ClankriminalitÀt in Berlin nimmt zu - Staat hÀlt dagegen
12.08.2023 - 20:59:44 | dpa.de
GeldwĂ€sche, Warenbetrug, Raub, Diebstahl, Bedrohung: Sage und schreibe 43 Strafverfahren hat die Berliner Polizei binnen eines Jahres gegen ein 22-jĂ€hriges Clan-Mitglied eingeleitet. Damit sicherte sich der VerdĂ€chtige den unrĂŒhmlichen Spitzenplatz im Lagebild ClankriminalitĂ€t 2022, das die Berliner Innenverwaltung veröffentlichte.
Demnach registrierten Ermittler im vergangenen Jahr 872 Straftaten im Zusammenhang mit vielfach organisierter KriminalitĂ€t, die von - oft arabischstĂ€mmigen - GroĂfamilien ausgeht. Das sind 23 FĂ€lle mehr als 2021.
Die Liste ist lang und facettenreich. Betrug (125), Straftaten im Verkehr (122) und Rohheitsdelikte (120) fĂŒhren sie an, es folgen DrogenverstöĂe (86) Diebstahl/Unterschlagung (65), Bedrohung auch mit Waffen (56), Raub (43) und GeldwĂ€sche (42). Unter den registrierten FĂ€llen sind drei Tötungsdelikte. Hinzu kommen 89 Ordnungswidrigkeiten wie zu schnelles Fahren oder VerstöĂe gegen das Waffengesetz.
Berlin als Hotspot der ClankriminalitÀt
Berlin gilt bundesweit als ein Hotspot der ClankriminalitĂ€t. Als kriminell gelten dabei laut Lagebild, ĂŒber das zuerst «Welt am Sonntag», RBB und «Tagesspiegel» berichtet hatten, keineswegs alle Clanmitglieder. Es gehe vielmehr um diejenigen mit «delinquentem Verhalten», die eigene Normen und Werte ĂŒber die in Deutschland geltende Rechtsordnung stellten. Zu den Straftaten aus diesem Kreis wurden im Vorjahr 303 VerdĂ€chtige ermittelt (2021: 295). Insgesamt werden dem Milieu der Berliner ClankriminalitĂ€t laut Innenverwaltung 582 Menschen zugerechnet (Stand 31. Dezember 2022).
Knapp die HĂ€lfte davon - 47,7 Prozent - sind deutsche StaatsbĂŒrger. Etwa ein Viertel werden in der Statistik als libanesisch (14,95 Prozent) oder deutsch-libanesisch (8,9 Prozent) gefĂŒhrt. Bei 18,7 Prozent ist die StaatsbĂŒrgerschaft unklar. DarĂŒber hinaus ordnen die Berliner Ermittler unter anderem noch tĂŒrkische (4,8 Prozent) oder deutsch-tĂŒrkische Staatsangehörige (1,7 Prozent) oder Syrer (2,1 Prozent) der ClankriminalitĂ€t zu.
Die Straftaten von Clanmitgliedern hatten 2022 etwa 0,2 Prozent Anteil an der gesamten KriminalitĂ€t in Berlin, das gilt auch fĂŒr die Zahl der TatverdĂ€chtigen. Dennoch gehen die Behörden spĂ€testens seit 2018 verstĂ€rkt und koordiniert gegen diese Gruppen vor. Ein Auslöser dĂŒrfte der spektakulĂ€re Raub einer 100 Kilogramm schweren GoldmĂŒnze 2017 aus dem Bode-Museum gewesen sein, an dem Mitglieder einer arabischstĂ€mmigen GroĂfamilie nach Ăberzeugung von Gerichten beteiligt waren.
Haftstrafen im Milieu hÀufig als «Auszeichnung» betrachtet
Ein wichtiger Punkt des seinerzeit beschlossenen Aktionsplans ist die Abschöpfung von Clan-Vermögenswerten, die mutmaĂlich aus Straftaten stammen. Denn das trifft sie hĂ€rter als Haftstrafen, die im Milieu hĂ€ufig sogar als «Auszeichnung» betrachtet werden, wie Ermittler berichten. In diesem Zusammenhang gab es laut Lagebild 2022 in Berlin 160 polizeiliche Kontrollen - also durchschnittlich jeden zweiten Tag. Bei diesen teils gemeinsam mit OrdnungsĂ€mtern, Bezirken, Zoll- und Finanzbehörden durchgefĂŒhrten EinsĂ€tzen wurden 606 Objekte kontrolliert und 36 davon geschlossen.
Zum den beschlagnahmten Beweismitteln gehörten mehr als 52.000 Euro mutmaĂliches Drogengeld, 11.203 unversteuerte Zigaretten, rund 209 Kilogramm Wasserpfeifentabak und 633 Verkaufseinheiten BetĂ€ubungsmittel. Hinzu kamen 34 Autos, 82 Spielautomaten sowie 47 Waffen beziehungsweise gefĂ€hrliche GegenstĂ€nde.
Innensenatorin Spranger kĂŒndigt konsequentes Vorgehen an
Berlins Innensenatorin Iris Spranger kĂŒndigte vor diesem Hintergrund weiteres konsequentes Vorgehen gegen kriminelle Clans an. «Es gilt, diese abgeschotteten Strukturen, die unser Rechtssystem ablehnen und versuchen, sich unserer Rechtsordnung zu entziehen, aufzubrechen und letztlich aufzulösen», erklĂ€rte sie am Samstag. Gleichzeitig forderte die SPD-Politikerin, die derzeit den Vorsitz der Innenministerkonferenz innehat, NachschĂ€rfungen bei Gesetzen. Denn bei der Vermögensabschöpfung stoĂe der Staat noch an Grenzen.
«Auch, wenn es eine Erleichterung in der BeweisfĂŒhrung fĂŒr die Vermögensabschöpfung gab, wĂŒrde eine tatsĂ€chliche Beweislastumkehr, wie zum Beispiel im Kampf gegen die Mafia in Italien, unseren Kampf gegen das PhĂ€nomen ClankriminalitĂ€t noch stĂ€rken», so Spranger. Soll heiĂen: Ein VerdĂ€chtiger ohne EinkĂŒnfte und Vermögen mĂŒsste selbst nachweisen, woher er Geld fĂŒr den Kauf einer Millionen-Villa oder eines Luxus-Autos hat.
Positive Reaktionen auf Vorschlag Sprangers
Das Bundesinnenministerium wolle den Vorschlag Sprangers prĂŒfen und beraten, kĂŒndigte ein Ministeriumssprecher im «Tagesspiegel» an. Dies werde vor dem Hintergrund der eigenen Strategie zur BekĂ€mpfung der organisierten KriminalitĂ€t geschehen. Diese enthalte «bereits mehrere Punkte, um Immobilienbesitz transparenter zu machen und illegal erworbene Vermögenswerte effektiver erkennen zu können».
Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) reagierte positiv auf den VorstoĂ Sprangers. «Wir mĂŒssen an das groĂe Geld herankommen und deshalb alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen», sagte er dem «Tagesspiegel». «Ich schlieĂe auch eine Beweislastumkehr nicht aus, wenn wir hier nicht weiterkommen.»
Unterdessen verteidigte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) ihre selbst in der eigenen Partei umstrittenen PlĂ€ne zur leichteren Abschiebung krimineller Clan-Angehöriger. «Wir mĂŒssen den Kampf gegen organisierte KriminalitĂ€t konsequent fĂŒhren. ClankriminalitĂ€t ist ein Teil davon. Der Rechtsstaat muss hier ZĂ€hne zeigen», sagte sie der «Rheinischen Post». Dazu gehöre die schnellere Ausweisung von Kriminellen ohne deutschen Pass. «Es geht dabei um kriminelles Handeln, nicht um VerwandtschaftsverhĂ€ltnisse», fĂŒgte Faeser hinzu. «Der Familienname sagt nichts darĂŒber, ob jemand kriminell ist.»
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