Rekord-Spritpreise: Diesel und Benzin erreichen historische Höchststände in Deutschland
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 13:54 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDiesel ist in Deutschland erstmals so teuer wie nie zuvor und hat den bisherigen Rekord aus dem April übertroffen.
Diesel und Benzin erreichen neue Rekordstände
Nach Angaben des ADAC kostete ein Liter Diesel am Mittwoch im bundesweiten Tagesschnitt 2,453 Euro und lag damit 0,6 Cent über dem bisherigen Höchstwert. Benzin der Sorte E10 befindet sich bereits seit Tagen auf Rekordniveau und erreichte am selben Tag sein fünftes Hoch in Folge bei 2,314 Euro je Liter. Allein im Vergleich zum Dienstag verteuerte sich Diesel um 3,1 Cent, E10 legte um 1,4 Cent zu.
Seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar sind die Spritpreise außergewöhnlich hoch und haben sich mit neuen Eskalationen am Persischen Golf sowie Sorgen um die Ölversorgung weiter zugespitzt. Diesel liegt derzeit knapp 71 Cent über dem Niveau des letzten Tages vor Kriegsausbruch, E10 ist um knapp 54 Cent teurer. Inflationsbereinigt waren Kraftstoffe zwar schon früher teurer, die aktuelle Belastung ist dennoch erheblich.
Streit um staatliche Entlastungen
Die Preisrekorde haben eine neue politische Debatte über Hilfen ausgelöst. Aus Union und SPD kommen unterschiedliche Vorschläge, während über konkrete Maßnahmen noch gestritten wird. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat angesichts der hohen Spritpreise Entlastungen angekündigt, Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) drängt auf eine schnelle Entscheidung. Ziel sei es, die Preise zu senken und insbesondere Pendlerinnen und Pendler zu entlasten.
Diskutiert werden eine Senkung der Mehrwertsteuer oder des CO2-Aufschlags, ein staatlicher Preisdeckel, Direktauszahlungen mit und ohne Einkommensbezug sowie eine Übergewinnsteuer. Wirtschaftswissenschaftler sehen viele dieser Instrumente kritisch und warnen vor unerwünschten Nebenwirkungen.
Experten plädieren für gezielte Hilfen
Auf einer Pressekonferenz der von Wissenschaftsakademien initiierten Energie-Initiative ESYS betonten Fachleute, es gebe keine einfache Lösung. Martin Wietschel vom Fraunhofer ISI in Karlsruhe hob hervor, Hilfen sollten idealerweise nicht direkt die Preise senken, damit der dämpfende Effekt auf den Verbrauch erhalten bleibe. Unterstützungsleistungen müssten vielmehr gezielt an besonders verletzliche Gruppen gehen und auf eine langfristige Veränderung der Nachfrage ausgelegt sein.
Vor diesem Hintergrund erscheint aus Sicht der Ökonomen eine Direktauszahlung am ehesten geeignet. Kritisch sehen sie jedoch, dass ein Mechanismus dafür weiterhin fehlt. Karin Pittel vom Ifo sowie Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum bemängeln, dass die technische Umsetzung noch nicht stehe. Pittel zufolge könne es wirtschaftlich sinnvoll sein, mit einer Auszahlung einige Monate zu warten, während Löschel betont, aus ökonomischer Sicht sei es angebracht, politisch nicht übereilt zu handeln.
Vorbehalte gegen Steuersenkungen und Preisdeckel
Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest äußerte sich skeptisch gegenüber pauschalen Preissenkungen, Übergewinnsteuern und staatlichen Preisdeckeln. Er verweist auf mögliche Fehlanreize und die Gefahr, dass notwendige Marktreaktionen ausgebremst werden. Dennoch steht der politische Druck hoch, kurzfristig wirksame Maßnahmen zu finden, ohne die längerfristigen Ziele zu gefährden.
Einen Vorschlag für eine Senkung der Mehrwertsteuer hatte zuletzt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU gemacht. Dieser stößt bei Branchenverbänden jedoch auf Widerspruch: Bauernverband und der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) kritisieren, dass die Mehrwertsteuer für Betriebe ein durchlaufender Posten sei und ihnen direkt wenig helfe.
Transportgewerbe und Fischerei schlagen Alarm
Der BGL fordert in einem offenen Brief an Bundeskanzler Merz staatliche Entlastungen für das mittelständische Transportgewerbe. Nach Verbandsangaben bedeuten die aktuellen Dieselpreise bei einer Flotte von 50 Lastwagen zusätzliche Kosten von mehr als einer Million Euro pro Jahr. Viele Betriebe könnten diese Belastung kaum noch alleine tragen.
Auch die deutsche Fischerei leidet unter den hohen Energiekosten. Besonders der Preis für Marinegasöl sorgt dafür, dass Kutter im Hafen bleiben, weil sich Fahrten wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Ein Sprecher des Deutschen Fischerei-Verbandes bezeichnet die vom Landwirtschaftsministerium angekündigten Hilfen als «Tropfen auf den heißen Stein».
Hohe Preise trotz moderater Rohölnotierungen
Während die Kraftstoffpreise neue Höhen erreichen, gibt der Rohölpreis derzeit nicht im gleichen Maß nach oben. Am Mittwoch verbilligte sich Brent-Rohöl, nachdem Hinweise auf eine Wiederinbetriebnahme einer wichtigen Ölpipeline in Saudi-Arabien bekannt wurden. Der Rohölpreis ist zwar der wichtigste Faktor für Veränderungen an der Zapfsäule, daneben spielen aber Transport- und Raffineriekapazitäten eine Rolle.
Diesel gilt als besonders krisenanfälliger Kraftstoff und kostet aktuell trotz niedrigerer Steuerlast mehr als Benzin. Der ADAC verweist darauf, dass sich die extremen Spritpreise nicht allein mit Rohölnotierungen erklären lassen. Engpässe in der Verarbeitung und regionale Unterschiede wirken zusätzlich preistreibend.
Große regionale Unterschiede und tägliche Preissprünge
Die Preise an den Tankstellen schwanken weiterhin stark nach Region, Anbieter und Tageszeit. Nach dem üblichen Preissprung um die Mittagszeit sind Kraftstoffe häufig mehr als 20 Cent teurer als kurz zuvor. Am Nachmittag fallen die Preise meist wieder deutlich, ehe sie am späten Vormittag des nächsten Tages ihr Tagestief erreichen.
Entsprechend ergeben sich große Spannbreiten: Superbenzin E10 war am Donnerstagvormittag an besonders günstigen Tankstellen noch für unter 2,20 Euro je Liter zu bekommen, während an Autobahntankstellen für Premiumsorten kurz nach dem Mittagssprung teils mehr als 3 Euro pro Liter verlangt wurden. Für Verbraucher lohnt es sich daher, Tankzeiten und Standorte genau zu wählen.
Rasanter Anstieg belastet Haushalte und Unternehmen
Die neuen Rekordpreise bei Diesel und Benzin treffen private Haushalte, Pendler und viele Unternehmen in einer Phase ohnehin hoher Lebenshaltungskosten. Besonders betroffen sind Berufsgruppen mit hohem Fahrleistungsbedarf wie Spediteure, Landwirte und Fischerei, die die Kosten nur begrenzt weitergeben können. Für viele Haushalte steigt der Druck, Ausgaben zu kürzen oder Fahrten zu reduzieren, während Betriebe unter Margenverfall und erhöhter Insolvenzgefahr leiden.
Politische Debatte zwischen Entlastung und Sparanreizen
Parallel zur Preisentwicklung hat sich eine politische Kontroverse über den richtigen Kurs verfestigt. Teile der Regierung und Opposition drängen auf schnelle Entlastungen etwa über Steuersenkungen oder Preisdeckel, um den unmittelbaren finanziellen Druck zu verringern. Wirtschaftswissenschaftler mahnen hingegen, dass zu starke Eingriffe in die Preisbildung den notwendigen Sparanreiz schwächen und langfristige Effekte auf Nachfrage und Klimaschutz ignorieren könnten. Sie plädieren für gezielte Unterstützung besonders betroffener Gruppen und für Instrumente, die auch künftig genutzt werden können.
Langfristige Strukturfragen und Bedeutung für Leser
Für Leserinnen und Leser zeigt sich, dass die aktuelle Preisspitze nicht nur ein kurzfristiges Marktphänomen ist, sondern strukturelle Fragen berührt: die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, die Verwundbarkeit durch geopolitische Konflikte und die fehlende soziale Flankierung der Energie- und Klimapolitik. Wer viel fährt, steht vor der Abwägung zwischen Verhaltensanpassungen, technischer Umrüstung und der Hoffnung auf staatliche Hilfen. Für Politik und Wirtschaft entsteht zugleich Druck, verlässliche Entlastungsmechanismen zu etablieren, ohne die notwendige Transformation des Verkehrssektors auszubremsen.
