Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten Deutschlands gewählt
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 12:43 Uhr | dpa, AD HOC NEWSTobias Rausch ist in Sachsen-Anhalt zum ersten Landtagspräsidenten der AfD in Deutschland gewählt worden.
48 Stimmen im ersten Wahlgang
Der 35-Jährige erhielt im Landtag in Magdeburg im ersten Wahlgang 48 Ja-Stimmen. 29 Abgeordnete stimmten gegen ihn, fünf enthielten sich, wie Alterspräsidentin Eva von Angern mitteilte.
Damit ist Rausch protokollarisch der ranghöchste Politiker Sachsen-Anhalts. Er leitet künftig die Sitzungen des Parlaments und repräsentiert den Landtag nach außen.
AfD verfehlt absolute Mehrheit
Die AfD hatte die Landtagswahl am 6. September mit 43,8 Prozent gewonnen, aber die absolute Mehrheit verfehlt. Das BSW, das mit fünf Abgeordneten im Landtag vertreten ist, hatte vorab angekündigt, Rausch zu unterstützen.
AfD und BSW verfügen zusammen über 44 Sitze. Die Wahl war geheim. SPD, Grüne und Linke hatten angekündigt, gegen Rausch zu stimmen. Die CDU-Fraktionsspitze empfahl ihren Abgeordneten, sich zu enthalten.
Kritik an AfD-Kandidaten
Der Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem ein. Vor der Wahl gab es deshalb Kritik an Rauschs Kandidatur. In der vergangenen Legislaturperiode waren mehrere AfD-Kandidaten für das Vizepräsidentenamt wiederholt gescheitert.
Rausch gehört dem Landtag seit 2016 an und ist gelernter Immobilienkaufmann. Er war zuletzt parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Vor seiner Wahl sagte er: „Ich bin kein Hardliner, ich bin pragmatisch.“
Vorwürfe der Vetternwirtschaft
Anfang des Jahres war Rausch mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft konfrontiert. Mehrere seiner Geschwister waren zeitweise bei einer Bundestagsabgeordneten beschäftigt. Rausch erklärte, an deren Anstellung nicht beteiligt gewesen zu sein.
Zudem beschäftigte er zeitweise mehrere Spieler eines Staßfurter Fußballvereins in seinem Abgeordnetenbüro, dessen Vorsitzender er zugleich war. Vorwürfe im Zusammenhang damit wies er zurück.
Ministerpräsidentenwahl im Dezember
Für die AfD ist die Wahl ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Regierungsbildung. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich im Dezember zum Ministerpräsidenten wählen lassen.
Historische Zäsur für das Landesparlament
Mit der Wahl übernimmt erstmals ein AfD-Politiker den Vorsitz eines deutschen Landesparlaments. Der Landtagspräsident leitet die Sitzungen, führt den Ältestenrat, übt das Hausrecht aus und vertritt den Landtag nach außen. Das Amt ist damit parlamentarisch und protokollarisch deutlich mehr als eine repräsentative Funktion.
Politisch fällt die Wahl in eine Phase, in der die AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent stärkste Kraft geworden ist, aber keine eigene Mehrheit besitzt. Die Unterstützung des BSW verschafft ihr beim Parlamentsvorsitz den entscheidenden Spielraum. Zugleich bleibt offen, ob diese Zusammenarbeit auch für die im Dezember anstehende Ministerpräsidentenwahl und für zentrale Gesetzesvorhaben trägt.
Belastungsprobe für parlamentarische Regeln
Die Wahl wird deshalb zum Test, wie das Parlament mit einer Partei umgeht, die der Verfassungsschutz im Land als gesichert rechtsextrem einstuft. Für Bürgerinnen und Bürger ist vor allem relevant, ob die Sitzungsleitung überparteilich ausgeübt und die Rechte der Opposition unabhängig von politischen Mehrheiten gewahrt werden.
Die angekündigte Ministerpräsidentenwahl im Dezember verschärft die Spannung. Anders als beim Landtagspräsidenten reicht eine punktuelle Mehrheit nicht automatisch für eine stabile Regierungsarbeit. Entscheidend wird sein, ob AfD und BSW über die heutige Abstimmung hinaus verlässliche Vereinbarungen treffen oder ob Sachsen-Anhalt vor weiteren institutionellen und politischen Konflikten steht.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
MDR: „Tobias Rausch: Strippenzieher im Hintergrund“ (06.10.2026)
Der MDR zeichne Rauschs langjährigen Aufstieg innerhalb der AfD nach und hebe seine Funktionen im Landtag sowie die gegen ihn erhobenen Vorwürfe hervor. Anders als die dpa-Meldung lege der Beitrag einen Schwerpunkt auf seine politische Biografie und lasse Kritiker sowie die Bewertung des Amtes ausführlicher zu Wort kommen.
Tagesspiegel: „Designierter AfD-Landtagspräsident Tobias Rausch: 'Wir brauchen diese Mehrheiten verbindlich'“ (06.10.2026)
Das Interview gebe Rausch mit der Einschätzung wieder, die Unterstützung des BSW bedeute keine dauerhafte Zusammenarbeit und für die Regierungsbildung seien verbindliche Mehrheiten nötig. Es bestätige damit den im Nachrichtenbericht beschriebenen Zusammenhang zwischen der Wahl des Landtagspräsidenten und der geplanten Ministerpräsidentenwahl, setze den Schwerpunkt aber auf Rauschs eigene politische Bewertung.
Beide Beiträge bestätigten die historische Bedeutung der Wahl und die zentrale Rolle des BSW. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Blickwinkel: Der MDR fokussiere Biografie und Kritik, während der Tagesspiegel die Mehrheitsfrage und Rauschs strategische Positionen beleuchte.
