Sachsen-Anhalt: SPD lotet Regierung ohne AfD in Magdeburg aus
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 18:20 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die SPD in Sachsen-Anhalt will nach der Landtagswahl Gespräche mit CDU, Grünen, Linken und BSW über die Bildung einer stabilen Landesregierung führen.
Gespräch in Magdeburg geplant
Die SPD-Landeschefs Juliane Kleemann und Andreas Schmidt luden die vier Parteien für Dienstag zu einem Austausch in Magdeburg ein. Sie erklärten, man stehe in der Verantwortung, die bestehenden Möglichkeiten für eine handlungsfähige Regierung ernsthaft auszuloten.
Grüne und Linke nahmen das Angebot an. Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz begrüßte die Initiative. Ministerpräsident und Noch-CDU-Landeschef Sven Schulze will die Einladung mit dem geschäftsführenden Landesvorstand beraten.
BSW begrüßt Vorschlag, kritisiert Einladung
BSW-Fraktionschef Thomas Schulze erklärte, seine Partei freue sich, dass der Vorschlag eines überparteilichen Ministerpräsidenten aufgegriffen werde. Zugleich kritisierte er, dass die stärkste Fraktion im Landtag nicht zu den Gesprächen eingeladen worden sei.
Ein geeigneter Kandidat müsse die politischen Gräben überbrücken und auch mit Stimmen der AfD gewählt werden, sagte Schulze. Für Gespräche über demokratische Parlamentsarbeit stehe das BSW zur Verfügung.
AfD fehlen drei Mandate zur Mehrheit
Die AfD gewann die Landtagswahl vor zweieinhalb Wochen klar und stellt 39 der 83 Abgeordneten. Für eine Mehrheit sind 42 Stimmen erforderlich. CDU, Linke, Grüne und SPD kommen zusammen ebenfalls auf 39 Sitze, das BSW verfügt über fünf Mandate.
Als einzige Partei nahm das BSW bislang das Gesprächsangebot der AfD zur Zukunft des Landes an. Beide Parteien loten aus, ob eine inhaltliche Zusammenarbeit möglich ist. Eine Koalition mit der AfD lehnt das BSW jedoch ab; im Gespräch sind eine AfD-geführte Minderheitsregierung und wechselnde Mehrheiten.
Regierungsbildung bleibt offen
Die SPD erklärte, weiterhin sei offen, auf welcher politischen Grundlage und mit welcher Mehrheit eine neue Landesregierung gebildet werden könne. Besonders der Vorschlag eines überparteilichen Ministerpräsidenten solle nun gemeinsam geprüft werden.
Ein enges Kräfteverhältnis
Die Gespräche der SPD eröffnen neben einer möglichen Zusammenarbeit von AfD und BSW ein weiteres Szenario: CDU, SPD, Grüne und Linke verfügen zusammen ebenfalls über 39 der 83 Sitze. Für eine absolute Mehrheit sind 42 Stimmen erforderlich. Das BSW mit fünf Mandaten kann damit bei zentralen Abstimmungen zum Mehrheitsbeschaffer werden.
Politisch bleibt der Spielraum jedoch begrenzt. Das BSW lehnt eine Koalition mit der AfD ab, will aber über Sachthemen verhandeln und einen überparteilichen Ministerpräsidenten ermöglichen. CDU, SPD, Grüne und Linke stehen zugleich vor der Frage, ob sie eine gemeinsame Lösung tragen könnten, obwohl sie programmatisch weit auseinanderliegen und die AfD als stärkste Fraktion nicht beteiligt wäre.
Mehrheiten über die Landespolitik hinaus
Die Wahl hat die Kräfteverhältnisse im Land deutlich verschoben. Die AfD erreichte 43,8 Prozent und 39 Sitze, während die CDU auf 17,2 Prozent und die SPD auf 9,3 Prozent kamen. Der neue Landtag soll am 6. Oktober zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten; die Wahl des Ministerpräsidenten könnte später erfolgen.
Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet die offene Regierungsbildung vor allem eine verlängerte politische Unsicherheit. Haushaltsentscheidungen, Investitionen und Vorhaben in Bildung, Pflege, Polizei und Infrastruktur benötigen verlässliche Mehrheiten. Zugleich könnte Sachsen-Anhalt zum Beispiel dafür werden, wie Parlamente mit einer starken AfD-Fraktion, einer ablehnenden Mehrheit der übrigen Parteien und einer kleinen, politisch eigenständigen BSW-Fraktion umgehen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
DER SPIEGEL: „Regierungsbildung in Magdeburg: BSW sieht AfD in Sachsen-Anhalt noch unentschlossen“ (23.09.2026)
Der Bericht schreibe, das BSW wolle mit der AfD über Inhalte verhandeln, eine Koalition aber ausschließen. Er hebe zusätzlich hervor, das BSW wolle sich bei der Ministerpräsidentenwahl enthalten und unterstütze den AfD-Kandidaten für das Landtagspräsidium; offen bleibe, ob daraus eine tragfähige Regierungsmehrheit entstehe.
n-tv: „BSW-Chef von Sachsen-Anhalt: "AfD weiß nicht, was sie möchte"“ (23.09.2026)
Der Artikel berichte ebenfalls über die Gespräche zwischen AfD und BSW und stelle die Einschätzung des BSW-Landesvorsitzenden heraus, die AfD habe ihren politischen Kurs noch nicht abschließend geklärt. Anders als der dpa-Anlass lege n-tv den Schwerpunkt auf mögliche Sachkooperationen und die Frage, ob eine AfD-geführte Minderheitsregierung punktuell unterstützt werden könne.
Beide Berichte bestätigten die getrennten Gesprächsstränge von AfD und BSW sowie die Ablehnung einer formalen Koalition durch das BSW. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: Während der SPIEGEL die Mehrheits- und Personalfragen betone, konzentriere sich n-tv stärker auf die inhaltlichen Konfliktlinien.
