SPD, Bundesregierung

SPD-Regierungsbeteiligung: Özdemir stellt Fortbestand nach Wahlen infrage

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 06:57 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

SPD-Bundestagsabgeordneter Mahmut Özdemir stellt nach den jüngsten Landtagswahlen den Verbleib seiner Partei in der Bundesregierung offen zur Debatte und fordert mehr Mitbestimmung der Basis. Zugleich kritisiert er Netzwerkstrukturen und die Leistung des derzeitigen Spitzenpersonals der SPD.

SPD-Abgeordneter Özdemir stellt Regierungsbeteiligung infrage
Mahmut Özdemir (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Mahmut Özdemir stellt nach den jüngsten Landtagswahlen die weitere Beteiligung seiner Partei an der Bundesregierung infrage. Entscheidend sei, ob die SPD das Leben der Menschen tatsächlich besser mache, sagte Özdemir der "Welt".

Regierungsbeteiligung an konkreten Ergebnissen messen

Özdemir kündigte an, den Fortbestand der aktuellen Regierungskoalition an klaren Wenn-dann-Sätzen zu messen. Wenn konkrete Probleme gelöst würden, habe dieses Bündnis seiner Ansicht nach eine Berechtigung. Wenn es dafür aber weder Lösungen noch eine klare Idee gebe, müsse man den Mut haben zu sagen, dass die Koalition es nicht wert sei, weiterzuregieren.

Die SPD solle sich nach seinen Worten daran messen lassen, ob sie sozialdemokratische Antworten auf die zentralen Sorgen der Bürger liefere. Bleiben solche Antworten aus, stelle sich für ihn auch die Frage nach der generellen Regierungsbeteiligung der Partei.

Mehr Mitbestimmung der Mitglieder und möglicher Kurswechsel

Özdemir fordert eine stärkere Beteiligung der SPD-Mitglieder an grundlegenden Entscheidungen. Er unterstützt die Forderung der Ruhr-SPD nach Mitgliederkonventen und erinnert daran, dass die Basis den Koalitionsvertrag gebilligt habe.

Aus seiner Sicht müssten die Mitglieder deshalb auch darüber entscheiden, ob es eine Kurskorrektur brauche. Aus solchen Entscheidungen könnten nach Özdemirs Auffassung personelle Konsequenzen folgen. Dazu gehöre ausdrücklich die Frage, ob Regierungs- und Parteiämter wieder stärker voneinander getrennt werden müssten und wer die SPD künftig glaubwürdig vertreten könne.

Kritik an Parteiführung und Personalbesetzung

Entscheidend sei für Özdemir die Frage, ob die Mitglieder den Kurs der Parteiführung und der Bundesregierung noch mittragen. Wenn diese Geschäftsgrundlage nicht mehr bestehe und es keine sozialdemokratischen Lösungen gebe, müsse man die Regierungsbeteiligung infrage stellen.

Das Argument, ein Ende der Regierungsbeteiligung könne der AfD nutzen, lässt der Abgeordnete nicht gelten. Zu sagen, man müsse allein weitermachen, weil sonst die AfD profitiere, greife für ihn zu kurz. Wenn man mit der bisherigen Strategie der Hoffnung einfach so weitermache, könne aus seiner Sicht genau das ebenfalls passieren.

Vorwurf dominierender Netzwerke in der SPD

Kritisch äußerte sich Özdemir auch zur Besetzung von Spitzenpositionen innerhalb der SPD. Auf die Frage, ob dabei Leistung oder Netzwerke entscheidend seien, sagte er, sein Eindruck sei, dass solche Netzwerke ihre Leute in Positionen und Ämter brächten.

Der Maßstab für Personalauswahl müsste nach seinen Worten erfolgreiche sozialdemokratische Politik sein. Diese müsse sich auch in Wahlergebnissen und Umfragen zeigen. Beides könne das aktuelle Personal nach Özdemirs Einschätzung nicht vorweisen.

Die Äußerungen von Mahmut Özdemir fallen in eine Phase erheblicher Verunsicherung innerhalb der SPD nach mehreren verlorenen Landtagswahlen. Schlechte Umfragewerte auf Bundesebene und Stimmenverluste in den Ländern haben die Diskussion über Kurs, Personal und Regierungsstil der Partei deutlich verschärft.

Innerparteilicher Druck auf die Ampel-Strategie

Özdemir greift einen zentralen Konflikt der SPD auf: Viele Mitglieder und Funktionäre erleben die sozialdemokratische Handschrift in der Ampelkoalition als zu schwach. Streit um Haushaltskürzungen, Sozialpolitik, Migrationsfragen und die Finanzierung öffentlicher Investitionen hat den Eindruck verstärkt, dass zentrale SPD-Versprechen nur begrenzt eingelöst werden. Wenn Abgeordnete offen die Frage stellen, ob die Regierung ihre Existenzberechtigung verliert, falls sie die Lebenslage der Menschen nicht erkennbar verbessert, erhöht das den Druck auf Kanzleramt und Parteiführung.

Bedeutung der Mitglieder und mögliche Konsequenzen

Die Forderung nach Mitgliederkonventen knüpft an die lange Tradition innerparteilicher Mitbestimmung in der SPD an, etwa bei früheren Koalitionsverträgen. Neu ist, dass nun nicht nur über Inhalte, sondern ausdrücklich auch über personelle Konsequenzen und eine mögliche Trennung von Partei- und Regierungsämtern gesprochen werden soll. Das könnte mittelfristig zu einer Diskussion über die Doppelrolle führender SPD-Politiker führen und im Extremfall auch über Personalwechsel an der Parteispitze oder im Kabinett.

Ausblick auf die Koalitionsfrage

Indem Özdemir das Argument zurückweist, ein Ende der Regierungsbeteiligung würde automatisch der AfD nutzen, öffnet er ein Tabu in der aktuellen Debatte: Die Möglichkeit, die Ampel vorzeitig zu beenden, wird nicht mehr nur im Oppositionslager, sondern nun auch von einem SPD-Bundestagsabgeordneten laut diskutiert. Ob daraus konkrete Schritte folgen, hängt von weiteren Wahlergebnissen, der Stimmung in der Mitgliedschaft und der Fähigkeit der Regierung ab, sichtbare Verbesserungen zu erreichen.

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