Russland-Ukraine-Konflikt, Sicherheitslage Deutschland

Russland-Experte sieht mutmaßliche Anschläge als „Form von Krieg“ gegen Europa

Veröffentlicht am: 02.09.2026 um 11:17 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Der Russland-Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sieht in den jüngsten mutmaßlichen Angriffen auf Ziele in Deutschland eine neue Eskalationsstufe russischer Aktivitäten. Er spricht von einer "Form von Krieg" und fordert abgestimmte Reaktionen von EU und Nato.

Russland-Experte: Drohnen-Anschlag eine Form von Krieg
Kreml (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der Russland-Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht in den jüngsten mutmaßlichen Angriffen auf Deutschland ein deutliches Zeichen, dass Russland sich bereits im Krieg gegen Europa wähnt. Moskau habe nach seiner Einschätzung "keine roten Linien mehr" und sei bereit, gezielt Menschen zu töten, um die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen, sagte Meister der "Rheinischen Post".

Angriffe auf Rüstungsmanager als gezielte Eskalation

Meister zufolge waren die Anschläge auf Manager von Rüstungsunternehmen geplant und zielgerichtet. Es handele sich seiner Ansicht nach nicht mehr um eine bloß hybride Attacke, sondern um eine "Form von Krieg" gegen Europa und Deutschland. Der Experte, der das Zentrum für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der DGAP leitet, bewertet die Vorgehensweise Russlands als bewusste Eskalation, die weit über verdeckte Einflussnahme hinausgeht.

Die Angriffe richten sich demnach gegen Personen und Strukturen, die im Zusammenhang mit der militärischen Unterstützung der Ukraine stehen. Ziel sei es, zentrale Akteure der Rüstungsindustrie einzuschüchtern und damit die Bereitschaft zur weiteren Unterstützung Kiews zu untergraben. Meister warnt davor, diese Taten als isolierte Ereignisse zu betrachten, und sieht sie eingebettet in ein breiteres Muster russischer Aktivitäten gegen westliche Staaten.

Forderung nach abgestimmter Reaktion von EU und Nato

Angesichts der Entwicklung fordert Meister mehr gemeinsame Reaktionen im Rahmen der Europäischen Union und der Nato. Nur ein abgestimmtes Vorgehen könne aus seiner Sicht weitere Eskalationen verhindern und eine abschreckende Wirkung entfalten. Als mögliche nächste Stufe nennt er den Rückgriff auf Artikel 4 des Nato-Vertrags, der Konsultationen der Bündnispartner vorsieht, wenn die Sicherheit eines Mitgliedstaats bedroht ist.

Meister betont, dass Russland inzwischen alles angreife, was zur Verunsicherung beitrage und das Funktionieren Deutschlands schwäche. Die Bandbreite möglicher Ziele reiche von Personen über Unternehmen bis hin zu kritischen Infrastrukturen. Eine koordinierte Reaktion der Verbündeten sei daher nicht nur ein Zeichen der Solidarität, sondern auch eine notwendige Voraussetzung, um weitere Angriffe zu verhindern.

Zusammenhang mit Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt

Der Russland-Experte stellt das Vorgehen Moskaus zudem in einen direkten Zusammenhang mit den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Russland habe nach seinen Worten ein Interesse daran, dass die AfD an die Macht komme, weil dies die deutsche Politik und Gesellschaft weiter spalten würde. Die mutmaßlichen Anschläge und sonstige Einflussversuche zielten daher auch auf eine Verunsicherung in der Bevölkerung.

Meister sieht darin eine doppelte Zielsetzung: Zum einen solle das Vertrauen in staatliche Institutionen und die innere Sicherheit untergraben werden, zum anderen solle die Unterstützung für die Ukraine in Gesellschaft und Politik geschwächt werden. Die aktuellen Vorfälle versteht er als Teil einer umfassenden Strategie Russlands, mit Druck und Gewalt auf europäische Entscheidungsträger und Wähler einzuwirken.

Die Aussagen von Stefan Meister fügen sich in eine Reihe von Warnungen, wonach Russland seine Aktivitäten gegen europäische Staaten weit über klassische Spionage hinaus ausweitet. Gemeint sind Sabotageakte, Drohnenoperationen, Cyberangriffe und gezielte Einschüchterungsversuche gegen Personen und Infrastruktur, die für die Unterstützung der Ukraine wichtig sind. In der sicherheitspolitischen Debatte wird dafür häufig der Begriff "hybride Kriegsführung" verwendet, den Meister mit Blick auf konkrete Anschlagsversuche inzwischen überschritten sieht.

Gezielte Einschüchterung und Signal an Unterstützerstaaten

Der Verweis auf Anschläge auf Manager von Rüstungsunternehmen zeigt, dass sich solche Aktionen gezielt gegen Personen richten, die in Produktionsketten für Waffen und Ausrüstung für die Ukraine eine Rolle spielen. Damit soll nicht nur die unmittelbare Handlungsfähigkeit der betroffenen Unternehmen geschwächt werden, sondern auch ein Klima der Unsicherheit in Politik und Wirtschaft erzeugt werden. Meister deutet dies als Teil einer strategischen Botschaft Moskaus: Wer die Ukraine unterstützt, muss mit direkten Angriffen auf eigenes Territorium und eigene Verantwortungsträger rechnen.

Die Forderung nach stärker koordinierten Reaktionen im EU- und Nato-Rahmen ordnet sich in laufende Diskussionen über gemeinsame Schutz- und Abwehrmaßnahmen ein. Dazu zählen etwa engere Geheimdienstkooperation, verbesserter Schutz kritischer Infrastruktur sowie abgestimmte diplomatische und wirtschaftliche Reaktionen auf nachweisbare Anschläge. Die Erwähnung von Artikel 4 des Nato-Vertrags – Konsultationen der Alliierten bei Gefährdung ihrer Sicherheit – macht deutlich, dass solche Vorfälle nicht als reine Strafrechtsfälle, sondern als sicherheitspolitische Ereignisse mit Bündnisdimension verstanden werden.

Innenpolitische Dimension und Wahlbezug

Besonders heikel ist Meisters Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den mutmaßlichen Anschlägen und den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Aus seiner Sicht versucht Moskau, über Verunsicherung und Polarisierung Einfluss auf das Wahlverhalten zu nehmen, um politische Kräfte zu stärken, die eher auf Distanz zur Ukraine-Unterstützung setzen. Die gezielte Verbindung zwischen externer Einflussnahme und innerdeutscher Politik macht deutlich, dass die Vorfälle nicht nur als außen- und sicherheitspolitische Herausforderung zu sehen sind, sondern auch als Angriff auf die Stabilität und Integrität demokratischer Prozesse.

Für die Bevölkerung bedeutet dies, dass physische Anschläge, Desinformationskampagnen und politische Spaltungsversuche als Teile einer umfassenden Strategie verstanden werden müssen. Meisters Einschätzung unterstreicht, dass es nicht nur um den Schutz von Infrastruktur und Unternehmen geht, sondern auch um die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegen Einschüchterung und Manipulation. Politische Entscheidungsträger stehen damit vor der Aufgabe, Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen, ohne die demokratische Offenheit und die Transparenz im Umgang mit solchen Bedrohungen zu gefährden.

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