Arbeitsschutz, Gesundheitspolitik

Strengere Attestregeln könnten Fehlzeiten verlängern

Veröffentlicht am: 26.08.2026 um 06:57 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Die Pflicht zum Attest gleich ab dem ersten Krankheitstag könnte laut einer neuen Yougov-Umfrage dazu führen, dass Beschäftigte sogar länger fernbleiben – das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung.

Umfrage: Attestpflicht ab Tag eins könnte Fehlzeiten verlängern
Arztpraxis fĂĽr Allgemeinmedizin (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur
Eigentlich klingt es so logisch: Wer krank ist, bringt sofort ein Attest – alles ist dokumentiert, die Arbeitsmoral soll steigen. Doch bei näherem Hinsehen gestaltet sich die Wirklichkeit, wie so oft, etwas widerspenstiger.

Reaktionen der Arbeitnehmer

Laut einer aktuellen Yougov-Befragung für den Sozialverband VdK, (wie „Tagesspiegel Background“ berichtet) hätten 21 Prozent der Befragten im Falle einer Attestpflicht ab Tag eins vor, sich lieber gleich etwas länger krankschreiben zu lassen – aus rein pragmatischen Gründen: Sie wollen nicht noch einmal zum Arzt rennen. Fast schon zynisch: 14 Prozent der Antwortenden räumen ein, sie würden dann wohl direkt mit Schnupfnase oder Halsschmerzen weiter ins Büro gehen, um sich den ganzen Aufwand zu sparen. Wer braucht schon Ansteckungsgefahr?

Fehleinschätzungen und Misstrauen

Drei Prozent würden stattdessen lieber Urlaubstage opfern, auch wenn sie krank sind – Hauptsache, der Arzt bleibt verschont. Der große Rest, 60 Prozent, gibt an, alles beim Alten zu lassen. VdK-Präsidentin Verena Bentele schlägt Alarm: Wer Beschäftigte zwingt, schon am ersten Krankheitstag zum Arzt zu hetzen, erntet letztlich das genaue Gegenteil von dem, was die Reform will. Sie warnt vor einer trügerischen Logik – so als ließe sich Vertrauen einfach per Vorschrift erzwingen.

Realität und Vorurteile

Besonders spannend: Die Umfrage widerlegt das gern beschworene Bild vom massenhaften Krankfeiern. 73 Prozent sagen, sie melden sich nur dann krank, wenn sie wirklich ausfallen müssen. Nur ein winziges Häufchen – 3 Prozent – gibt an, auch mal gesund eine Krankmeldung vorgetäuscht zu haben. VdK-Chefin Bentele sieht darin einen Beweis für ein grundlos pessimistisches Bild vom Arbeitnehmertum: Wer überall nur Schummler sieht, vereinfachte das Problem auf Kosten vieler ehrlicher Leute. Ich frage mich manchmal wirklich, wer aus welchem Blickwinkel hier eigentlich wem unterstellt, „auszunutzen“.

Die Umfrage zeigt, dass eine Pflicht zum Attest ab dem ersten Krankheitstag eher zu längeren Fehlzeiten und sogar zur „Präsentismus“-Problematik führen könnte, also dazu, dass Erkrankte trotzdem zur Arbeit gehen. Die Mehrheit der Arbeitnehmer gibt an, Krankmeldungen nur im wirklichen Krankheitsfall einzureichen, wodurch das Argument eines weitverbreiteten Missbrauchs nur wenig Substanz hat. Ärztinnen und Ärzte, Gewerkschaften und der VdK warnen angesichts dieser Zahlen vor zusätzlichen Belastungen für das Gesundheitssystem und sehen in der Diskussion einen Ausdruck von Misstrauen und Kontrollwahn, der an den Bedürfnissen der Beschäftigten vorbeigeht. Recherchen aus aktuellen Medienberichten zeigen außerdem: Auch verschiedene Unternehmen und Branchen sehen die Debatte um Attestregeln kritisch. Viele Arbeitgeber kritisieren den Mehraufwand sowohl für Personalabteilungen als auch für Arztpraxen und plädieren für flexiblere Lösungen, etwa digitale Krankschreibungen. In öffentlichen Debatten wird immer wieder auf die gefährlichen Nebeneffekte hingewiesen: Mehr Krankenstände und eine Belastung der ohnehin strapazierten Gesundheitsversorgung könnten die Folge sein. Gerade in der Grippesaison 2024 häuften sich Berichte über überfüllte Hausarztpraxen schon ohne neue Regelungen.

  • Die FAZ diskutiert ausfĂĽhrlich die potenziellen Folgen der geplanten Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag. Besonders hervorgehoben werden darin die mögliche Belastung der Arztpraxen, die BefĂĽrchtungen der Arbeitgeber sowie die weiterhin hohe Belastung im Gesundheitswesen. Auch ökonomische Aspekte, etwa Produktivitätsverluste durch längere Fehlzeiten, werden thematisiert (Quelle: FAZ).
  • Der Spiegel analysiert die Debatte um die Attestpflicht anhand zahlreicher Stimmen aus Politik und Gewerkschaften. Es wird deutlich, dass insbesondere kleinere Unternehmen und Gesundheitsexperten die geplante Ă„nderung als bĂĽrokratische HĂĽrde und Fehlanreiz betrachten. Die Reportage beleuchtet zudem, wie Beschäftigte in anderen EU-Ländern mit vergleichbaren Regeln umgehen und welche Modelle dort erfolgreich sind (Quelle: Der Spiegel).
  • Die SĂĽddeutsche Zeitung widmet sich in einer aktuellen Analyse den gesundheitlichen und sozialen Folgen sogenannter „Präsentismus“ – also wenn Menschen trotz Krankheit aus Angst vor Nachteilen weiterarbeiten. Dort wird die Attestpflicht als möglicher Treiber fĂĽr genau dieses riskante Verhalten eingeordnet, zudem gibt es Stimmen von Betriebsärzten und Betroffenen, die berichten, wie solche Vorgaben ihre Arbeit und ihr Wohlbefinden beeinflussen (Quelle: SĂĽddeutsche Zeitung).

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