«Katastrophale Zahlen» zu antisemitischen VorfÀllen
25.06.2024 - 15:08:41 | dpa.de
Ein Mann mit Kippa, der in Göttingen mit den Worten angefeindet wird: «Ich reiĂe dir deine kleine MĂŒtze vom Kopf.» Einer, der die Nachbarin bittet, ihr Auto umzuparken und darauf hört: «Verpiss dich, du dreckiger Jude.»
Eine Israelin, die das WG-Zimmer in Köln nicht bekommt, weil sie sich nicht von Israel distanzieren will. Das sind drei von 4782 antisemitischen VorfĂ€llen, die der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Rias fĂŒr 2023 dokumentiert.
Es sind so viele wie nie zuvor, rund 83 Prozent mehr als im Jahr davor. Vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober ist der Anstieg sprunghaft: Allein 2787 VorfÀlle geschahen von da an bis zum Jahresende. Es seien «absolut katastrophale Zahlen», sagte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, bei der Vorstellung.
Bundesregierung will Lage nicht hinnehmen
«JĂŒdisches Leben ist hier in Deutschland so stark bedroht wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland», ist Kleins EinschĂ€tzung der Lage. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dies einzudĂ€mmen und die Sicherheit jĂŒdischer Menschen robust zu gewĂ€hrleisten. Dazu forderte er zusĂ€tzliche strafrechtliche MaĂnahmen. Das Verbrennen von Flaggen anderer Staaten sei bereits strafbar, das mĂŒsse auch fĂŒr den Aufruf zur Vernichtung anderer Staaten gelten.
Die Bundesregierung werde die Lage nicht hinnehmen, sagte Klein und Ă€uĂerte zugleich eine Vision, die heute wie eine Utopie klingt: «Wir werden im Kampf gegen Judenhass auch weiterhin nicht ruhen, bis ein Rias-Jahresbericht erscheinen kann, in dem kaum oder gar keine antisemitischen VorfĂ€lle mehr zu verzeichnen sind.»
Meldestellen in elf BundeslÀndern
Rias unterhÀlt ein Netzwerk von Stellen in elf BundeslÀndern, bei denen Betroffene oder Zeugen VorfÀlle melden können. Darunter sind Angriffe und Bedrohung, aber auch Anfeindungen, die nicht immer strafrechtlich verfolgt werden. Die Zahlen unterscheiden sich also von der offiziellen KriminalitÀtsstatistik.
2023 waren es sieben VorfĂ€lle extremer Gewalt, fĂŒnf davon nach dem 7. Oktober. Dazu zĂ€hlen der versuchte Brandanschlag auf eine Synagoge in Berlin sowie BrandanschlĂ€ge auf das Haus einer Familie im Ruhrgebiet. Hinzu kamen 121 Angriffe, 329 gezielte SachbeschĂ€digungen, 183 Bedrohungen.
Ein GefĂŒhl der Beklemmung
Der allergröĂte Teil der VorfĂ€lle, insgesamt 4060, betraf indes «verletzendes Verhalten». Dazu zĂ€hlt Rias auch 833 Versammlungen, bei denen antisemitische Parolen, Transparente oder RedebeitrĂ€ge dokumentiert wurden. Insgesamt sei erstmals die Mehrzahl der dokumentierten FĂ€lle antiisraelischer Antisemitismus, sagte Bianca Loy, Ko-Autorin des Berichts.
Die Folge ist fĂŒr JĂŒdinnen und Juden Angst, Beklemmung, das GefĂŒhl der Isolation. Nach einer Umfrage des Zentralrats der Juden nehmen viele weniger oft am Gemeindeleben teil, sie fĂŒhlen sich unsicher auf StraĂen oder in der Bahn, sie lassen ihre Kinder aus SicherheitsgrĂŒnden nicht auf bestimmte Veranstaltungen. All diese Erfahrungen blieben, sagte Rias-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Benjamin Steinitz. Sollte der Gazakrieg enden, falle vielleicht die «Gelegenheitsstruktur» weg, doch nicht diese Einstellungen. «Es ist wirklich an der Zeit, dass alle, wir alle, die gesamte Gesellschaft sozusagen, dieses Problem annehmen und uns dagegen stellen.»Â
Und was ist mit der Muslimfeindlichkeit?
Aber die israelische Regierung unter MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu, sei deren Politik nicht auch fĂŒr den Anstieg der VorfĂ€lle in Deutschland mitverantwortlich, wurde Klein in der Pressekonferenz zur Vorstellung der Rias-Zahlen gefragt. Und ĂŒberhaupt, was sei denn mit den Anfeindungen gegen Muslime in Deutschland? Erst am Montag hatte die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit von einer Zunahme antimuslimischer VorfĂ€lle berichtet und 1926 solcher VorfĂ€lle fĂŒr 2023 dokumentiert.
Heute kam dann noch eine andere Statistik: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldet mit 10 772 Beratungsanfragen ebenfalls einen Höchststand. Darunter können auch Erfahrungen von Antisemitismus sein, aber auch von Rassismus oder anderen FĂ€llen von Diskriminierung. Rassismus Ă€uĂere sich offener, direkter und hĂ€rter, sagte die Bundesbeauftragte Ferda Ataman. «Eine «AuslĂ€nder-Raus»-Stimmung und zunehmende Menschenverachtung beobachten wir nicht nur beim Feiern auf Sylt oder auf Volksfesten.» Migranten, Menschen mit Behinderung und queere Menschen erlebten sie ganz konkret in ihrem Alltag.
«Wir mĂŒssen Allianzen bilden»
Ausgrenzungen gegen Juden und gegen andere Minderheiten, gehört das alles zusammen in dieser aufgewĂŒhlten Gesellschaft? Oder wird hier etwas unzulĂ€ssig vermengt oder gar relativiert in einem Land, das historisch vor allem den millionenfachen Mord an Juden zu verantworten hat?
Klein beantwortete die an ihn gerichtete Frage so: «Es ist natĂŒrlich auch nicht hinnehmbar, wenn antimuslimischer Rassismus auftritt, die Zahlen sind auch nach oben gegangen. Das Schlechteste, was passieren könnte, ist, dass der Kampf gegen die eine Diskriminierungsform nun ausgespielt wĂŒrde gegen die anderen. Wir mĂŒssen Allianzen bilden, und ich bin sehr froh, dass das innerhalb der Bundesregierung gut gelingt.»
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.
