvergabe abgewichen war. Das könnte auch während der WM immer mal wieder passieren. «Es heißt nicht, dass die Rolle immer gleich bleibt oder auch übers komplette Turnier gleich bleibt», bestätigte Nagelsmann.
Die Elf, die gegen Curaçao die ersten WM-Punkte einfahren soll, muss nicht die sein, die das Turnier im Idealfall am 19. Juli im Finale beendet. «Es ist nicht alles in Stein gemeißelt», sagte Nagelsmann beim heißen Vorbereitungsstart.
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