Razzien gegen Letzte Generation in sieben LĂ€ndern
24.05.2023 - 14:08:42 | dpa.deMit einer Razzia in sieben BundeslĂ€ndern sind Polizei und Staatsanwaltschaft gegen die Klimaschutzgruppe Letzte Generation vorgegangen. Rund 170 Beamte durchsuchten vom frĂŒhen Morgen an 15 Wohnungen und GeschĂ€ftsrĂ€ume, wie die Generalstaatsanwaltschaft MĂŒnchen und das bayerische Landeskriminalamt mitteilten. Der Tatvorwurf lautet auf Bildung beziehungsweise UnterstĂŒtzung einer kriminellen Vereinigung.
Ermittelt wird gegen sieben Beschuldigte, die zwischen 22 und 38 Jahre alt sind. Festnahmen gab es zunĂ€chst nicht. Zwei Aktivisten stehen den Ermittlern zufolge im Verdacht, im April 2022 versucht zu haben, die Ăl-Pipeline Triest-Ingolstadt zu sabotieren, die Bayern versorgt. LKA-Sprecher Ludwig Waldinger sagte: «Diese wurde angegangen, wurde beschĂ€digt.» Die Versorger hĂ€tten die Ălzufuhr stundenlang unterbrechen mĂŒssen.
Durchsucht wurde auch die Wohnung der nach vielen TV-Auftritten bundesweit bekannten Sprecherin Carla Hinrichs in Berlin-Kreuzberg. Sie berichtete spĂ€ter: «Die Polizei hat die TĂŒr eingetreten und ist mit gezogener Waffe in mein Zimmer gelaufen, als ich noch im Bett lag. Um mich einzuschĂŒchtern, um mich abzuhalten, der Ăffentlichkeit zu erzĂ€hlen, dass die Katastrophe vor der TĂŒr steht.»
Das Bayerische Landeskriminalamt bestÀtigte lediglich, dass eine Einheit der Berliner Polizei die Wohnung betreten habe. «Wie sie sie betreten hat, ist Polizei-Taktik. Und dazu sagen wir nichts.»
Zahlreiche Strafanzeigen
Hintergrund der Ermittlungen und Durchsuchungen sind laut Staatsanwaltschaft zahlreiche Strafanzeigen. Die Gruppe macht regelmĂ€Ăig mit Sitzblockaden und Aktionen in Museen auf die fatalen Folgen der Erderhitzung aufmerksam. Die Mitglieder kleben sich dabei hĂ€ufig fest - an StraĂen oder auch an Kunstwerken.
Die Klimaschutzaktivisten selbst bestritten vehement, kriminell zu sein und riefen fĂŒr kommenden Mittwoch zu ProtestmĂ€rschen auf. Eine erste Demonstration mit mehreren hundert Teilnehmern gab es am Mittwochabend in Berlin.
«MĂŒssen wir in Deutschland erst eine DĂŒrre erleben, an Nahrungsmittelknappheit leiden (...), bevor wir verstehen, dass die Letzte Generation fĂŒr unser aller Leben einsteht und dass das nicht kriminell ist?», fragte ihre Sprecherin AimĂ©e van Baalen. UnterstĂŒtzung kam vom geschĂ€ftsfĂŒhrenden Vorstand von Greenpeace, Martin Kaiser: «Mit Hausdurchsuchungen auf den unbequemen, aber friedlichen zivilen Ungehorsam der Letzten Generation zu reagieren, ist vollkommen unverhĂ€ltnismĂ€Ăig.» Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) erklĂ€rte dagegen, die MaĂnahmen zeigten, «dass der Rechtsstaat sich nicht auf der Nase herumtanzen lĂ€sst».
Zentraler Vorwurf der Polizei und Generalstaatsanwaltschaft ist, dass die Beschuldigten eine Spendenkampagne zur Finanzierung weiterer Straftaten organisiert haben sollen. So seien mindestens 1,4 Millionen Euro eingesammelt worden. Woher das Geld stamme, sei Gegenstand der Ermittlungen. Wie viel beschlagnahmt wurde, sagte die Polizei zunÀchst nicht. Gesucht wurde demnach auch nach «Beweismitteln zur Mitgliederstruktur».
Durchsuchungen gab es in sieben BundeslĂ€ndern, konkret in Hessen im Landkreis Fulda, in Hamburg, Sachsen-Anhalt (Magdeburg), Sachsen (Dresden), Bayern (Augsburg und MĂŒnchen), Berlin und im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein. Die EinsĂ€tze verliefen ersten Informationen nach friedlich. Auf Anweisung der Staatsanwaltschaft wurde auch die Homepage der Gruppe beschlagnahmt und abgeschaltet.
In den vergangenen Wochen war das Umfeld fĂŒr die Aktivisten rau geworden. Genervte Autofahrer schlugen und traten die Protestierenden des Ăfteren und schleiften sie ruppig von der StraĂe, und das Landgericht Potsdam bestĂ€tigte erstmals den Anfangsverdacht, dass die Gruppe eine kriminelle Vereinigung sein könnte.
Scholz ĂŒber Anklebe-Aktionen: «Völlig bekloppt»
Am Montag hatte sich auch Kanzler Olaf Scholz ungewöhnlich kritisch geĂ€uĂert und die Anklebe-Aktionen der Gruppe «völlig bekloppt» genannt. Am Dienstag beschmierten acht Aktivisten als Reaktion auf die Aussage die SPD-Parteizentrale in Berlin mit Farbe.
Die Aktivisten forderten anfangs ein «Essen-Retten-Gesetz» gegen Lebensmittelverschwendung. Die derzeitigen Forderungen sind Tempo 100 auf Autobahnen und ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket fĂŒr den öffentlichen Verkehr.
Angesiedelt sind die Ermittlungen bei der Bayerischen Zentralstelle zur BekÀmpfung von Extremismus und Terrorismus. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft betonte aber, dass das nicht bedeute, dass man die Letzte Generation als extremistisch oder terroristisch einstufe. «Wir gehen nach jetzigem Ermittlungsstand davon aus, dass es sich um eine kriminelle Vereinigung handelt - wohlgemerkt nicht um eine terroristische», sagte der Sprecher.
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